Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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z Nr. 13. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitnng. Seite zßaltvcuai «3lwi+ (?:tue viogra;׳h'1s.l!c Süzzi? von Tr. M. H. Fr i cd l linder. Das Studium der kvpsverwirreuden Kabbala hat i!״ 17. Jahrhundert eineu solch' riesigen Aufschwung genommen., dass selbst Jünglinge sich ausschließlich mit der Geheimlehre, die u.ach den Auschau'uugeu der damaligen Zeit eine überaus aseelifche Lebensweise erheischte, befassten, während sie die Studien der Bibel und der talmudischen Litteratur nicht nur vernachlässigten, sondern sogar entschieden perhorreseirten. Sie weihten mtb widmeten den größten Theil ihrer Kraft uttb Fähigkeiten kabbalistischen Schnoürmereieu und die natürliche Folge dieses unwlirdigen und unjüdischen Treibens war, dass die Geister wahnnmnachtet und die Herzen der Sitz gemeiner zügelloser Leidenschaften wurden. Der ״Sohar", dieses autiindische Grundsätze und Principien enthaltende Machwerk des Moses beu Schemtob aus Leon, der in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts lebte, wurde von ihnen, da sie ihn als Product des hervorragenden der Mystik huldigenden Tanaiten N. Simeon beu Jochai betraästeten, als eine heilige Bibel imb jeder halbwegs routinirte Kabbalist und Abenteurer als ei׳n Abgott verehrt. Die Mahnrufe der bedeutendsten und anerkanntesten rabbinschen Autoritäten, die ans die schädlichen Folgen der mystischen Träu.nercien ausmensarn machten, verhallten vergebens in der von kabbalistischen Schwärmereien verpesteten Lust. Ungesunde, ja höchstschädliche und geistvergistende Miasmen stiegen ans der Erde empor und schwarze Gewitterwolken drohten; den Horizont des ruhigen und friedlichen jüdischen Familien- : lebeus zu verdunkeln und Zn verdüstern, wie überhaupt das; Jndenthnm in seinen Grundfesten gewaltig zu erschüttern.! Während das schwache wehrlose Israel von Außen von erbitterteu Gegner!:, die sich's gleichsam zur Lebensaufgabe gestellt, die geistige, moralische Existenz des Jndenthnms in Frage zu stellen, bedroht wurde, haben seine inneren Feinde, die AntitalmudisLen und kabbalistischen Schwärmer, gleich wühlenden Maulwürfen an seinem Untergange gearbeitet. Der gefährlichste unter diesen Wühlern war Sabbatai Zewi aus Smyrna, der mit seinem ungewöhnlich großen Anhänge dem Jndenthume furchtbare Wunden geschlagen hatte, die lange nicht vernarben konnten. Sabbatai Zewi hat am 9. Ab 1626 in Smyrna das Licht der Welt erblickt. Schon der Tag seiner Geburt, der 9. Ab, der für das Jndenthnm zu wiederholten Malen so verhängnisvoll geworden, verdiente als ein böses Omen angesehen und verwünscht zu. werden. ,Sein Vater, Mordechai Zewi, der ans Morea gebürtig nach Smyrna übersiedelte und Anfangs ein Federviehhändler war, später: aber, als in Folge des zwischen der Türkei und Beudig ansgebrochenen Krieges viele holländische und englische Kaufhäuser der Sicherheit halber ihr Comptoir :rach Smyrna verlegten, als Agent eines englischen Hanfes fnngirte, scheute kein Opfer, so es galt, die Ansbildnng seines von der Natur mit körperlicher Schönheit und hohen Geistesgaben reich ansgestatteten Sohnes Sabbatai zu fordern. Sabbatai besuchte im kaum beginnenden Jünglingsalter die Talmndschnle des R. Jesep Eskafa in Smyrna, die er aber nach wenigen Jahren verließ, um sich den kabbalistischen Studien für die er schon frühzeitig eine besondere Vorliebe bekundete, ungestört hingebeu zu können. Abgeschlossen von dem Geräusche der Welt und dem Tumulte des Lebens, saß er in seinem Stübchen und vertiefte sich in die Kabbala, die er schwärmerisch Liebte und der zu Liebe er bereitwilligst allen irdischen Vergnügnngen entsagte. Er fastete vom Ansgauge des einen Sabbath bis zum Eingänge des nächsten und badete täglich, sowohl im Sommer als im Winter, im Meer. Seine ascetische Lebensweise, wie überhaupt seine staunenswerthen kabbalistischen Kenntniße verfehlten nicht die Aufmerksamkeit der Gelehrten Smyrnas auf ihn zu lenken, die ihm, als er kann: achtzehn Jahre alt war, den Titel ״CH ach am" ertheilten. Nun trat er bald als selbstständiger Lehrer der Kabbala ans. Schaarenweise strömten wissbegierige Jünger herbei und UM um i -V ־3 5*?! Dem Correspondentcn eines ungarische:: Blattes wurde jüngst die seltene Ehre zu Theil von Baron Hirsch', der sich gegenwärtig in Paris befindet, empfangen zu werden. Ueber die Unterredung wird folgender Bericht erstattet: Ungeachtet der für Paris so frühen Morgenstunde vo:: 10 Uhr fand ich den von aller Welt verehrten Besitzer des prächtigen Palais an der Ecke der stillvoruehnlen Rne de l'Elysöe und der nicht minder ruhigen Avenue Gabriel bereits vor dem mit Schriftstücken bedeckten großen Schreibtische seines Arbeitskabinetes sitzend, als ich bei ihn: vorsprach. Es dürste viele Öciits geben, die sich völlig irrige Vorstellungen von dem Leben eines der reichsten Männer der Welt machen. Nun denn, Baron Hirsch, dessen stets schaffender Geist nie Ruhe gekannt hat. arbeitet wie andere Sterbliche, wenn a::ch — und dieser Unterschied stellt ihn eben aus das glänzendste Piedestal der größten Philanthropen aller Zeiten — ein bedeutender Theil seiner Arbeit nicht dem eigenen Wohle, sondern jenem seiner Mitmenschen gewidmet ist. Während viele andere, mit irdischen Güter!: ebenfalls reich Gesegnete durch ihre Schütze nur in der Gesellschaft der obersten Zehntausend glänzen und sich bestenfalls begnügen, de:: Annen und Leidenden die conventionellen mageren Brocken der Wohlthätigkeit zukommen.zu lassen: ist ein gut Theil deS.Sinnens- und Trachtens des Besitzers des Palais in der Nne de l'Elysäe nur spendet Baron Hirsch mit beiden Händen, nicht nur lindert er durch eine große Wohtthätigkeitsaction das Elend in der verschiedensten.Herren Länder, allein was viel mehr ist, er rettet die bedauernswerthm Opfer des Glaubenshasses und einer despotischen, intoleranten, dem Jahrhundert znr Schande gereichenden-Willkürherrschaft. Er sammelt die von Hans und Herd Vertriebenen, entführt sie auf seine Kosten in entfernte, fruchtbare Gefilde — wo er ein Stück Land, größer als manches deutsche Fürstenthum, angekauft — beschenkt sie mit Boden, Haus, Vieh und Ackergerüthschaften n::d bietet ihnen dergestalt die Möglichkeit, nicht nur sich und ihre Familien zu erhalten, sondern auch zu Wohlstand, mitunter sogar zu Reichthum zu gelangen. Das ist die einzig praktische, radieale Lösung öder durch Unverstand, Fanatismus und blinden Rassenhass herbeigesührten jammervollen Lage der aus Rußland vertriebenen Inden, aber auch die einzig praktische Lösung der Frage des allgemeinen socialen Elends. Halbe Welttheile sind noch der Eivilisation zu erschließen, riesige Gebiete, fleißig bearbeitet,, .konnten all' die Ungezählten reichlich ernähren, die im alten Europa darben. Wie viele Tausende braver Auswanderer gehen aber alljährlich jenseits des Atlantischen Occans elendiglich zugrunde oder werde!: als Proletarier zu eurer Gefahr für den neuen Conti- ::ent, weil sie:::ittellos, bethört durch falsche Vorspiegelungen an dem Ort ihrer neuen Bestimmungen anlangen? Baron Hirsch hat den einzig richtigen Weg gezeigt/ wie das Kapital in den europäischen Milliardenländern, wenn es sich mit einiger Systematik in die Dienste des Humanismns :;cm wcage um-ern und d:e von o:e/cr <2eae her drohenoe Gefahr ver:cyenchen tonnie. Jedenfalls führt aber der Baron, :oie ein moderner Moses, J