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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-05-21 · Heft 14 (21.5.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 14 (21.5.1894)
Date
1894-05-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Ta. 14. Sieben Jahre war ich der Cantoren-Zeitung du treuer Diener, nicht leidenschaftlich und überhastet, jenen Hitzköpfen gleich, die in der zehrenden Glut des überschwenglichen Feuereifers ihre edelste Kraft versplittern, wohl aber von Zeit zu Zeit nüt irgend einer Kleinigkeit auf dem Plan erscheinend. Als Daukeslohn erhielt ich ben. Titel eines ״ständigen Mitarbeiters". Eines Tages — ich weiß nicht recht warum — zerwarf ich mich mit der Cantoren-Zeitung, und da ich als Schwächerer dm: Kürzeren zog, fand ich's gerathen, in den Hintergrund zu verschwinden. An die sechs Jahre mögen seitdem in's Land gegangen sein. Unthätig konnte ich diese Zwischenzeit nicht über mich Hinwegrauschen lassen, und so gieng ich daran, meine ״Weisheit" wo anders an den Mann zu bringen. Ich holte mir bald einen ״glänzenden Durchfall", bald einen mäßigen Erfolg, und zwar je nachdem mir die Glücksgöttcr hold waren; eine rechte Freude konnte ich diesem Gethue niemals abgewinnen. Und nun höre und staune, der du die Menschheit mit deinen Phantasiegebilden hinzureißeu wähnst, lerne den Schmerz, das namenlose Weh einer idealistisch veranlagten Natur voll und ganz würdigen. Von all' den Jugendsünden, die ich in der langen Jahresflucht in Wort und Schrift verbrochen, ist mir nichts, rein nichts übrig geblieben. Druckzeile und Manuskript, das ganze Bündel sammt und sonders — Alles, Alles hat mir ein neckischer Hauskobold, wenn nicht gar irgend ein strebsamer Jünger der ״gebildeten" Langfingergilde auf Nimmerwiedersehen hinweggetragen. Es ist somit klar, dass zur Wiederherstellung meiner Reputation etwas geschehen müsse. Das kann aber nur auf dein nicht mehr gewöhnlichen Wege des Gedrucktwerdens geschehen. Mein heißestes Sehnen gipfelt also in dem Wunsche, mich wieder einmal ״gedruckt" zu sehen. Wird die Cantoren-Zeitung, der ich mein Herzleid klage, sich meines Jammers erbarmen? Ich habe Grund, einigermaßen daran zu zweifeln, zumindest ist der ״blühende Unsinn", den ich im vorstehenden Prolog entwickelt, nicht darnach angethan, mir einen fteundlichen Empfang zu sichern. Trotz alldem will ich's versuchen, mir diese Gunst ehrlich und rechtschaffen dadurch zu verdienen, indem ich meiner Plauderei Ziel und Richtung in einer Weise gebe, die geeignet ist, mir die Herzen Aller weicher zu stinnnen. Zu diesem Behuse wollen wir von den ״brennenden" Tagesfragen, die gegenwärtig in süßem Schlummer ruhen, der ״brennendsten" einer unser Augenmerk zuwenden. Seit Jahr und Tag, oder richtiger seit mehr denn ein Decennium beschäftigt uns immer mehr und immer intensiver die sehr interessante Frage: Haben wir Israeliten einen eigenen Synagogengesang? Und wenn ja: Welches Land, welche Zeit und welche Umstände haben ihn geboren? Worin liegt seine Hauptcharakteristik? Wer bürgt uns für die Reinheit und die Originalität seiner Grundformen? Man sieht, unverfänglich ist diese Frage mit ihrem Trosse von Neben- und Vorfragen durchaus nicht, und darnach ist auch der Staub, den sie seinerzeit aufgewirbelt. Ein Meer von Tinte wurde verspritzt, unsinnig viel Papier dazu verwendet, sie in schicklicher und unschicklicher Form spruchreif zu machen, ohne dass wir aus all den! Gesagten recht gescheit zu werden vermögen. Von besonderer Aktualität wurde diese Frage erst dann für uns, als es von seriöser Seite unternommen wurde, sie zum Ausgangspunkt einer regelrechten Forschungsstudie zu machen. Die Aufstellung, Erläuterung und Begründung von Theorien mag an und für sich eine lobenswerthe Beschäftigung sein, umso lobenswerther, wenn sie der Durchforschung einer der Aufklärung dringend bedürftigen Alterthnmsknnde dienstbar gemacht wird, dankbar ist sie indes nur in den allerseltensten Füllen. Es ist wohl nur ein Zufall, aber immerhin eine bedenkliche Erscheimuig, dass Theorie und Praxis sich nicht immer freundlich, oft aber feindlich gegenüberstehen. Vom akademischen Standpunkte war und ist so manche Lehrmeinung unanfechrbar, die Welt zieht hingegen nur dasjenige in ihren Betrachtungskreis, welches vom Nützlichen das Nützlichste verspricht. Das Allerärgerlichste ist aber, wenn Aenßerung und Gegenäußernng auffallend eollidiren, ohne dass die eine oder die andere Ansicht recht zum Durchbruche gelangt. Und doch ist es schwer, ja geradezu unmöglich, in das Wesen einer Forschungsmaterie von der Beschaffenheit des ans der schwanken Basis mündlicher Ueberliefernng ruhenden Chasonus einzudringeu, ohne diese Singweisen von einer bestimmten Toll- und Scalenordllling abhängig 51t machen. Allein es ist nicht dasselbe, ob wir eine Tradition Tradition sein lassen, oder ob wir es versuchen, sie trotz ihres sagenumwobenen, nebelnmhüllten Ursprunges, oder vielleicht gerade deshalb niit einem Wall voll antiken Tonleitern zu umgeben, der ihr ein hübsches Profil verleiht, sonst aber wie ein Aliachrollisnurs erscheint. Zn dem gesellt sich noch ein anderer, sehr wichtiger Umstand. Wir Cantoreil, groß und klein, können ilns mit einer Musiktheorie, die Chasonus und Steiger in einen Topf wirft, durchaus llicht befreunden; uns ist das Chasonus als Traditionsgesang bekannt, während wir unter dem Schlagworte ״Steiger" (hebr. Hasbore, auch Hisoraris) das ganze Um uild Auf der sogenallnten polnischen Singweise begreifen. Was nützt uris also die Aehnlichkeit des Steigers mit und seine Priorität vor den altkirchlichen Tonarten, die wir in ihrer sechstheiligen Scala von 0 (jonisch) D (dorisch) E (phrygisch) F (lydisch) G (mixolydisch) und A (äolisch) kennen, wenn dieses Tonartenverhültnis für die practische Nutzanwendung der Synagogenweisen durchwegs inkommensurabel erscheint? Unwillkürlich drängen sich da die Fragen auf: Wer ist älter, das Chasonus oder der Steiger? Nachdem ich von den Lesern der Cantoren-Zeitulig, ohne Unterschied des Standes und der Stellung, soviel Wohlwollen voraussetze, dass sie in der Behandlung dieser Frage weder eine Rancüne noch sonst irgend einen persönlichen Angriff, wohl aber die Sache, und nichts als diese erblicken werden, gehe ich nun daran, ihr einen andern, und wie ich glaube, nicht uninteressanten Gesichtspunkt abzugewinnen. Als Grundlage mögen uns einige Schlaglichter aus der Geschichte und der Synagogenliturgie dienen. Es wird Jedem einlenchten, dass Synagogenliturgie und Synagogengesang zwei untrennbare Begriffe sind, die wie Ursache und Wirkung sich zueinander verhalten. Der Uranfang der Synagogenliturgie, in ihrer Verquickung von Psalmen T’füaus jom jom und Piutim ist, je nachdem wir ihren Zeitspuren folgen, vor, während des Bestandes und nach der Zerstörung des zweiten Tempels zu suchen. Den ersten Grundstein zum Seder Fa T’filaus liw’ne Israel soll, übereinstimmenden Berichten zufolge, der Siebziger-Rath der Sanhedrin, unter Vorsitz Esra's, gelegt haben. Was und wie viel davon wir dieser illustren Gelehrtenversammlung zu verdanken haben, ist, mit alleiniger Ausnahme des Jozer aur uwore cFoscFecF, des Aliawo rabbo, der ersten und letzten drei Segenssprüche Schmona Essre. bis zur Stunde nur schwer constatirbar, selbst dann, wenn mau die im Talmud sporadisch vorkommenden Gebetfragmente einer vergleichenden Textprüfung unterzieht. We!m man bedenkt, dass die Einäscherung des zweiten Tempels durch Titus 70 I. n. Ehr.

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