Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-05-21 · Heft 14 (21.5.1894) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 14 (21.5.1894)
Date
1894-05-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453318--4014-3458431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 14. zuhalten, so irren sie sich hierin gewaltig. Erstens ist es dort nur als Nothbehelf in einer Zwangslage gemeint. — im jüdischen Sinne ist man dabei nur "יוצא" — und dann, wie will man von einer Stelle, die nur gelesen zu werden braucht, auf einen ganzen Gottesdienst schließen? Schema wird von dem Einzelnen wie auch von der Gesammtheit gelesen, und da kann es schon Vorkommen, dass vielleicht Einer nicht Hebräisch versteht, oder nur eine Uebersetzung und nicht das Original zu Händen hat — man vergesse nicht, dass zu jener Zeit die Buchdruckerkunst noch nicht existirte — und darum ist damals dieses Zugeständuis gemacht worden. Ein Gottesdienst aber kann nur von einer größeren Gemeinschaft abgehalten werden, und bei einer ganzen Gemeinde kann es schwerlich stattfinden, dass nicht auch solche darunter sein sollten, wenigstens der Naw oder der Chasen, die auch Hebräisch verstehen. Und was sollte denn diese unerhörte, unsere ganze Vergangenheit verleugnende Neuerung nothwendig machen? Tragen etwa Misere Gebete daran die Schuld, oder vielleicht gar die Sprache, in welcher diese Gebete abgefasst sind, dass ein gebildeter Mensch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts unmöglich durch sie erwärmt und zur Andacht gestimmt werden kann? Unsere Gebete stehen in Sinn und Gedankenhoheit einzig da und sind, in Hinsicht der Auffassung der reinen Gottesidee und der Erkenntnis des göttlichen Waltens auf Erden, wie das Judenthum selbst unvergleichlich. Jedes Wort spricht hier einen Gedanken aus und jeder Satz ein Gebet. Und erst unsere erhabene hebräische Sprache! Welche kommt ihr wohl — um mit dem berühmten Hebraisten Kalman Schulmann zu reden — gleich, ״in der Präzision ihres Ausdruckes, in dem Wohllaut ihrer Worte, in der Melodie ihrer Aussprache, in der Gewalt ihrer Flammenrede, in der Macht ihrer Beredtsamkeit? Ja führwahr! ihr Geist ist der Geist Gottes, ihre Stimme ist die Stimme des Allmächügen, wenn er spricht!" Wenn aber weder die Gebete noch ihre Sprache, was denn hat hier die Schuld? Die eigene Unwissenheit und die Unsähigkeit, die Tragweite zu ermessen, welche Schande darin enthalten ist, wenn eine Gemeinde sich selbst das Armuthszeugnis ausstellt, aus Unkenntnis des Hebräischen ihre Gebete in anderer Sprache verrichten zu müssen. Was soll aber geschehen, wenn eine Gemeinde wirklich nicht so viel hebräische Kenntniße besitzt, um in der Originalsprache beten zu können, soll sie vielleicht dennoch, auch ohne Verständnis, in dieser Sprache beten? Das jedenfalls nicht! Allein warum will man sich das Leben dieser und jener Welt so leicht machen und sich gar keine Mühe seinetwegen kosten lassen? Man sieht ja sonst im Gebete alle Seligkeit und die Zusicherung der künftigen Welt, da lohnte sichs schon zu lernen — das ist doch wahrlich um solchen Preis nicht zu viel gethan. Aus diesem Grun.de nun, dass nämlich mit dem Schema nichts weiter beabsichtigt wurde, als nur, dass es gelesen werden sollte, fallen die spöttelnden Reden Rabbi Leon de Modena's — ,.Beckinas hakkabala“ in — über diese Art von ״Gebet", in ihr eigenes Nichts zusammen. Er stellt dort nämlich die hämische Frage auf: ״Wann die Lrias Schema dafür dienen sollte, um damit die ״Annahme des himmlischen Joches" zu bekunden, ist es doch wunderbar, dass dies immer in gebietender Form geschieht, was sich so anhört, als ob Jeder nur dem Andern dies zu thun befiehlt, er selbst aber sich davon ausgeschlossen hält. ES müsste als Gebet folgendermaßen auszugsweise abgefasst sein: ״Der Ewige unser Gott ist einzig! Ich nehme seine Lehre und seine Gebote über mich, denn er vergeltet es demjenigen, der Gutes thut, und bestraft den, der Böses übt. Dafür, weil er uns herausgeführt hat ans Egypten, will ich seiner all mein Leben lang gedenken! Dieses ist der Inhalt der drei Schriftstellen und mit diesem Extrakt würden wir bekunden, dass wir das glauben und auch bethütigen wollen, nicht aber, dass Alles im Imperativ hergesagt werden soll, was doch für ein Gebet gar keinen Sinn hat." Das soll aber gar kein Gebet sein, es soll eben nur als L es eftü ä gelten. Wie ist es denn beim Briefle'en? Da hört sich, was in der zweiten Person geschrieben ist, und besonders dasjenige, was einen Befehl oder einen Rath ansspricht, ebenfalls so an, als ob es der Leser einem Dritten anempfehlen will, und doch weiß er ganz genau, dass nur er selbst darunter gemeint ist. Keinen anderen Zweck, als den eines Briefes, soll auch die Krias Schema ‘ erfüllen. Jetzt freilich ist das Lesen des Schema gänzlich abgekornmen, es ist zu einem Gebete geworden und als solches mit einem Geberdenkram ausgerüstet worden, der geradezu komisch wirkt und die Vernunft beschämt. Es ist doch wirklich für einen vernüftigen Menschen nichts Geringes, einen Satz wie ..Schema jisroel“ besonnen auszusprechen, der in nur vier Worteir — die Anrede ״Höre Israel" zählt zum sonstigen Inhalt nicht mit — erstens eine Gottheit überhaupt anerkennen lehrt — קבלת ״ — עול מלכות שמיםDer Ewige ist unser Gott", urrd gleichzeitig durch andere zwei Worte den unaussprechlichen, übermenschlichen Gedanken zu erfassen, dass dieser Gott eben, bei aller seiner Unpersönlichkeit und Allgegenwart, zugleich ein einheitllcher Gott ist. Ein solch' bedeutungvoller Satz muß selbstredend in der Cäsur richtig eingetheitt sein und einen Abschluss erhalten, der aus der accentuirten Silbe höchstens für eine ganze Note mit Fermate ausreicht — aber and) nicht mehr. Man denke sich blos diesen Vers von einer ganzen Gemeinde verständnisvoll, in Wort und Ton vollkomnien übereinstimmend vorgetragen, welch' erhabenen, überwältigenden Eindruck müsste das machen und wie erhebend und begeisternd müsste das wirken! Wahrlich, nichts wäre im Stande, selbst die schönste Predigt nicht, dieses zu ersetzen und ein gleiches seelisches Bewusstsein hervorzurnfen. Und wie wundervoll schön lautet die Stelle des Midrasch zu Ende von Schir hascliirim darüber ׳ בשעת שישראל קודאין את שמע בפה אחד בקיל אהד בנעימה אחת קולך השמיעני ואם לאו ברח דווי"" Wenn Israel das Schema liest mit einem Worte, mit einer Stimme, mit einem Gesänge, dann — ״lasse mich hören Deine Stimme", wenn nicht aber — entfliehe mein Freund!" Und wahrlich es ist rein zum ״Davonlaufen", tute das Schema jetzt so fürchterlich entstellt und mißhandelt wird. äRmt glaubt, durch äußere Gewaltzeichen dem fehlenden inneren Esprit nachhelfen Zu können, und daher gestaltet sich das Ganze zu einem hässlichen Gebrüll, dass einem die Ohren gellen und dass man sich vor Fremden und vor sich selbst schämen muß. Weil eben das Wort ״Echod־‘ das Mißgeschick hat, zwei Buchstaben zu enthalten, welche leicht verwechselt werden können, das ״cli“ mit ״h־‘ und das ,.d“ mit ..t:< strengt sich Jeder aufs Aeußerste an — natürlich mir aus reiner Frömmigkeit — um sie richtig herauszubringen, und da kommt erst recht Alles verkehrt zum Ausdruck. Alles wird oder zeigt sich dabei wie elektrisirt und wie abwesend; Der ballt die Faust und droht mit ihr gegen den Himmel, Jener kneift die Augen zu, Dieser schnalzt mit der Zunge und Jener verkeucht sich ganz, und das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.