Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 13. lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit auf seine Vorträge, wie auf die von chm in spanischer Sprache gesungenen kabbalistischen Verse, denn er besaß ein überaus angenehmes wohlklingendes Organ, so dass er sowohl durchs Sprechen, als durch den Gesang die Herzen gewinnen konnte. Gleichwie durch das Fasten und Kastaien des Körpers wusste er auch durch seine entschiedene Abneigung gegen das weiblich Geschlecht im Kreise seiner Vertrauten und Verehrer Sensation zu erregen. Er wurde zwar nach damaligen Brauche sehr jung mit der Tochter eines geachteten Hauses verheiratet, allein da er dieselbe, obschon sie mit körperlicher Schönheit und sonstigen Tugenden reich ausgestattet war, hartnäckig mied, ersuchte sie von ihm geschieden zu werden, welchem Wunsche bereitwilligst zu entsprechen, er keinen Augenblick Anstand nahm. Und als er später sich mit einer anderen Frau vermählte, ergieug es derseben nicht besser als der ersten. Von seinen Verehrern nach der Ursache dieser höchst sonderbaren Verfahrungsweise befragt, entgegnete er: ״Der HMge Geist (L.uavb Hakodesch) hätte ihm verkündigt, dass keine von beiden die eigentliche, vom Himmel fiir ihn befümmte Gatün gewesen sei." Durch diese und ähnliche Aeußerungen, wie überhaupt durch seine imposante Gestatt und comtemplative Lebensweise gelang es ihm, seinen Anhängern zu imponiren und sich den Ruf eines höheren überirdischen Wesens zu erwerben. Je mehr er sich in die kopfverwirrende Kabbala verüeste, desto mehr wurde seine aufgeregte Phantasie erhitzt und sein ihm innewohnender Ehrgeiz aufgestachelt, dass er am Ende sich nicht entblödete, seinen Schülern zu eröffnen, er -sei der lang ersehnte, von Gott verhcißene Messias, der Israel vom Drucke befreien und in das gelobte Land zurückführen werde. Er nannte sich einen ״Sohn Davids" und war vermessen genug, den vierbuchstäbigen Gottesnamen im Hebräischen (Tettagrammaton) auszusprechen, obschon dies talmudisch und durch Jahrtausende langen Usus sttenge verboten war. Blos der hohe Priester durfte am Versöhnungstage im heiligen Tempel zu Jerusalem den Gottesnamen, so wie er geschrieben steht, aussprechen. Das Rabbinatscollegium zu Smyrna sah sich daher ob dieser unerhörten, die wichtigsten religiösen Satzungen verletzende Verfahrungsweise veranlasst, Sabbatai mit dem Banne zu belegen und als frechen Gottesleugner zu bezeichnen. Sabbatai merkte nun bald, dass er in Smyrna seine Rolle ausgespielt habe, und verfügte sich daher nach Thessalonich, wo er einen geeigneteren Schauplatz für seine Thätigkeit finden zu können glaubte. Allein auch aus dieser Stadt wurde er bald von den Rabbinen seines unwürdigen Treibens halber verbannt. Er gieng daher von hier nach Egypten und von da nach Jerusalem. In Gaza gesellte sich zu ihm Nathan Benjamin, ein Mann der seiner kabbalistischen Kenntniße wegen in Ansehen stand, den; er die Rolle des Propheten Elias, der Vorläufers des Messias, zu spielen übertrug. In Jerusalem ließ Sabbatai Anfangs nicht int Geringsten merken, dass er sich für den eigentlichen Messias halte, sondern widmete seine ganze Zeit ausschließlich kabbalistischen Studien, wodurch er in Paläsüna an Ansehen und ׳Achtung gewann. Nachdem er bereits einige Jahre in Jernsalern domizilirte und einen Kreis von Verehrern gewonnen hattte, kündigte er sich denselben als Messias an. Nathan aus Gaza gerirte sich plötzlich als Prophet und war aus allen Kräften besttebt und bemüht, für Sabbatai, den er nie gesehen zu haben angab, Propaganda zu machen und ihn überall als den eigentlichen von Gott verheißenen Messias zu proklamiren. In einen! für alle jüdischen Gemeinden des türkischen Reiches verfassten Sendschreiben prophezeihte Nathan, ״dass Sabbatai Zewi dem Sultan die Krone vom Haupte abnehmen und sie sich aufsetzen werde, während jener ihm wie ein Sklave wird folgen müssen." Durch diese und ähnliche Proklamationen wurde die rohe, ungebildete, fanatische, dem Aberglauben huldigende Masse für Sabbatai gewonnen. seine unglücklichen Glaubensgenossen in das Land der Verheißung, indem er sie auf den fruchtbaren Gefilden Argenüniens colonisirt. Wir haben diesen so treffenden Vergleich kürzlich von einem vielgenannten Mitgliede der französischen Kammer gehört, der, als chemaliger Finanzminister, in Verbindung mit der Frage unserer Valutaregulirung auch auf Baron Hirsch zu reden kam und im Laufe des Gespräches seine Ueberraschung darüber ausdrückte, dass man sich an maßgebender Stelle im Interesse der Durchführung dieser Finanzoperation ״un peu partout“, nur nicht an Baron Hirsch gewendet habe, ״dessen große Erfahrung und vollständige Uneigennützigkeit" — dont La gr&nde experienee et dösmteressement absolu — schon längst die erwünschte Lösung hätte herbeiführeu können. ״Ja, diese Colonisation," Hub der Baron au, als wir ihn um Mittheiluugen über sein mit so großen Mühen und Geldopfern verbundenes edelmüthiges Unternehmen ersuchten, ״sie bereitete uns viele Schwierigkeiten und auch Sorgen. Die Regelung der verschiedensten Verhältniße, die Durchführung der ausgearbeiteten Pläne, die Organisation der Colonie, der Transport der Auswanderer, das Unterbringen der Leute, die nöthigen Anweisungen und dergleichen mehr erforderten und erfordern eine rastlose Thätigkeit. Man konnte anfangs ernstliche Bedenken haben, ob sich die armen Menschen, die sich bisher nie mit Ackerbau beschäftigt und keine blasse Ahnung von der Bearbeitung der Scholle hatten, in einem wildfremden Lande und einem ganz anderen Himmelsstriche, völlig entrissen ihren Lebensgewohnheiten, in ihren neuen Beruf hineinfinden würden." ״Glücklicherweise kann ich Ihnen mttheilen, dass alle Nachrichten, welche ich in letzter Zeit aus Argentinien erhalte, vorzüglich lauten. Die Ansiedler sind vollauf mit der Bearbeitung ihrer Felder beschäftigt und finden,sich immer mehr und mehr in ihre neue Lebenslage und Beschäftigung hinein. Alt und Jung thut fteudig in der Wirthschaft mit, ja, wie man mir schreibt, sieht man junge Mädchen, die in. ihrem früheren Vaterlande das Clavierspiel erlernt haben, rüstig und wolgemuth hinter dem Pflug einhergehen. Auch die mir gesendeten Photographien zeigen die Ansiedler in ihren verschiedenen wirthschaftlichen Verrichtungen. Eine der größten Schwierigkeiten war, die Leute in den isolirten Ansiedlungen heimisch zu machen. Theils in Folge der Gewohnheit des Zusammenlebens der Juden, theils um ihre religiösen Gebräuche gemeinsam ausüben zu können, wollten die Colonisten anfangs nur in Dörfern wohnen, obschon es im Interesse der Landwirthschaft viel vortheilhafter ist, wenn jede Familie ihr Haus auf der 150 Acre großen Besitzung stehen hat, welche sie erhält. Nun haben sie sich auch in diese relative Jsolirtheit hineingefunden, nachdem man freilich, so weit es möglich war, die Wohnhäuser an den einander begrenzenden Feldern aneinander gerückt hat." ״Das ist allerdings ein erfreulicher Erfolg, und ich werde mir erlauben, in nicht sehr ferner Zeit die Vertreter der Weltpresse einzuladen, einen kleinen Ausflug nach Argentinien zu unternehmen, damit sie sich von dem Gedeihen unserer Colonie überzeugen und bekräftigen können, wie tüchtig die Juden Ackerbau treiben. Eben jetzt begibt sich wieder eine große Gruppe Auswanderer von Odessa aus nach Südamerika."