Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-06-15 · Heft 16 (15.6.1894) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 16 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453320--4039-3458458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16? Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitang trächtliche Anzahl dieser Unglücklichen nach Großpolen, Rufsland, Großmahren und der Balkanhalbinsel versprengt haben, aber alle rasch hintereinander folgenden sechs Kreuzzüge von 1147—1270 mit ihren Tod und Verderben bringenden Folgen für die mosaischen Glaubensgenossen haben es nicht vermocht, den Strom der Auswanderer nach dem slavischen Europa in jenem Maßstabe zu beschleunigen, wie die Jndenverbannung aus Frankreich, Spanien, Portugal und England. Begünstigt und gefördert durch die sprichwörtliche Gutmüthigkeit und Toleranz des Slavenvolkes, haben die Israeliten ziemlich guten Unterschlupf in diesem breiten Ländercomptex gefunden, an Zahl und Lalmudgelehrtheit kolossal zugeuommen, aber an Civilisation bedeutend eingebüßt. Die Synagogenlitnrgie näherte sich mehr und mehr ihrem Abschlüsse zu und wurde durch die Erfindung Guttenbergs ein Gemeingut Aller. In dem Maße als die schrift- und leseusunkundige Menge zum tieferen Einblick und zur Kenntnis des quellenreichen Bornes des Bettextes gelangte, machte sich auch das Bedürfnis nach solchen Singweisen fühlbar, die wegen der Unzulänglichkeit des Chasonus als ein Gebot der Nothwendigfeit sich herausgestellt haben. Und auch da folgte die Masse dem natürlichen Gange der Dinge; sie baute auf der unerschütterlich festen Grundlage des Chasonus Stock an Stock an und schaffte eousequent immer mehr Raum unb Ausdehnung zur sicheren Unterbringung der synagogal - liturgischen Textmenge. Das Original, dem sie in guten und schlechten Nachbildungen und Nachempfindungen Glicht einmal ernstlich näher zu kommen strebte, ist die slavische Volksmelodie, die stavische Volksmelodie in ihrer unendlichen Manigfaltigkeit, in ihren schwermuthsvollen, lustigen und ernsten Weisen, wie sie uns vom Landmann, vom Hirten, vom geigenden und pfeifenden Wandermusikus in den Steppen Russlands, auf dem polnischen Flachtande, in den dinarischen Alpen, in den serbischen und bulgarischen Thalebenen dies- und jenseits des unteren Donaulaufes zum Besten gegeben werden, und die wir noch heutigen Tages, nicht ohne Bewunderllng, um ihrer Aehnlichkeit Nullen mit den Steigerarten, zu hören bekommen. Aus dem Gesagten lässt sich nun folgerichtig ans das Alter und' die Eigenart des Steigers schließen. Zugegeben, dass er sich in den antiken Skalenrahmen eines geistreichen Collegen einstigen lässt, geht unsere Ansicht dahin, dass er ein Aggregat, eine Mischart von Traditions- und slavo-orientalischen Volksweisen sei, entstanden vor beiläufig 500 Jahren und seitdem durch geschickte und sangesbegabte Chasonim nach mehrseitiger Richtung ausgestaltet, aber in nichts alterirt. Man muß gerade nicfjt in der Hexenküche Rameans die harmonischen Weisheitsregeln geschöpft haben, um den Beweis ad oerdos demonstrandum zu bringen, dass alle vier Steigerarten nichts anders sind und nichts anders sein können, als die wohl- oder übelgerathenen Söhne des Chasonus, die sich in Bildung und Weltmanieren zu einer recht jüdischen Specialität nach und nach herausgewachsen. Wäre ich Herr meiner Zeit und müsste ich Glicht fürchten, diese harmlose Plauderei ins Unendliche auszuspinnen, ich würde es, das Chasonus als Muster haltend, in musikalischer Analyse und Notenbeispieten beweisen, dass dem Adonöj Nolooli-Steiger d as Erstgeburtsrecht, dem dsoütadaotr-Steiger, die des Zweiten und den Uebrigen, die des Dritten und Vierten zusteht. Das Bedauerlichste an der ganzen Geschichte ist die sehr betrübende Erscheinung, dass, während unsere Glaubensgenossen in Russland, Polen, Galizien und Rumänien in den barocken Ausbau des Seite 8. Steigers Taet und Rhythmus, Biegsainkeitnnd Schnliegsainkeit, gebracht haben, sie den'traurigen Nahm in noch höherem.Mrße genießen, in dem singenden und^ schreienden Mitbeten das Varzüglichste zn leisten und das Chasonus nur noch, in den dürstigstW... Umrissen zu kennen. Damit ist. auch eine Zweite, ,nicht, minder . räthselhafte Erscheinung in Zusammenhang zus bringen. Das ' abendländische, oftunb norddeutsche, und. mit״ ihm auch ein gut Theil des österr.-ungar. Jndenthums,?)atangeblichdem.. Zeitgeist und dem Fortschritte 'Rechnung /tragend, die Steiger- ,? arten als Ausgeburt einer schwellenden, zügestöseil.Phantasse, aus dem Gotteshause fast gänzlich verdrängt, im. Gegensatz zum slavischeu und sonst orthodoxen Jndenthnm, welches die ^Chvr-? schul" und den Chorgesang herzlich verabscheut. Und doch lässt . sich die Thatsache nicht aus der Welt schassen, dass hier, wü? überall, der Weg in der Mitte liegt: Mm mise umise 51. tanacli jodeclio. Die Respvnsorien, welche Nestor Sulzer selbst-? ständig oder im Vereine mit Fachmusikern ersten Ranges bahnbrechend für alle Zeiten geschaffen, möchten wir um keinen Preis verinissen; sie verleihen dem Gottesdienst eine Weihe und der Andacht einen wahren Heiligenschimmer,..wie ,'sie hurch. ' irgend einen Kunstgesang eindrucksvoller kam jemals .erzielt worden sind. Wir dürfen uns aber andererseits, nicht der Ein.- s sicht eutschlagen, dass auch die Steigerarten, ebenmäßig und abgetönt, sei es in Cantilen- oder in Reeitativsorm vvrgetragen,.. eine nicht zu unterschützende Zugkraft für unsere Bethauser b.edeuten. Chasonus und Steiger, beide sind ein heiliges Ber- ... mächtnis unserer Väter. Durch Drang und Sturm, durch-Rassen- und Classenanfeindung, durch Aechtung, Verfolgung und Brand.-, markung haben sie siegreich bis aus uns sich den Weg geebnet. Sollte es aber jemals dazu kommen, dass Reeitativ und Choral nach Einer Richtschnur geordnet, um von Chor und. Gemeinde gleichmäßig respondirt zu werden, sollten wir es jemals erleben.,, dass die Syuagogenweisen zum Kirchengesange und das Reeitativ. zum Kirchenstyle verarbeitet und umgemodelt werden,, dann hat das letzte Ständlein des jüdischen Cantors geschlagen! . Ich habe mich nun gründlich ausgeplaudert, für den. einstigen Gesichtsschreiber des jüdischen Syuagogeugesanges manch beachtenswerthen Fingerzeig geliefert, im Ganzen aber nichts, als meine persönliche Anschauung ausgesprochen, die ich Niemanden als Gesetz aufdrängen möchte. Im Reiche der Vermuthung herrscht vollständige Gedankenfreiheit, frei ist auch das Wort,, wenn es nicht mit der staatserhaltenden Macht in Collision ge-, räth. Wer etwas über diesen Gegenstand zu sagen und zu.,, schreiben weiß, der lasse seine Stimme ertönen. Niemand, imjD. am allerwenigsten die ״Cantoren-Zeitung", wird dagegen Ein- , spräche erheben. ., Der jüdische Gottesdienst. - - ' VII.-. . Nach unseren letzten Ausführungen wird vielleicht Mancher verwundert ansrnfen : Nicht mehr als ,.Kerns scliema1‘ und ״Tepliilioli״, nur so wenig? Da lohnt sich's doch wahrhaftig nicht, wegen dieser paar Stückchen erst nach der Synagoge zist gehen! Ja, es ist wahr. Das wäre wirklich-zu tvenig für alle ' gottesdienstlichen Anforderungen einer Gemeinde! Man dars'ja' nicht vergessen, dass das Gebet zugleich das einW׳e׳'Mrtkel ists' um allen außerordentlichen Ereignißen und VorstMns 'wie sie^ im Leben und Wirken einer Gemeinde sa vielfältig׳ das Iahe hindurch zu Tage treten und einen Ausdruck׳ -nach-Außen 'der-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.