Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 16. sein dN und deshalb umso Leeigeneter ist, ' die Mängel und eiyMtarbciter-in diesem oder jenem Pul^^rM?Wir sich zu Schulden kommen lässt. Aber MichAg^urGnichtige Studie, wie diese Plauderei,!^^rDME^spÄlgende!Punkt ׳in einer der Aufhellung und-^Sprnchre 1 fheit bedürftigen Streitfrage. Somit wollen wir uns) dem' zweiten Thema, der Feststellung der Steigerarten, zuwenden. Mts.ist Steiger? Worin und wodurch unterscheidet er sichuvnrMasonns׳?.Wo ist die Heimstätte dieses liebenswürdigen Eindringlings?- In welchem Lande, in welcher Periode hat er : das Licht der׳ Welt erblickt? College::, ehemalige N'sckor'rim, rvelche den urkrüftigen und rvLirzigen Erdgeruch der N'sckorerzeiten in hungrigem, sattem und feuchtfröhlichem Zustande ooll und ganz eingesogen, und auch solche, die mit Neugierde und Bewundemng den dornen- 1111b distelreichen Vorbereitungscurs des angehenden Chasan verfolgen, werden es wissen, was es heißt, eine Hasbore in diesem oder jenem Steiger zu machen oder den Chasan durch einen gehaltvollen Hisorarls-Gang in die richtige- Stimmung Zu versetzen. Die gründliche Kenntnis und ^-Beherrschung aller Steigerarten, gepaart mit ein wenig Jwre ^.Pld. .?6118^11 kamilos bilden auch thatsächlich das Alpha und Ornegä eines gut polnischsingenden Chasan; darin allein steckt .׳seine Force, seine ganze G’-wure. Wehe, wer in diesem Labyrinth nicht ordentlich Bescheid weiß! Er mag singen wie Walter, coloriren wie die Bianchi, recitiren wie Strakosch — er ist und bleibt nach.. Ansicht aller M’winim, die des ״Jold“ (Laien) nicht.ausgenommen, ein gewaltiger ״Drongh Freilich gibts auch Sonntagskinder, die es gottlob nicht nöthig haben, sich mit diesen: Stück Nofteisens näher zu befassen, wofür sie die dankbare und aufgeklärte Welt b’romau schel auloin ein fetzt. Doch kommen wir Zur Sache. Es gibt unseres Wissens nur vier Steigerarten und, wenn .man den zigeunerhaften, possierlichen ״Klawaner" hinzuaddirt, deren fünf. Wir bleiben aber bei der Zahl Vier, und wer sich .darüber ärgert, der möge seinen grimmen Zorn in einer fachdienlichen Widerlegung bekunden. Ich werde nicht nur nicht böse, sondern im Gegentheil, hocherfreut sein über diese Belehrung, weil ich dem Grundsätze, der in den Spruch: Mikol M’lamdai Jiiskalti ausklingt, willig und gern huldige. Diese 4 Steiger- .arten kommen: 1. in demAdonoj-Moloch-; 2. in dem Jiscli־ takgek-Steiger; 3. in dem Akawo Bakko-Steiger und endlich .4. st: dem Aw Horackamim-Steiger zum lebendigen Ausdrucke. Ihnen fällt Alles zu, was mit Chasonus nur mangelhaft oder gar nicht bedacht wurde. Den Löwenantheil ninnnt der Adowog-Nolook in Ansprnch: sein Geltungsgebiet umfasst den L’cku' n’ran’no bis L’cko dodi, Adonoj molock, Boruck sckeomar bis Schocken ad, . Hakan! joducho, El odann, Tiskorach zurenn, die Ajimosi, Sg’olosi, B’rack dodi, Boruck atto bis ,m’ckaje kamessim, die Sckii o-Parodie von Be88ack und Sck'wuot, Haarizock, Bachem m'zukim, L’hiswada ulkigolaus, dann mit wenigen Ausnahmen den ganzen Cyclus ׳der Ackalckstaut, Sickraunaut und Sckaufraut. - ,Als .nächstgrößter Souverain im Reiche der Steiger ist her Akßrwo-Babbo anzusehen: er beherrscht am Sabbat und Feiertag , den W’hoaufanim bis goal Jisrol, den N’kadesck bis ׳ ausse sckolaum, den .Tikanto schabkos bis Ende der Sck'mone Essr.e, die Acußafpiutinr von Sckakkos sck'kolim, Kckakkos Barsckis Hackaudesck, den;Elohenu welohe awosenu zu Tal und Gesckem, dann alle Liturgiestellen, die aus vvrtragstechnischen Gründen qnintaufwärts der Mvllart zuneigen. Die dritte Violine in diesem Quadrifolinm spielt der Jischtabach, er begnügt sich schon mit Wenigem. Diese biedere, knrzar.gebunde Geselle nimmt es im Grunde genommen mit seinem Es, As und B gar nicht ernst; er gleicht in Bezug auf Geduld und Ausdauer so :nancher wackeren Cantornatur — er hält es nirgends lange ans. Die lauschigsten Winkel, die fettesten Bissen, der winzigste Textmnfang — dieser engnmschriebene und doch beneidenswerthe Wirkungskreis des Hymnus und der Verherrlichung Gottes bildet seine Domaine. Seine längsten Stellen der Haschkhvenu und der 'W’sckomru, werden nur noch vom simplen Baal T'klo in: disoktakack-Sleiger, vom echten und rechten Cantor hingegen im Akawo Bakko- Steiger recitirt, weil sich da die Excnrsion nach Moll, z. B. bei "Wdiosser soton, an: spielendsten belverkstelligen lässt. Sonst finden wir ihn vertreten im Schocken ad bis meleek El ehaj koaulomim 1111 Maarowis l’jom tow und in anderen wenigen Stellen, die dem obangedenteten Zwecke entsprechen. Eingedenk seiner flüchtigen Daseinsfrist, genießt er das Leben in vollen Zügen; zierliche Arpeggien in Terz—Quint—Octav, Quart—Sext—Octav, das Auf- und Absteigen einer Tonleiter in: Fiorituren-Schnellritte in: Octavenkreis von o—c, D—D und E—E hat er sich zum Tummelplatz erkiesen; hier tollt, springt und jagt er in Accorden, Läufen und Trillern mit der Unbäudigkeit und Zügellosigkeit eines Wildfanges. Der Aw Horachamim-Steiger ist sein intimster Widerpart; der weint immer, ob Schön ob Regen, lieberall, wo wir seiner ansichtig werden, i:u J’ki rozaun, Umip’ne ckatuenu, S’ckaur Backamecko, Emes ki atto ki jauzrom, u. s. f. trägt er ein weinerliches, griesgrämliches Gesicht zur Schau. Ihm und dem Aha wo Bakko-Steiger kömmt der prickelnde Blnteinschlag des ״Ktawaner" zugute; er muß sich auch mit dieser secundären Rolle begnügen, da er nirgends selbstständig aufzutreten wagt. Dafür aber hat er die Genugthnung, wenn der Chase:: gut pointirt und das Auditorium in der Jwre beschlagen ist, eine mächtige Wirkung hervorzubringen. Das ist der Steiger, wie er lebt und leibt, das ist der Totalumfang, die dominicirende Stellung, die er in Sidur und Blut, in der ganzen Synagogenliturgie einnimmt; das aber auch Alles, was wir über ihn wissen, er geht vollständig in der Zahl Vier auf. Und wieder drängt sich uns mit logischer Natnrnoth- Wendigkeit die Frage auf: Wer war früher, das Chasonus oder der Steiger? Man wolle es mir nicht krumm nehmen, aber ich sag's gleich heraus: Alle vier Steigerarten sind jüngeren Datuins, vielleicht ebenso jung als die Neuzeit, als welche-wir die Zeit- Periode von 1492—1789 rechnen; sie sind die wohl- oder übelgerathenen Söhne des Chasonus und können als solche bei strenger Analyse ihre Abkunft nicht verleugnen. Lächle nur, lieber College, ich werde es Dir klipp und klar beweisen, wenn Du etwa nicht zu jenen Finsterlingen zählst, die vor lauter Kleinlichkeitsrücksichten die Hauptsache vergessen. Tausendjährige'Spuren leiten uns allerdings zu der Einsicht, dass jüdische Einwanderer in: östlichen und nördlichen Europa ihre Hcimstätte aufschlugen. Wo dies indes zutrifft, können wir auch einen Nothzwang, eine treibende und drängende Ursache, erblicken. Der erste Kreuzzug (1096—1099), der verhängnisvoll fiir das abendländische Judenthnm ward, mag schon eine nicht unbe-