Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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'©eite 6. Gesterreichisch-ungarische £antoren=geitung. Nr. 12. ciren gewesen wäre. — HI. Fall. Einen jüdischen Landesgerichtsrach besitzt Weftgalizien doch derzeit. Es ist dies Rath Sars, dessen Ernennung einen überaus harten Kampf kostete aber absolut nicht zu umgehen war. Dafür kam sofort nach der Eruennung ein Delegirter aus Wien zu Herrn Rach Sars, um ihn zu bewegen, seinen Glauben zu wechseln. Was jedoch Herr Rath Sar6 bis heute nicht gethan hat. — IV. Fall. Ein Unterofsieier, dessen Namen wir kennen aber vorläusig nicht nennen wollen, hat 18 Jahre hindurch in der Armee brav und mit Aus- Zeichnung gedient. Seine Conduitenliste ist ganz vorzüglich, seine Brust schmückt die Tapfcrkeitsmedaille. Nach achtzehnjähriger Dienstzeit sehnt sich dieser Mann darnach, die anstrengende militärische Beschäftigung mit einem bürgerlichen Beruf zu vertauschen. Er weiß, dass es eine a. h. Verordnung gibt, wonach bei Besetzung von Amtsdienerstellen ausgedienten Unterofficieren der Vorrang vor anderen Bewerbern eingeräumt wird. Er wendet sich an die verschiedenen Ministerien um eine Stelle, jedoch vergebens. Seinem Gesuche liegt eben kein— Taufschein bei. In seiner Verzweiflung entschließt sich der Unglückliche, einen letzten Schritt zu thun und den Kaiser um Gerechtigkeit anzuflehen. Wer kennt nicht die Herzensgüte und den Edelsinn unseres Monarchen? Se. Majestät hörte huldvoll die Bitte des Unteroffiziers an und prüfte die vorgelegten Dokumente, welche die ausgezeichnete Conduite dieses Soldaten bestätigten. Der Kaiser erkundigte sich nun nach dem Grunde, warum dieser Mann, der ihm doch so treue, lange Dienste geleistet, keine Stellung bekommen habe. ״Majestät, meine Confession war das Hindernis, denn ich bin Jude", antwortete der Soldat in seiner schlichten Weise. Worauf der hochherzige Monarch dem Gesuch des Bittstellers die große Signatur verlieh. Ueberglücklich entfernte sich der Petent; aber nur allzu bald sollte er aus allen Himmeln gestürzt werden. Sein Gesuch, auf welches der Kaiser die große Signatur gegeben, war an das Kriegsministerium geleitet worden, und von dort kam nach einiger Zeit folgender Bescheid: Das Kriegsministerinm sei nicht in der Lage, auf die Entscheidungen der anderen Ministerien Einfluss zu nehmen und könne daher das Ansuchen nicht bewilligen! Und so ist der brave Mann gezwungen, noch weiter in der Armee zu dienen, will er nicht — verhungern. Wien. Der durch seine Verbindung mit dem mittlerweile abgestrasten Betrüger Paulus Mayer und die famose Haupttreffergeschichte berüchtigte Pfarrer Deckert in Weinhaus hielt Sonntag, den 15. April in der hl. Josef-Votivkirche zu Wein- Haus eine Brandrede gegen die Juden, welche er als den Anfang einer Serie solcher Kanzelreden bezeichnete. Bei diesem Anlasse gelangte auch das Flugblatt ״Das Vaterunser in der Judenno'th", eine durch antisemitisch aufreizende Zuthaten bewerkstelligte Verunstaltung des ״Vaterunser-Gebetes" sowie eine zweite Schrift des Pfarrer Deckert ״Türkennoth und Juden- Herrschaft" in großen Massen zur Vertheilung. Die beiden Flugblätter wurden wohl in Folge einer am folgenden Tage durch den liberalen Abgeordneten Wrabetz an den Jnstizminister gerichteten Interpellation vom Staatsanwalte eonfiseirt, aber Pfarrer Deckert setzte seine Verhetzungen von der Kanzel herab fort. Den Haupteffect ließ sich der famose Seelsorger für die letzte Predigt im angekündigten Cyclus, die er Sonntag, den 22. April feinen Zuhörern zum Besten gab. Er sprach über ״Wtualmord". Ueber diese Predigt erhalten wir folgenden Bericht: Sonntag, 22. hielt Pfarrer Deckert seine letzte Predigt über das Thema ״Die gefährlichsten Feinde der Kirche und des christlichen Volkes". Beim Eingänge wurde vonS ch ul ki n d e rn(!) die Colportage mit den Heften des ״Sendboten vom heiligen Josef" (enLHÄtend die beiden ob erwähnten Flugblätter) lebhaft betrieben. Pfarrer Deckert erzählte seinen Zuhörern, zu denen bezirksbekannte Antisemiten das Hauptcontigent gestellt hatten, zuerst vom Ritualmord. ״Mein Busenfreund Kohn — begann er — ftagte mich unlängst: (jubelnd) ״Haben Se nix einen Ritualmord am Lager?" (Große Heiterkeit.) Nun von einem neuen, noch nicht bekannten kann ich euch, geliebte Brüder in Christo, nichts erzählen, aber von den vielen alten kann ich geuug mittheilen. Dass es Ritualmorde gibt, ist erwiesen — ich will Memaudem nahetreten — aber fanatische Juden haben solche öfters begangen. Der Talmud schreibt den Ritualmord zwar nicht gerade vor, aber er ist vorgekommen. Ich erinnere an den heiligen Simon, an Bruno von Trient, das waren Nitualmorde — ich war zum Studium der betreffenden Akten eigens in Trient, Innsbruck und Linz. Die Nitualniorde an Christenkindern sind unabstreitbare Thatsacheu." Herr Pfarrer Deckert fährt daun fort: ״Die Behauptung, dass der Antisemitismus inhuman und unchristlich sei und dem Satze: ״Liebe Gott über Alles und Deinen Nächsten, wie Dich selbst" widerspreche, sei unrichtig. Zuerst komme die Liebe zu Gott,-dann die Liebe zu sich selbst und dann erst die Nächstenliebe. Aber mein Hemd ist mir näher, als mein Rock. Unter den Nächsten verstehe ich zuerst meine Eltern, meine Geschwister und die übrigen Verwandten, dann die Gesinnungsgenossen, das christliche Volk und zuletzt erst die Anderen, die Fremden. Die Emancipation der Juden — fährt der hochwürdige (?) Redner dann mit erhobener Stimme fort — muß ihr Ende stnden re. Vor der Racentheorie warnt der Redner. Die Juden müssen als Schädlinge des christlichen Volkes, keineswegs aber aus Raeegründen bekämpft werden. Unmittelbar darauf bemerkt er aber: Wenn mich ein Jude fragt, ob es eine Sünde ist, dass er von einer jüdischen Mutter geboren wurde, antworte ich, eine Sünde nicht, aber ein Unglück. . ." Mit Recht darf man da fragen, wie lange noch sowohl die Negierung als auch der Oberhirt der Wiener Diezöse solch verhetzendem Treiben und solchem Missbrauch der Kanzel unthätig znsehen wird. Wien, 23. April. (Verbot antisemitischer Druckschriften.) Wie das Amtsblatt der gestrigen Wiener Zeitung kundmacht, hat das Landesgericht Wien als Preßgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt, dass der Inhalt des Flugblattes ״Das Vaterunser in der Judennoth", Separatabdruck des ״Sendboten des heiligen Joseph" (Verlag Wien, XVIII. Bezirk, Weinhaus, Druck von I. Kolarz, Wien) das Vergehen nach § 302 St. G. (Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Religions- Genossenschaften) begründe, und es wird das Verbot der Weiter- Verbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen. Ferner hat das Landesals Preßgericht Wien auf Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt, dass auch der Inhalt des ausländischen Druck- Werkes: ״Die geraubte Braut", Roman von G. Stein (Druck und Verlag von Adolph Wolf in Dresden, Heft 16), sowie des in dasselbe eingehefteten Bildes das Vergehen nach § 302 St. G. begründe, und es wird das Verbot der Weiterverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme bestätigt und auf Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt. Wien. Samstag den 14. April ״Sabbat Hagadol‘ hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner K o h n, der die Stelle seines berühmten Schwiegervaters Rabbi Salomon Spitzer übernommen hat, in der ״Schiffschul" die übliche Derascha. Die zahlreichen Anwesenden lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit den geistreichen Ausführungen des beliebten Rabbiners, dem nach Beendigung feiner Rede von allen Seite:! Beifall und Anerkennung zu theil ward. Wien. Das Vorstandsmitglied der Wiener isr. Cultusgemeinde, Herr Gemeinderath und k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny, ist am 21. April zum Stadtrath gewählt worden. Die Ehrung, die ihm hiedurch zu Theil wurde, ist eine wohlverdiente Anerkennung für seine unermüdliche und erfolgreiche Thätigkeit im Wiener Gemeinderathe. Wien. In der am 23. April im großen Musikvereinssaale stattgehabten ersten Vorstellung der Opernschule des Couservatoriums gelangten je ein Akt von ״Aida", ״Jesfonda", ״Don Juan" und ״Lueretia Borgia" zur Aufführung. In ״Jessonda" machte sich Herr Julius Berg grün (Sohn des verewigten Obereantors in Hannover) durch seine kräftige, modulationsfähige Stimme sowie durch sein temperamentvolles Spiel besonders bemerkbar. Vielen Beifall erntete auch Fräulein Josephine Grindling. Im ״Don Juan" brillirte Fräulein Mary Lederer (Donna Elvira) durch ihre prachtvolle Stimme und ihre reizende Erscheinung. Fräulein Kornfeld zeigte als Luerezia Borgia ein schönes Talent für dramatische Partien. In Herrn Donau er lernten wir einen Tenoristen mit wohl-