Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12. Seite 5. Gesterreichisch-ungarische Lanloren-Aeitung. Dichter singt: ״Wünsche lösen Wünsche ab, neue Wünsche neue Schmerzen, und der letzte Wunsch, das Grab, geht dem Menschen nicht von: Herzen." Ist es daher nicht thöricht, zu begehren, wenn das Begehrte unmöglich für die Dauer glücklich machen kann? Ist nicht unter allen Träumen das rastlose Begehren und gierige Haschen nach irdischen Dingen der allereitelste Traum? Wahres Glück kann das unmöglich gewähren. Die Erfahrung lehrt, dass nur der glücklich ist, der sein Gewissen rein behält und glücklich sein will, der stets zufrieden ist, nichts Sündhaftes begehrt, überhaupt nichts wünscht, was ihm nicht leicht erreichbar ist. So lehrt der königliche Sänger: ״Besser ist das Wenige der Gerechten, als die Fülle der mächtigen Frevler, und :licht zu Schanden werden werden Jene in den Tagen der Noch, und in den Zeiten des Hungers fühlen sie sich gesättigt. Und wenn der Gerechte auch wankt, stürzen kann er nicht, denn Gott erfasst seine Hand. Jüngling war ich und bin nun alt geworden und habe nicht gesehen einen Frommen, der sich verlassen fühlt, selbst wenn seine Kinder das Brot erbetteln müssen." In der traurigsten Lage fühlt sich der zufriedene Fromme beruhigt. (Pf. 37, V. 16, 19, 24, 25.) (Fortsetzung folgt ) I. U. Dr. D. Grekow Minister der äußeren Angelegenheiten und Cultusiniuister v. Bulgarien. Eine biographische Skizze von Dr. M. Grünwald, fürstl. bnlg. Großrabbiner. Das Judenthum hat zu allen Zeiten die Dankbarkeit zu den ersten und heiligsten Pflichten seiner Bekenner gezählt, weil das treue, goldene Herz der Inden selbst von seinen Gegnern ihm zuerkannt wurde, lind eine Dankesschuld ist es, die wir hellte abtragen, wenn wir die Leser mit dem Lebensgange des bedeutenden Staatsmannes, dessen Name die Allsschrift dieser Skizze bildet, bekannt machen. Dr. Grekow wurde in Belgrad (Beßarabien) am 2. September 1847 geboren. Nachdem er das Gymnasium in seiner Vaterstadt absolvirt hatte, gieng er, von Wissensdurst getrieben, nach Paris, besuchte die Pariser Universität und erwarb sich das Recht eines cloytsur en droit (Doctor der Rechte). Nach Vollendung seiner Studien wurde er im Jahre 1875 Mitglied des Gerichtshofes in Braita (Runiänien), gab aber im Jahre 1876 seine Demission und betrieb die Advocatie bis zum März 1877, gieng darin von Braila nach Constantinopel und von dort nach Philippopel., damals Hauptstadt der Provinz Rumälien. Von der Befreiung Bulgariens angefangen widmete er feine hervorragenden Geisteskräfte seinem Vaterlande Bulgarien. Im August 1878 wurde Grekow zum Prüftdenten des obersten Gerichtshofes in Sofia von dem kaiserlich russischen Commissär ernariilt. Grekow war :licht nur das hervorragendste Mitglied der ersten großen Sobranje, sondern die edelste, freiheitdurchhauchte Schöpfung Bulgariens, die Constitution, ist Grekow's persönliches Werk. Er war es, der zuerst ein geordnetes Justizwesen ::: Bulgarien eiuführte. So ist es nicht auffallend, dass alle Ehrenüinter ihm zuerkannt wurden; er war nacheinander nnd oft nebeneinander Justizminister und stellvertretender Minister des Innern und ist seit dem 2. November 1890 bis heute Minister der Aellßerei: Angelegenheiten itnb Cultnsminister. Da meine Politik ist, keine Politik z:: treiben, lvill ich über Se. Excellenz als hervorragenden Politiker und bedeutenden Juristen mir kein Urtheil erlauben. Hingegen habe ich reichliche Gelegenheit, seine echte Menschenfreundlichkeit rennen zu lernen, die jedem bulgarischen Bürger alles gleiche Recht zu Theil werden lässt. Ich kann es bezeugen, dass Se. Excellenz den Juden Bulgariens gewogen und stets bereit ist, ihre religiösen Institutionen nach jeder Richtung hin zu schützen nnd zu stützen. Dr. Grekow ist ein wahrhaft edler Mensch und von seinen: Wirken gilt daher des deutschen Dichters Wort: ״Dich schuf das Herz, Du wirst ewig leben" (Schiller.) Sofia, den 17. April 1894. Kleine Chronik. Wien. Die ״Wr. Sonn- und Montagszeitung" verösfentlicht einige jener Fülle, welche offenbar den Abg. Dr. B y k zu seinen, bereits in voriger Nummer gemeldeten, sreimnchigen Wortei: im Polenclub veranlassten: I. Fall. Bei der Finanzlandes-Direction ii: Brünn bewirbt sich ein junger Dr. juris, Dr. Hrdlicka, um Ausnahme in de!: Dienst. Der Finanzlandes-Director empfängt Dr. Hrdlicka, dessen Name ja nicht vermutheu lässt, dass seine Ahnen durch's rothe Meer trockenen Fußes gezogen, auf's Allersreundlichste, betont, dass im Amt jetzt Doctoren juris sehr gesucht würde!: und aus schnelles Avancement rechnen könnten. Daraus hin reicht Dr. Hrdlicka sein schriftliches Gesuch ein, dem wohl ein Gebnrtsaber kein Taufschein beiliegt. Einige Zeit später lässt der Bicepräsident der mährische:: FinanzlandeZ-Direction Dr. Hrdlicka zu sich bitten. Der Viceprüsident bedeutet dem Cvmpetenten, dass es von ihm, (Dr. Hrdlicka) nicht klug sei, bei den dermalen in Cisleithanien herrschenden Verhültnißeu in den Staatsdienst zu treten; er würde auf viele Schwierigkeiten im Avancement stoßen, und am beste!: würde es wohl sein, wenn Herr Dr. Hrdlicka sein Gesuch zurückziehe, ohne erst einen Bescheid zu erwarten. Dr. Hrdlicka erklärte dagegen, dass er ans Grund seiner durch die Verfassung gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte auf seiner Bewerbung um das Amt verharre unb daraus bestehen müsse, dass sein Gesuch aus schriftlichem Wege erledigt werde. Was auch geschah. Dr. Hrdlicka erhielt einen abschlägigen Bescheid. Mit diesem Docnmente, welches ein so schönes Beweisstück für die Gleichberechtigung der Consessionen liefert, begab sich Dr. Hrdlicka nach Wien, suchte einen hervorragenden liberalen Abgeordneten der vereinigten Linke!: aus Mähren aus und legte diesem seinen Fall vor. Der Abgeordnete war höchst empört und versprach, den: Herrn Finanzminister von der Sache Mittheilnng zu machen. Thatsächlich erschien einige Tage später der Abgeordnete wieder und thatsächlich hatte er mit den! Herrn Dr. von Plener über jene!: Fall gesprochen. Ter Bescheid Sr. Excellenz lautete: Se. Ercellenz sei entrüstet und empört über die Unduldsamkeit, die Staatsbürgern mosaischer Confessio!! gegenüber herrsche, wie es der Fall Hrdlicka dargethan. Se. Excellenz könne sich aber nicht der Einsicht verschließen, dass Herrn Dr. Hrdlicka große Schwierigkeiten erwachsen könnten,!venu er ernannt würde, da ja Herr Dr. Hrdlicka auch in Gegenden mit vorwiegender antisemitischer Bevölkerung versetzt werden könne. Auch würde bei den herrschenden Verhültuißen das Avancement sich nicht sehr günstig gestalten. Se. Excellenz gebe daher Dr. Hrdlicka den Rath, sein Gesuch zurückzuziehen und sich der Advokatur zu widmen. Woraus Dr. Hrdlicka für den wohlmeinenden Rathschlag danken ließ, indem er meinte, dass er mit Rathschlägen dieser Art schon von seinem Vater versehen sei. Dr. Hrdlicka ersuchte schließlich noch den liberalen Abgeordneten, er möge ihm eine Audienz bei Dr. v. Plener erwirken, welche Bitte jedoch nicht bewilligt wurde. — II. Fall. Beim Lemberger Landesgericht dient seit zwanzig Jahren der Herr Rathssecretär Barber. Wiederholt wurde er vom Prä sidium des Lemberger Oberlandesgerichtes als Landesgerichts rath primo et unico loco in Vorschlag gebracht. Aus Wien kamen immer abschlägige Bescheide, trotzdem Rathsecretär Barber schon längst, seit vielen, vielen Jahren an der Tour zum Avan