Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 15 (5.6.1894)
- Date
- 1894-06-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-mlgarische Lantoren-Aeitung. Nr. 15. Neber Chasonus und Steiger. Von Cantor Isidor Schwarz, Wien. Einen besseren, wenn nicht gar den einzig richtigen An- ׳ Haltspunkt für die malige Ausgestaltung der Traditionsweisen gewinnen wir, wenn wir, wie bereits bemerkt, dein Eutwickluugsgange der Synagogenliturgie schritt- oder sprungweise folgen. Der letzte Aufstand unter Anführung Bar Kochba's war von den Römern im Jahre 135 unterdrückt, und in Hellen Schaaren ergoß sich der Strom der Expatriirten nach allen Richtungen der Windrose; das Schicksal Judäas war endgiltig besiegelt. In Kleinasien, Arabien und Persien, wie auch am Nil und an dem mittelländischen Küstengebiete Nordafrikas begegnen wir denn auch im 3., 4. und 5. Jahrhundert größern jüdischen Ansiedelungen, die aber für uns weniger in Betracht kommen, weil der Krystallisirungsprocess biblisch oder rabbinisch erst im Werden begriffen war. Nach dem heidnischen Europa konnte der Emigrantenzug nur sehr unbedeutend gewesen sein, da er im Osten und Westen von den erbittersten Judenfeinden, den Römern, usurpirt war. Dieser Zeitabschnitt der Völkerwanderung und des mächtigen Ringens des Heidenthums mit dem Christenthum konnte somit auf den Bildungsgang der Synagogenliturgie und des Synagogengesanges einen bestimmenden Einfluss nicht ausüben. Die Conzilienbeschlüsse von anno 330 und die Edikte zur Rechtloserklarung der Juden von 429 weisen allerdings darauf hin, dass jüdische Einwanderer irgend im Westen Europas sich sesshaft gemacht haben, aber in welcher Dimension, ist bislang noch nicht aufgeklärt. Gehen wir also zum Mittelalter über. Romulus Augustulus und sein weströmisches Reich wurde durch den deutschen Söldnerführer Odoaker zu Boden geschmettert, (476) er selbst und sein italienisches Königthum vom Ostgothen Theoderich der Gr. 493 besiegt. Ein frischer Windhauch, ein sittlicher und sittigender Ernst, ein Vorgefühl menschenrechtlichen und menschenwürdigen Bewusstseins durzog den Continent, die Erhabenheit und Ethik der liebedurchglühten Lehre Chrisü wirkte reinigend auf die rohe und rauhe Hülle ihrer täglich wachsenden Bekenner. Diese Uebergangszeit vom 5. bis 8. Jahrhunderte ließ das vom Härten und Tücken heimgesuchte Judenthum nicht ungenützt verstreichen; langsam aber stetig strömte es, bald, in kleinen, bald in größem Wanderzügen dahin, wo Land und Leute die Möglichkeit einer Daseinsfristung minder oder mehr versprachen. Und thaffächlich sehen wir dort, wo der atlanüsche Ocean, die Adria, das Tyrrhenische, das Cantabrische, das Ligurische, das Jonische, das Mittelländische Meer und die Nordsee ein Stück gesegneten Erdreiches umspülen; in der subtropischen Zone, wo die Himmelbläue, das Sonnengold, Rebenblut und die duftenden Orangen Herz und Gemüth erfreuen; in dem einstigen Grermania prima, Hispania, Britannia, Grallia togata und Gallia Cisalpina der Römer, größere Ansiedlungen von Juden geschäftig Hausen. Diese Zufluchfftätte scheint den Wandermüden vorzüglich angeschlagen zu haben, ganz besonders aber in Spanien, wo die Juden unter der mehr denn fünfhundertjährigen Herrschaft der Mauren durch blühenden Wohlstand, Wissensreichthum und hohes Ansehen hervorgeragt haben. In den grünenden und lachenden Fluren des Abendlandes, wo Leuchten in Israel, wie Raschi, Alsaßi, Maimonides, Jbn Esra, Rambam, Tossafot Jomtob und v. A. m. gelebt und gewirkt, wo die weitaus größte Zahl der mit 1500 Köpfen veranschlagten Paitanim recht und schlecht gedichtet und gesungen — jene Zeit und jene Länder dürften für den Ausbau und die Vervollständigung der Synagogenliturgie und des Traditionsgesanges ausschlaggebend gewesen sein. Die Structur und die Gliederung des Chasonus zeigt uns denn auch in Tongefüge und Tonschwung eine frappante Aehnlichkeit mit dem deutscheu Sangesstyl, dem wir ebenso, unwesentliche Abweichungen abgerechnet, im ftanzöfischen chanson in der spanischen und schottischen Volksweise und in der italienischen Romanze des Oeftern begegnen. Versuches einmal, lieber College, wenn Du es anders zuwege bringst, den Kern von der Spreu zu sondern, den Juwel von der unschönen Hülle loszuschälen, den cantus firmus von den exclusiv jüdischen Schnörkeln, von dem colorirenden und colorirten Flitter zu befreien, Versuchs, ihn dadurch rein und richtig anzustimmen, und Du wirstüberrascht sein, zu welch' unerwartetem Resultate Du gelangst. Ich habe zwar noch Anderes im Leben zu thun, als mich mit einem schrecklich gelehrten Pathos in eine Chasonusstudie einzubohren, das hindert mich jedoch nicht, meine ausgesprochene Ansicht als in hohem Grade beachtenswerth hinzustellen. Ich bitte daher, nicht naserümpseud über einen Gegenstand hinwegzugehen, der an Verworrenheit und schroffen Gegensätzen nichts zu wünschen übrig lässt. Für die Stichhältigkeit des Gesagten, führe ich den von uns allzumal gekannten Chasonuscyclus als Beweis an. Die Componisten des Traditionsgesanges mögen wohl weniger zahlreich als die Piutdichter gewesen sein, sie entstammen auch verschiedenen Ländern und verschiedenen Epochen, indes haftet ihnen Allen ein Zug der Gemeinsamkeit an: Sie sangen und dichteten in einem Style, sie lauschten den Weisen ihrer arischen Zeitgenosseiz;.die rührendsten? Herztöne ab. Ob wir mm Ho81 b’saazumaus. den Hamelech, den AI horischonim, den L’daur wodaur, den Jisgadal, t>en Boruch. atto, den Olenu, den W’hakohanim, den Kol nidre, den Ki liine kachaumer, den Jaehbienu, ja selbst die unscheinbarste Piece des dom Kippur kotaun intoniren, der als jüngster Spross, der b6u 8'kuuim der Synagogenliturgie anzusehen ist, weil seiner weder der Talmud, die Midraschim, noch sebst die Poskim auch nur mit einem Sterbenswörtchen gedenken — immer und wieder kommen wir nachgerade zu der Ueberzeugung: das ist der An- und Ausklang rein deutscher Volksweisen, die wir überall heraushören; so und nicht anders hat das westeuropäische Judenthum des Mittelalters in der Synagoge und bei fonfügen Gottesdienstzwecken gesungen. Warum auch nicht? Setzen wir etwa nicht unseren ganzen Stolz darein, den Völkern und Staaten, die uns Schutz und Obdach, Heimatsrecht und Freizügigkeit gewähren, in Sprache und Sitten, in Bildung und Gewohnheit Zug um Zug nachzuahmen? Wer sollte es uns übelnehmen, dass wir uns statt der abhanden gekommenen Klänge Zijons der landesüblichen Volksmelodien in natura oder in fteier Nachbildung zur Verschönerung und Veredelung des Synagogengesanges bedienen? So war es vormal einst und so ist es auch heutzutage; Naa8s owaus jorscbn bonim. Will doch ein bedeutender jüdischer Litterat des 16. Jahrhunderts, Rabbi Joel Sirkisch, selbst Melodien christlicher Bethäuser und vornehmlich jene, nicht rein confessionellen Charakters in die Synagoge verpflanzt wissen, wenn die Vorhandenen nicht ausreichen, oder wenn sie den Fluch des Lächerlichen an sich tragen. Dass uns das Chasonus im Wege der mündlichen lieberlieferung vermittelt wurde, ist männiglich bekannt. Fahrende I Sänger, wandernde Händler, ein reger und regsam gepflegter