Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Serie 4. Oesterrelchisch-ungarische Lnntoren-Aeitung. Nr. 16. laugen, ein festliches Gepräge und die Bedeutung der Oeffentlichkeit zu verleihen. Und das mag wohl auch der Grund sein, warum das Gebet — mehr als alle Gebote zusammen — einen so mächügen Einfluss auf das Volk ausübt, und warum ihm solche kostbare Altäre in Gestalt von Pracht- und glanzvollen Gottes- Häusern errichtet werden — ungeachtet des großen Aufwandes an Dienerschaft, um dem Gebete auch würdige, in allen seinen Disziplinen kundige und wohlerfahrene Beamte zur Seite zu stellen. Wie könnten wir sonst unsere religiösen und politischen Feste feierlich begehen und ihnen das Ansehen der Oeffentlichkeit und Gemeinschaftlichkeit geben? Wie sollen wir unseren Fasttagen die gehörige Weihe ertheilen und ihren nationalen Charakter kennzeichnen? Womit sollen wir in Leid und Freud unsere innersten Gefühle und Empfindungen zum Ausdruck bringen und unsere Nebenmenschen zum Mitfühlen anregen? Hier ist eine Hochzeit, dort eine Beschneidung und da wieder ein Todesfall, Alles läuft dann nach der Synagoge und greift zum Gebete. Der Eine, um seine Freude und sein Glück an den Tag zu legen, der Andere, um dadurch Schmerz und Trauer kund zu geben. Oder: Hier ist unsägliches Leid und tiefes Weh über unser armes, unablässig misshandeltes Volk ausgebrochen, und dort wieder ist ihm eine wunderbare Errettung zutheil geworden. Beide Theile brauchen nun das warme, inbrünstige Gebet. Der Erstere, um seine bittere Klage und seinen grenzenlosen Jammer zum Himmel emporzusenden und die göttliche Allmacht zum Erbarmen und zur schleunigen Hilfe anzurufen, und der Letztere, um sein banges Herz, ob der überstandenen Angst und Noth, vor dem Allmächtigen auszuschütten und ihm für die so plötzlich und unverhofft erstandene Hilfe aus üefstem Herzensgründe zu danken und ihn dafür zu lobpreisen. Zu all'dem also und noch manchem Anderen gehören Gebete, recht viele Gebebe. Und es ist in der That reichlich dafür gesorgt worden, nur müssen die Gebete alle zur rechten Zeit, am gelegenen Orte und in vernünftiger. ihnen zukommender Weise verrichtet werden. Wir haben uns hier die ernste Aufgabe gestellt, den jüdischen Gottesdienst, wie er jetzt besteht, unerschrocken und wahrheitsgemäß zu schildern, dann aber auch zu zeigen, wie er rechtmäßig sein könnte und sollte. Dabei wollen wir weiter nichts thun, als nur seinen Ursprung verfolgen und die Grundlage, auf welcher er zuerst erbaut wurde, aussuchen, um ihn auf derselben wieder aufzurichten. Vom ersten Theile der Aufgabe haben wir im Bisherigen bereits ein Erkleckliches redlich ge- Leistet, und es wäre jetzt schon an der Zeit, zum zweiten Theile zu-übergehen. Allein es bleibt uns, der Ausführlichkeit wegen, doch noch übrig, vorerst die einzelnen Gebete selbst, nebst den sie begleitenden Gebräuchen oder gar Missbrüuchen, kritisch zu beleuchten, sowie ihre ursprüngliche Bestimmung und spätere falsche Behandlung einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen. Wir fangen hier gleich ״von Vorn" an, nämlich in dem Sinne, dass Alles vor ,.Jischtabbäch“ im Volksmunde ״von Vorn" genannt wird und so viel heißt, wie Nebensächliches. Die beiden religiösen Dichtungen ,.Jigdal׳•־ und ,Adaun ־aulom“ sind sicherlich nicht dazu geschaffen, um an der Spitze des Morgengebetes zu stehen und leer hergesagt zu werden, sondern sie werden am allerehestcn dazu bestimmt sein, im Bunde mit der Musik in Form eines hübschen Liedes die Feste und Festlichkeiten zu verherrlichen und zu verschönen. Und in der That werden sie außer dem gewohnheitsmäßigen täglichen Gebrauche auch so angewandt, dass man sie am Schlüße der Festabende, stellenweise das eine oder das andere, und an den Abenden von ,.Lol nidre ‘ und Simchas tauroh:l überall alle beide, absiugt. Hier zeigt sich auch die erste Trennung der beiden vornehmsten Riten, des polnischen und deutschen Ritus, indem der erstere das Morgengebet schon mit Jigdal beginnt, der letztere aber mit dem Anfänge von Adaun. aulom sich begnügt, während er das Jigdal ganz der musikalischen Ansfi'ihrung überlässt. ‘' Wie wir jetzt die Morgensegensprüche (ברכות השחר) ge- . brauchen, ist eigentlich nicht das Richtige. Ursprünglich sollen sie' die verschiedenen Akte des Ankleidens beim Aufstehen begleiten, so dass bei jeder veränderten Handlung des Anziehens jehesmal der geeignete Segenspruch erfolgen müsste. Im wirklichen Sinne gesprochen gehören dieselben in die Tvilettenstnbe. Sollte effvas von der gewöhnlichen Ankleideprozedur ausfallen, wie z. B. am ,.Jom kippur1׳ und ,.Tisch’oh beaw:: das Waschen uich Schuhanziehen, so fällt auch damit die hierzugehörende B,enediktion weg. (Vergl. ,. Jad hachasoko £,• Hilchaus tephilo Perikope 7.) Diese Menge von Venediktivnen ist aber aus den! Streben hervorgegangen, dass die respektable Zähl von hundert Berochaus voll gemacht werde, die jeder Jude, einem . talmudischen Ausspruche zufolge, täglich vollzählig zusammenbringen muß. In späterer Zeit nun, da die Unwissenheit immer gr.ößer und die Unwissenden immer zahlreicher wurden, welche ,eben diese Segeusprüche alle nicht recht zu gebrauchen wussten, hat man dieselben in die Synagoge verlegt und an das Ge- ' meindegebet verwiesen. Unter diesen Segensprüchen aber befinden sich drei, die höchst befremdend klingen und zum ernstlichen Nachdenken ansfordern. Diese lauten: ״Dass er mich nicht gemacht hat zum Fremdling" (in gewöhnlicher Auslegungsweise Nichtisraelit); ״dass ermich nicht gemacht hat zum Sklaven"; ״dass er mich nicht gemacht hat zum Weibe", worauf die Frau mit ergebungsvoller Resignation spricht: ״Dass er mich gemacht hat nach seinem Willen." Wie, sollen wir das Gebet dazu missbrauchen, um den fälschen Egoismus groß zu ziehen und den nieberen Stolz des Geburtsvorrechtes sich breit machen lassen? Wenn dies der armen Frau gegenüber gellend gemacht wird, so kann man das noch einigermaßen in dem Umstande erklärlich finden, dass nämlich unter dem fraglichen Segensspruche die heutige Zeit gemeint ist, wo die,.Nedunjes“ so unmäßig hoch sind, dass sich ein Mann jetzt mit Recht glücklich schätzen darf, nicht als Mädchen geboren worden zu sein, in der Aussicht auf eine tüchtige Mitgift, anstatt eine solche vergeben zu müssen. Sonst wüssten wir wahrlich nicht, worauf der Vorzug des Mannes sich gründen sollte, angesichts so vieler und edler Frauen in allen Zeiten, denen gegenüber wir recht froh sein dürften, wenn wir nur ein wenig ihnen nachahmen könuten.Mit welchem Rechte aber dürfen wir uns über unsere andersgläubigen Mitmenschen überheben? Kann wohl das lautere, gerechte Judenthum eine solch' ungerechtfertigte Selbstüberschätzung begünstigen? Allein, wenn man die Quelle aufsucht und nach dem Ursprung forscht, so erscheint das alles ganz erklärlich und einleuchtend. Früher war nämlich die Version "שעשני ישראל u. zw. ist damit blos der wissende Israelit gemeint gewesen, was eben die Zusatz-Bsrooho ״שלא עשני בור״ deutlich beweist. Und das ist doch wahrlich nichts Unrechtes, wenn man sich mit seinem Volke und feinem Glauben glücklich preist und feine nationale Wissenschaft hochhält und ehrt, besonders wenn dieselbe, wie die nuserige, die ganze Religion stützt, ׳und hält; wir