Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1894)
- Date
- 1894-05-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Gesterreichisch-rmgarische Lantoren-Aeitung. Nr. 14. Folge zu leisten. Kaum in Abydos angelaugt, wurde er sofort von Sabbatai in Audienz empfangen. Drei Tage laug dauerte die Unterredung, die der türkische Messias mit dem polnischen Propheten hatte. Sabbatai war aber trotz aller Beredtsamkeit nicht im Stande, sich mit Nehemia zu verständigen. Letzterer nannte ihn vielmehr einen Betrüger, eilte auf die Straße hinaus und ries laut — um sich vor den fanatischen Anhängern Sabbatai's schützen zu können — dass er bereit sei, Türke zu werden. Er verfügte fich sodann nach Adrianopel. Sabbatai merkte bald das Damoklesschwert, das über seinem Haupte schwebte, und entschloß sich, nachdem der Sultan ihm zurief: ״Ich werde drei vergiftete Pfeile auf dich abschießen lassen, wenn sie dich nicht tödten, will ich dich als den wahren Messias verehren", dem Rathe des Leibarztes des Sultans, Namens Moses b. Raphael, der zuüschen ihm und dem Sultan als Dolinetsch fungirte, Folge zu leisten und den Islam anznnehmen. Er nahm nämlich einem neben ihm stehenden Hofbedienstcten den Turban vom Haupte und setzte sich ihn auf. Der Siiltau war hiedurch besänftigt, ernannte if}11 znm Kapidgi Baschi und beehrte ihn mit dem Titel Efendi. Seine Verwandten uild sehr viele seiner Anhänger folgten seinem Beispiele und wurden Mvslemen. Trotz seines Abfalls vom Jndcuthume hat ein großer Theil der Bethörten noch immer nicht die Hoffnung, dass Sabbatai. der auch darin mit Juden verkehrte das jüdische Volk vom Drucke befreien und in das gelobte Land bringen werde, aufgegeben. So entstand die verwünschte Sekte der Sabbatianer oder ״Schäbsen". Die Rabbiner jedoch, denen das wüste Treibeir dieser Sektierer in der tiefsten Tiefe der Seele verhasst war, setzten es durch, dass der Schwärmer Sabbatai, der selbst als Renegat als Messias sich zu gerircn nicht entblvdete, von der Hauptstadt entfernt und in eine kleine Festung in der Nähe voll Belgrad iliterilirt wurde, wo er am 10. September 1670 starb. Die Sabbatianer aber ließen sich selbst nach dem Tode ihres Häuptlings in ihrem Glauben an ihn nicht erschüttern, daher kam cs, dass diese Sekte sich bis zil Anfang des 19. Jahrhunderts zur Schmach des Judenthnms erhalten und viel Unheil gestiftet hatte. Für die Verbreitung und Forderung der Lehre und Grundsätze dieser fluchwürdigen Sekte haben die erbärmlichen Betrüger Nathan alls Gaza, Mordechai aus Eiseusiadt, Nehemia, Chajon, Lvbele Proßnitz u. v. A. Sorge getragen. Eine Abart der Sabbatianer waren die ״Fraukisteu", die ebenfalls den Talmud verschmähten, während sie dem Sohar, wie überhaupt der Kabbala huldigten. Der Gründer dieser Sekte war Jakob Frank ans Polen (geb. 1720, gest. 1791). In der Jugend beschäftigte er sich mit der Branntweinbrennerei, später aber offenbarte er sich den Sabbatianern in Polen und Galizien als Nachfolger Sabbatai's, wobei es ihm gelang, sich einen großen Anhang zu verschaffen, der ihm hlildigte und riesige Summen zur Verfügung stellte. Als er jedoch von den Rabbinern verfolgt wurde, gieng er mit vielen seiner Anhänger zum Scheine zum Christenthum über, während er heimlich die sabbatianischen Grund- und Lehrsätze zu verbreiten bemüht war. Jlli Besitze großer Geldmittel lebte er auf fürstlichem Fuße und unternahm in Begleitung eines glänzenden Gefolges größere Reisen, um für seine Partei Propaganda zu machen. Er hielt sich in Wien und in Brünn auf, wo er, umgeben von einer uniformirten Leibwache, als Baron lebte, wurde aber, nachdem man ihn bald als einen gerneinen Betrüger und Schwindler erkannte, aus den österreichischen Staaten ausgewiesen. Von hier gieng er rrach Ofseubach a. M., wo er mit der berüchtigten Ewa Frank ein fürstliches Schloss bewohnte und zurückgezogen von aller Welt lebte. Mit seinem 1791 plötzlich erfolgten Tode schwand auch seine Partei ״die Frankistcn״ spurlos ans der Geschichte. Kleine Chronik. Wien. Am 14. Mai fand im israelitischen Blindeninstitute auf der Hohen Warte die übliche Jahresprüfung statt, die sich Heuer eines besonders zahlreichen Besuches erfreute. Unter den auwesenden Gästen befanden sich die Damen des Curatoriums, Frau Cäcilie Adler und Frau Fanny Bäche r, sowie die Cnratvren, Präses der Cultusgemeinde Gemeilldcrath Gustav S i m o n und kais. Rath Dr. W ö l f l e r, welcher als Vorsitzender im Cnratorium die Leitung der Prüfung übernahm, ferner Lan.desschulrath Dr. Gustav Kohl! mit Gemalin, Religionsschulinspector Dr. Kanitz re. Nachdem Herr Direktor Heller die Zöglinge zum Gebete aufgefordert hatte, wurde die Feier durch einen stimmungsvollen Choral eingeleitet, den Herr Obercantor Singer, der seit seiner Anwesenheit in Wien mit selbstloser Opferwilligkeit den Gesangsunterricht am Institute ertheilt, dirigirte. Die hierauf folgende Prüfung machte sowohl dem Lehrkörper, als auch den Jnstitutszöglingen alle Ehre. Als erster Gegenstand wurde Religion geprüft, 1111b es war erfreulich, die Antworte-.l der Schüler in gewühltem Deutsch und auch in correctcm Hebräisch zu vernehmen. Besonderes Staunen erregten die Leistungen der Zöglinge in: Rechnen, die Geläufigkeit im Lesen und deren schriftlicher Gedankenausdruck. Die größte Ueberraschung aber brachten die Proben des fein ausgebildeten Gehör- und Tastsinnes. Mit Hilfe desselben wussten sie die verschiedensten in- und ausländischen Geldmünzen und allerlei Holzarten zu erkennen, die Maße von Holzleisten nahezu genau zu bestimmen und die Unterscheidungsmerkmale der Thiere und Pflanzen anzugeben. Die ausgestellten Handarbeiten, wie Bürsten, Körbchen, weibliche Nadelarbeiten bekundeten auch ihre großen manuellen Fertigkeiten. Nach einigen tveiteren Gesang- und Musikvorträgen sprach Herr Direktor Heller über die Bedeutung des Tages als 25. Jahrestag der Begründung der Neuschule, und kais. Rath Dr. Wölfler richtete einige herzliche Worte an die Zöglinge, sowie Worte der Anerkennung und des Dankes an den Lehrkörper. Mit der Absingung der Volkshymne endete die Prüfung, die bei allen Besuchern einen mächtigen Eindruck zurückließ. Wien. Der Oberregisseur des Burgtheaters, Adolf Ritter v. Sonnenthal, wurde Freitag durch einen Besuch des Erzherzogs Carl Ludwig ausgezeichnet. Es ist das drittemal, dass der kunstsinnige Erzherzog dem Künstler in dieser Weise ein Zeichen seiner Huld gibt. Der Erzherzog erschien an! Freitag, Nachmittags halb 5 Uhr, unangesagt in der im Cottageviertel, Anastasius- Grüngasse Nr. 54, gelegenen Villa des Künstlers, in Begleitung seines Adjutanten, des Altgrafen Salm. Sonuenthal, der keine Ahnung Hatte, dass ihm ein so hoher Besuch bevorstand, hatte kaum Zeit, dem Erzherzog, der bereits die Villa betreten hatte, entgegen zu eilen und ihm seine Ueberraschung auszudrücken für die unerwartete Auszeichnung. Erzherzog Carl Ludwig, der eine volle halbe Stunde bei dem Künstler verblieb, sprach mit ihm von dem Gastspiele, welches Sonnenthal eben in Russland und in Berlin absolvirt hat, und sagte, dass er mit Vergnügen von den großen Erfolgen hörte, welche Sonnenthal errang und dermaßen den Ruhm des Wiener Burgtheaters neuerdings in die Welt hinaustrug. Der Erzherzog sprach auch sonst mit dem Künstler über das Burgtheater und verließ um 5 Uhr, nachdem er dem Künstler wiederholt die Hand drückte, von Sonnenthal bis zum Wagen geleitet, die Villa, vor der sich inzwischen zahlreiche Menschen angesammelt hatten, die den Erzherzog ehrfurchtsvoll begrüßten. Pilsen. (25-jähriges Cantoren-Jubiläum und silberne Hochzeit.) Am 2. Juni l. I. feiert der verdienstvolle