Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 15 (5.6.1894)
- Date
- 1894-06-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453319--4027-3458445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 (Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 15. bringen, denn im en ani li mi li. Wir sind also berufen und geradezu verpflichtet, unsere Standesehre hoch zu halten und uns als Männer der Würde im vollsten Sinne des Wortes zu zeigen. Werfen wir einen Blick nach anderen Staaten, so z. B. nach England, Frankreich, Amerika 2c. 2c., wo Rabbiner und Cantor als geistliche Funcüonäre in allen Kreisen betrachtet werden und als solche in best collegialer Freundschaft leben. Der Rabbiner sieht den Cantor als seinen unmittelbaren Amtseollegen an, und der Cantor führt den gleichen Titel wie der Rabbiner; L-evertzuck, d.h. Ehrwürden oiiei'Minister-Ofiiciaiit. Auch in den altehrwürdigen sephardischen Gemeinden bekleiden die ״Chasanim" hervorragende Stellungen und werden als die ersten Funcüonäre betrachtet und behandelt; im Oriente nehmen speciell die Chasanim, trotzdem Rabbiner zugegen sind, selbst Trauungen vor. Und schließlich bei uns in Oesterreich sind ja seit Sancüonirung des neuen Gemeindegesetzes die Cantoren als geistliche Funcüonäre (Religionsdiener) anerkannt. Diesen Verhälünßen und Thatsachen soll auch durch die äußere Form Ausdruck verliehen werden, und ich erlaube mir in dieser wichügen und ernsten Stunde, wo es unsere Aufgabe sein soll, die Standesinteressen nach Thunlichkeit zu heben, den Antrag zu stellen, dass wir von nun ab vorläufig für unseren collegialen Verkehr alle Zuschriften an Cantoren mit dem Titel ״Ehrwürden" versehen. Hoffen wir, dass sich später diese uns gebührende Ehrenbezeugung auch im Publikum einbürgern wird. Wir müssen, sowohl im Amte als außerhalb desselben, unsere Ehre und Würde zu wahren suchen." Der Vorsitzende glaubt, dass die Cantoren für eine.,. Titulatur überhaupt noch nicht reis sind. Ziehen wir, sagte er, eine Parallele zwischen dem Lehrer und Cantor von Einst und Jetzt, so sehen wir, dass der Lehrer vor 20 Jahren ein unangesehener, unversorgter armer Teufel war, während er jetzt von alldem das Gegentheil ist. Beim Cantor ist es aber nicht viel besser geworden. Warum? Die Lehrer haben eine Wissenschaff. Schaffen auch wir eine solche, verwissenschaftlichen wir sozusagen unseren Stand, dann zwingen wir die Obrigkeit und alle übrigen Factoren zur Anerkennung unseres Standes. Im Uebrigen ist Redner nicht gerade ein Gegner des Antrages Bauer und er würde denselben accepüren, insoserne es sich um den internen collegialen Verkehr handelt. Vielleicht kann er später eine weitere Ausdehnung finden. S t ö ß l e r-Neurausnitz ist gegen die Annahme des Titels ״Ehrwürden". Man würde vielleicht das den Cantoren als Anmaßung auslegen. Ueberdies werde dieser Titel als ein Privilegimn eines anderen Religionsdieners betrachtet und ein Eingriff in dasselbe würde die schon jetzt häufigen und unliebsanren Conflicte noch verschärfen. Singermann-Troppau erklärt sich insoserne für den Antrag Bauer, als der Titel vorläufig im collegialen Verkehr angewendet werden soll. Eine Anmaßung könne er hierin rächt erblicken, denn auch die Rabbinen haben sich ursprünglich den Titel selbst beigelegt und dann erst wurde er im Allgemeinen gebraucht. Der Titel ״Ehrwürden" wird weder von einer Be- Hörde noch von einem Institute verliehen, und es sei gewiss auch keine Ueberhebung seitens der Cantoren, wenn sie vermöge chres ehrwürdigen Amtes und vermöge ihrer Stellung als gottesdienstliche Funcüonäre aus diesen Titel Anspruch erheben. Das Verhältnis zwischen Rabbiner und Cantor werde dadurch nicht im mindesten beeinflusst. Zwischen Beiden bestünde eine alte Rivalität, so alt wie die beiden Aemter selbst. Nur durch das persönliche, friedliche Zusammenleben, das jeder Cantor zu fördern bestrebt sein soll, werde dieser alte Gegensatz ausgeglichen. Wenn von anderer Seite behauptet wird, dass es unter den Cantoren auch solche gibt, die des Titels ״Ehrwürden" nicht würdig sind, so weise Redner darauf hin, dass es in jedem Berufe und in jedem Stande, ja selbst in dem ehrwürdigen Rabbinerstande, minderwerthige Ausnahmen gibt. Rabbiner Reich-Floridsdorf entschuldigt zunächst sein Eingreifen in die Debatte. Einige bei Berathung des letzten Punktes gefallene Bemerkungen veranlassten ihn, selbst als Gast, das Wort zu ergreifen, da sein Schweigen sonst als Zustimmung aufgefasst werden könnte. Darum mache er von der durch den Vorsitzenden proclamirten Redefreiheit Gebrauch. Zur Sache selbst bemerkte Redner, dass es ihm ganz gleichgilüg sei, ob sich die Cantoren den Titel ״Ehrwürden" beilegen oder nicht, und er glaube, dass viele seiner Standesgenosfen so denken. Es wurde aber von mehreren Seiten auf das nahezu feindliche Verhältnis zwischen Rabbiner und Cantor hingewiesen. Er verstehe diese Rivalität nicht recht, eine solche sei eigentlich nur dann denkbar, wenn der Rabbiner schön predigt und der Cantor schlecht singt, oder der Cantor schön singt und der Rabbiner schlecht predigt. Eine principielle Gegnerschaft der beiden Functonäre existire nicht, und wo dieselbe dennoch Zu Tage tritt, sei sie lebhaft zu bedauern. Rabbiner und Cantor sollten fest Zusammenhalten und sich vielmehr vereinigen gegen einen gemeinschaftlichen Feind, den Redner nicht nennen will. Er habe, von diesem Gedanken geleitet, schon bei Z 1 der Statuten das Wort ergreifen wollen, um den Antrag zu stellen, dass der Cantoren-Verein in einen israelitischen Beamtenverein umgewandelt werde, an dem auch Rabbiner theitnehmen können. Mit einigen Bemerkungen über die Bedeutung des Wortes ״Ehrwürden" schließt Redner seine, stellenweise mit großem Beifalle anfgenommenen Auslassungen. Der Vorsitzende dankt Herrn Rabbiner Reich für den belehrenden Inhalt seiner Rede, vor allem aber für die durch sein Erscheinen bekundete Antheilnahme. Dem Anträge auf Umwandlung des Cantorenvereines in einen Beamtenverein könne jedoch, so gut gemeint er sei, die Versammlung nicht zustimmen, da die bereits bestehenden ähnlichen Vereine keine Prosperität zeigen. Wegen vorgerückter Stunde schließt hierauf Vorsitzender die heuüge Versammlung und es wird die Fortsetzung derselben für den nächsten Tag, 9 Uhr Vormittag, anberaumt. * * * Präses-Stellvertreter Bauer theilt mit, dass die k. u. k. General-Intendanz der k. k. Hoftheater den Theilnehmern des Cantorentages Freikarten für die heutige Vorstellung im Hofoperntheater (Carmen) zur Verfügung gestellt habe, und da eine genügende Anzahl von Karten vorhanden ist, hofft er, dass sämmtliche Anwesende der ehrenden Einladung Folge leisten werden. In gleich zuvorkommender Weise wurde von der Direcüon der internationalen Ausstellung in der Rotunde der fteie Besuch der Ausstellung gestattet, der für׳ den morgigen Nachmittag geplant ist. Diese Mittheilungen werden mit vielem Beifalle aufgenommen und den Herren Präses-Stellvertreter Bauer und Cassier Blatt, welche bei der k. u. k. General-Intendanz und