Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1894)
- Date
- 1894-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14. Mesterreichisch-nngarische (Lantoren-Aeitung. Seite 3. erfolgte, dass die Schlnssverfassuug der Mischna 130, die des jerusalemischen Talmud (6-emara) 210 uud die des babylonischett 432 Jahre später geschah, dass selbst die Schmona Essre ihrer gänzlichen Vergessenheit halber von Rabbi Simon ha Peknli im Beisein des Rabbi Gamliel geordnet u11t> neu ausgeschrieben werden musste, und dass die Verfassung des 86461- 11a T’filans nur zum Th eile von Tanaim und Amaraim herrnht, so unterliegt es kaum noch irgend einen: Zweifel, dass die überwiegende Textmenge unserer dermaligen Synagogenliturgie diasporaler Abstammung ist. Dem gegenüber erscheint die Annahme gerechtfertigt, dass der Synagogcngesang, als plastischer Schnmck des Gebettextes, wenn nicht gleichen Schritt mit der Liturgie, so doch sicherlich nicht früher seinen Einzug in die israelitischen Bethänser gehalten habe. Wir kommen nun zu einem andern, nicht minder wichtigen Capitel. Dem biblischen Judenthume, zur Zeit seiner königlichen und priesterlichen Herrschaft, war der Wortbegriff ״Gottesdienst", wic wir ihn gegenwärtig auffassen, seinem ganzeil Wesen nach etwas völlig Unbekanntes: an seinerstatt war der Opfercultus, der nicht um* in Jerusalem, sondern in dem von Chinoch, dem zweitältesten Sohne des Hohenpriesters Simon Ha-Zaddik, erbauten, durch 200 Jahre bestandenen Tempel in Alexandria eisrigst betrieben wurde. Ob und wie da gesungen wurde, kann ich dir, Freundchen, selbst beinl besten Willen nicht sagen, denn selbst die Geschichte weiß es nicht, obwohl sie uns berichtet, dass daselbst längst des Nil eine ji'ldische Colonie von mehr als Hunderttausend Köpfen bestanden habe. Nicht besser ergeht es uns, wenn wir im Stammlande Judäa, in der Residenz Jerusalem, Umschau halten. Unsere Urahnen, die Lewiten, waren sicherlich in Gesang und Musik bestens beschlagen, das beweist uns die Jnstrumentenmenge, die N’bjim tFk’tubim ordnungsmäßig aufzählen und deren sich die Lewiten recht meisterlich bedient haben mochten: auch über den vor! ihnen in Musik gesetzten Text, wenigstens was die Halleluja, Hallel und Hodu betrifft, sind wir so ziemlich im Klaren. Wissen wir aber auch, wie und wann, aus welchem Anlasse, bei welcher Gelegenheit und in welchem Style sie gejungen und mnsicirt haben? Wir ergehen uns diesbezüglich in allem möglichen und unmöglichen Combinationen, ohne zu einem Wahrscheinlichkeitsschlnsse gelangen zu können; die massoretnchen N’ginot (Tropen) selbst wenn man geneigt wäre, sie als Tonschriftzeichen von Prima bis Octave zu betrachten, geben uns in ihrem einoctavigen Umfange ebenso wenig eine Musiktheorie, wie uns die Musikgeschichte etwa darüber Aufschluss ertheilt, wie mib in welchem Musikstyle die ersten Inden- und Heidenchristen ihre Kirchenlieder gesungen. Von der Ableitung des Chasonus aus der Ursprnngsgnelle der saerosaneten Zijonsklänge müssen wir demnach schweren Herzens Abstand nehmen. (Fortsetzung folgt.) Der jüdische Gottesdienst. VI. Nach unseren heutigen Gebetbüchern zu schließen, in denen die Gebete alle unnnterschiedlich nacheinander angeführt sind, könnte man wirklich glauben, dass Altes, was darinnen steht, gleichwerthig und von derselben Bedeutung für uns isst und dass kein Wort davon aus- und weggelassen werden dürfe, wenn man wahrhaft fronnn sein und das religiöse Gewissen vollkommen befriedigen will. Sieht mau sich jedoch int ״Schulchoii orneh“ ein wenig mit, so wird man bald unter den ersten Kapiteln Eines gewahr, das ״ ״הלכות קריאת שמע״Vorschriften über das Lesen des Schema", und gleich daraus ein Anderes, das "״הלכות תפלה ״Vorschriften über das (Achtzehn-) Gebet" heißt. Verwundert fragt man da: Warum werden diese Theile separat und jedes für sich behandelt, sind sie denn etwas Anderes, als die anderen Gebetstücke? Ja, in der That! Diese beiden genannten Theile sind wirklich etwas Anderes, und zwar etwas Besseres, denn alle übrigen Gebete vor und nach ihnen sind nur als Anhang zu betrachten und eigentlich gar nicht für den Einzelnen bestimmt. ,.Xrias Schema'׳‘ und ״Tephilla* aber sind das eigentliche Pflichtgebet, das jeder Jude zweimal täglich, Morgens und Abends, zu sagen und zu beten verpflichtet ist. Wir gebrauchen absichtlich diese beiden Verben zugleich nttd nebeneinander, weit wir nämlich der Ansicht sind, dass die sprichwörtliche Zusammenstellung derselben eben von Xrias Schema (lesen, sagen) und Tephilla (beten) abstammt, liebereinstimmend hiemit sagt auch die Mischna nichts weiter als: "״ "הוי זהיר בקריאת שמע וכתפלהSei achtsam ״Schema“ zu lesen und ״Tephilla“ zu beten", und der Talmud äußert sich in derselben Weise: ״ועבדתם את ה״ אלהיכמ זו קריאת שמע ותפלה" (בבא קמא צ״ב ב";• Daraus geht zur Genüge hervor, dass man sich mit diesen beiden Gebettheilen wohl begnügen und vollständig befriedigt geben kann. Und werden bei diesem kurzen Gebete irgend welche besondere Anforderungen an den Ausdruck der Frömmigkeit gestellt? Muß matt da etwa Mund und Gesicht zum Erschrecken verzerren und sich dabei so geberden, als ob man nicht mehr Herr über sich selbst wäre? Nein, nichts von alledem! Es wird nur mit diesem Gebete eine praktische Lebensregel verbunden, welche sich ״Frühausstehen" nennt, denn man soll dasselbe schon mit Tagesanbruch, eine Stunde vor Sonnenaufgang, verrichten. Daritt liegt aber keinerlei Mystizismus oder etwas, was dem Unverstände und dem Wunderglauben irgendwelchen Vorschub leistet. Die Vorschrift beweist eben nur, dass unsere Weisen gleichzeitig lebenskräftige, praktische Männer waren, die den großen Nutzen und den segensreichen Gewinn der frühen Morgenstunde für Leib und Seele wohl kannten und damit nur das jüdische Volk an frühes Ausstehen und sonach auch an fleißige Arbeit gewöhnen wollten. Wer kümmert sich aber jetzt um diese weise Verordnung? Keiner, gar keiner, als ob sie gar nicht vorhanden wäre. Ist es aber nicht wunderbar, dass ein Gebet, wie die drei Schriftstellen, welche kollektiv unter dem Namen ..Xrias Schema“ bekannt sind, nicht eine dem srommett, inbrünstigen Gebete entsprechendere Bezeichnung erhalten sollte! ״Schema- Lesen", was soll das bedeuten!? Muß denn ״Schema“ allein aus dem Buche gelesen, die andern Gebete aber auswendig gesprachen werden? Oder sollte ״Lesen" gar mehr sein als ״Beten" und im höherem Maße geeignet die Andacht anznregen? Daraus erhellt eben, was unsere Weisen unter Gebet überhaupt verstanden, wie sie diese heiligen, das ganze Indenthum umfassenden Bibelstellett behandelt haben wollten. Wirklich nur lesen, nichts weiter wie lesen! Aber ״lesen" bedeutet gleichzeitig richtig lesen, verstehen und beherzigen. Und weil es hier namentlich aufs Lesen ankommt, darum tvnrde es gestattet, dass das Schema auch in fremder Sprache, ״בבל לשק״ gelesen werden darf. Wenn jedoch die Resormsüchtigen daraus für ihre Neuerungsgelüste Capital schlagen und diesem Umstande ent nehmen wollen, dass es überhaupt erlaubt, ja sogar geboten ist. den Gottesdienst in anderer Sprache, als der hebräischen, ab-