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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-05-01 · Heft 12 (1.5.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 12 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 12. Auch die mütterliche Erziehung wird hervorgehoben: Rabbi Jannai sagte: Bei wem findest du die religiöse Wissenschaft? Bei dem, der eine gute mütterliche Erziehung genossen hat. (Talmud Berachot.) Dem Vater lag zumeist die religiöse Ausbildung des Kindes ob, während die Mutter die sittliche Seite, das sogenannte ״Erziehliche" desselben leitete, es blieb daher stets ״der weise Sohn des Vaters Freude, der missratene hingegen der Mutter Kummer." (Sp. Sal. 10. 1.) Es ließen sich noch eine große Anzahl Belege anführen, die auf die Wichtigkeit des Jugendunterrichtes Hinweisen, doch wir wollen nur noch einige Sätze berühren. Nach Pirke Aboth 5, 21, hatte man schon eine bestimmte Lehrordnung. ״Mit 5 Jahren beginnt man mit dem Lesen der hl. Schrift, mit 10 Jahren'mit der Mischna, mit 15 mit dem Studium der Gemara. Bei dem Memorieren legte man ein besonderes Gewicht auf die Entwicklung des Verstandes und auf die Bildung des sittlichen Gefühls. Der Unterricht im Lesen war ein allgemeiner, das Erste, was die Knaben zu lesen bekamen, war das Schema und die sich daran anschließenden Stücke, worauf man dann zur eigentlichen Litteratur übergieng. Andere Unterrichtsgegenstände waren Mathemattk, Asttonomie, Naturkunde, Medizin, Geomettie, Geschichte, die alle zu dem Verständnis des Talmud gehörten. Die Schnldisciplin war mild, dieselbe wurde erleichtert durch die gegenseittge Achtung der Schüler und durch das Interesse, das die Eltern für den Unterricht hatten. In Betreff der Unterrichtsweise galt als Norm die Lehre des Rabbi Meir: ״Immer wähle man beim Unterricht den kürzeren Weg." Hier wurde schon der pädagogische Grundsatz: ״Nicht zu viel auf einmal", wie auch der Satz: ״Alles sei der Entwickelungsstufe der Kinder angemessen", beobachtet. Niemand durfte sagen: ״Ich habe mir Mühe gegeben und nichts herausgebracht," wie auch nicht ״ich Habemir ohne Mühe Wissenschaften erworben", sondern nur der Ausspruch ״ich habe mich bemüht und gefunden", galt für verständig — für vernünftig. Betrachtungen über Schlaf u. Traum von Rabbiner L. Wollner. VUL Jakobs Träume. Jakob ttäuntte: ״Eine Leiter stand auf der Erde und ihre Spitze reichte an den Himmel, und siehe, Engel Gottes süegen auf und ab an chr, und der Ewige stand über ihr." (1. M. 28. 12.) Was ist sie, diese Leiter, was deutet sie, was war sie dem Jakob, was ist sie uns? Es ist das Bild von der Allgemeinheit Gottes, die erste und heiligste Ueberzengung des sittlichen Menschen, der süßeste Trost des Gläubigen, der er- Habenste Gedanke des Denkenden. Jakob sah, wie das große Weltenganze, dieser wunderbar gefügte, herrliche Bau von dem Odem Gottes durchbebt und durchzuckt ist; wie das unermessliche Weltall mit seinen unabsehbaren Räumen, in seinen ungeheueren Verhältnißen, in der Mannigfaltigkeit seiner Theile und Glieder, wie das Ganze gehalten und gettagen wird von dem ewig ordnenden Schöpfungsgeiste Gottes, der das Ganze belebt und darin waltet und herrscht. Er sah, wie in dem ewigen Mittelpunkte all' die Strahlen zusammenlaufen, von den: sie ausgegangen, sah, wie eine unsichtbare Hand schaltend und regierend, führend und ordnend die Fäden hält, denn über Allem steht Gott, der Schöpfer und Erhalter, der Herr und Meister. Und wo wäre denn der Mensch ftemd auf Erden, so ihm nur das Eine ist lebendig in der Seele? Wie sollte ihn, den einsamen Wanderer, den ftemdlichen Pilger, den verlassenen Reisenden Graus und Angst erfassen, der es sah, wie das große, weite Weltall sich zu freundlicher Harmonie ihm zusammenfügte, Stufe über Stufe, eine Leiter, die hinaufführt zu Gott, und auf deren höchster Sprosse den Ewigen, den Herrn der Welt? So treten auch wir hin vor das wundersame Bild, das uns die Schrift vorführt, um uns die Gedanken an Gott, den Allgegenwärtigen, zu erneuern und zu beleben. Dem Patriarchen hatte das Räthsel sich gelöst, und in der Lösung und Deutung, die ihm geworden, ist der reichste Schatz der Erkenntnis und des Glaubens uns gesichert. Er hatte die Welt als den Thron Gottes, als die Stätte seiner Allmacht erschaut und stand davor im heiligen Beben, aber auch mit freudigen Muthe: Dies soll fein Beispiel auch uns lehren. Es ist dies der Sinn des alten Ausspruches, dass ״das Bild Jakobs an dem Ehrenthron Gottes ist eingegraben." (Chulin 91.) Gottes Ehrenthron ist der Himmel, wie die Erde seiner Füße Schennnel, darauf heftete Jakob seine Blicke. Dass Gott allgegenwärtig ist, das wissen wir alle, das wissen wir aus der Kindheit, das steht in unseren Lehrbüchern, das ist bereits der Jugend geläufig, und auch der Mann, der es hört, wird geläufig und gedankenlos das Wort wiederholen. Aber im Kopfe und Gedächtniße ist nicht die Stelle für solche Erkenntnis, sie gehört in das Herz, dort soll sie mit unauslöschlicher Schrift, in unaussprechbaren Zügen eingegraben sein, als der Hort imd Pfeiler unseres Lebens. IX. Drei besonders zu beachtende Träume. Der Talmud (Berachot 55) führt -uns drei Arten von Träumen, vor, welche Wesentlichkeit haben. ״Der Traum in der Morgenstunde; der Traum, den ein anderer für uns träumt; ein Traum, der im Traume seine Lösung findet." In diesem Leben, wo alles nur ein Traum im wachenden Zustande ist, haben blos die Träume einen Schatten von Wirklichkeit. Der Traum in der Morgenstunde, darunter ist die ganze erste Zeit des Lebens zu verstehen. Die Jahre der Kindheit sind die einzig glücklichen, da sind der Freuden viel und der Sorgen gar nicht. Das Kind lebt in glücklicher Einfalt und freut sich hüpfend und springend über Alles und Jedes. Der zweite Traum, der einen Schatten von Wirklichkeit hat, ist der Traum, den ״Einer für den Andern träumt." Wenn man die Pracht und den Glanz eines Großen und Mächtigen anstaunt, so hält man ihn wohl für den glücklichsten Erdensohn, während der so Beneidete vielleicht in seinem Innern aus tausend Wunden blutet und sich als den Unglücklichsten fühlt. Er weiß also, dass er nicht glücklich ist, aber von Anderen wird er dafür gehalten. Der Traum des Lebens hat daher nur insofern Wirklichkeit, als er für einen andern geträumt wird; denn da meint der Träumende, das und Jenes, was der andere besitzt, begründe das Glück des Lebens, während dieser als Besitzender es fühlt, dass es nur eitler Tand sei. Endlich der dritte Traum, der einen Schein von Wirklichkeit hat, besteht darin, dass der Traum im Traume seine Lösung findet. Der Wunsch ist ein Traum, und die Erfiillung des Wunsches ist die Lösung des Wunschtraumes im Traume des Lebens. In dem Augenblicke der Lösung, wo nämlich der Wunsch erreicht wird, hat er gewisse Wirklichkeit^; denn nur das ist der einzige Moment, wo der Träumende sich glücklich fühlt, ist dieser vorüber, so wird die Gewohnheit das Grab der Freude, und der Mensch ist ׳dann so wenig glücklich, als er es war, ehe sein Musisch in Erfüllung gierig, wie der

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