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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-05-01 · Heft 12 (1.5.1894) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 12 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 12. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. schon früher Würdigung und Berücksichtigung gefunden hätten. Denn all das Gesagte ist Glicht neu, und den Lesern der ״Cantoren-Zeitnng" sind die Ausführungen des Einsenders aus den früheren Jahrgängen unseres Blattes längst bekannt. Noch geraume Zeit, bevor die Wiener jüdisch-theologische Lehranstalt ins Leben trat, haben wir die Anregung gegeben, dass in dem Lehrplane dieser Anstalt auch ans die Ausbildung von Cantoren Rücksicht genommen werde, aber wir möchten dies nicht in dem Sinne dnrchgeführt wissen, dass die stimmbegabten Nabbinats-Candidaten nur so nebenbei auch Unterricht im cantoralen Gesänge erhalten. Als Nebenamt des Nabbinates ist das Cantorat nicht leicht denkbar, denn die Agenden des letzteren sind als Nebenbeschäftigung viel zu inhaltsreich mib verlangen einen ganzen Mann für sich. Den Bedürfnißen der Gemeinden wäre auch damit wenig gedient, da auf diese Weise wohl vielleicht sangeskundige Rabbinen aber nicht brauchbare Cantoren herangebildet würden. Hier, wie überall, wo es sich um die Schaffung neuer Institutionen handelt, müssen die bestehenden Verhältniße und die praktischen Bedürfiliße zu Rathe gezogen werden, und diese lehren, dass seit jeher in kleineren Genieinden eine Verquickung des Lehramtes mit dein Canto rate vorhanden war. Demgeniäß müssten an dem Wiener Seminar, dem doch auch die Ausbildung jüdischer Religionslehrer obliegt, stimmbegabte Lehrer-Candidaten zu Cantoren oder viee versa Cantorats-Eleven zu tüchtigen Religiouslehrern herangebildet werden. Solche Männer besäßen dann auch die Eignung, im Nothfalle in Stellvertretung oder unter Aufsicht des Bezirksrabbiners gewisse rabbinische Fnnctionen, soweit dies eben im Rahmen des Gesetzes zulässig wäre, auszuüben, und jene Gemeinden, denen die Erhaltung eines akademisch gebildeten Rabbiners aus pekuniären Gründen unmöglich ist, wären dann nicht gezwungen, Experimente zu machen, die sicherlich nicht zu Hebung des religiösen Sinnes beitragen. Wenn die Wirksamkeit der jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien itadj der angedeuteten Richtung ausgedehnt und dadurch nur den Bedürfnißen der wenigen Großgemeinden, sondern auch der großen Mehrzahl der kleinen Gemeinden Genüge geleistet wird, dann erst hat diese Anstalt, die zur Hebung und Kräftigung des Judenthums gegründet wurde, ihren Zweck erfüllt. Die näheren Details der Ausführung unseres Planes einem nächsten Artikel vorbehaltend, möchten wir für heute nur die Airfmerksamkeit der löblichen Cultnsgemeinden und namentlich des Curatoriums des Wiener Seminars aus diese hochwichtige Frage gelenkt haben und bitten, dieselbe nicht mit dem bisher beliebten, vornehmen Stillschweigen zu übergehen, vielleicht aus dem Grunde, weil sie nur von Cantoren angeregt wurde. Es ist nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass das Interesse unseres Standes viel mehr noch ein allgemeines jüdisches Interesse in sich schließt. Zum Cantorentag. Da der im Dezember v. I. verschobene allgemeine Cantorentag für die letzte Woche des Monates Mai (voraussichtlich für den 27., 28. oder 29. Mai) projectirt wurde, erachten wir es für zweckmäßig, die geehrten Collegenkreise, sowohl die Mitglieder des österr. Ungar. Cantorentages als auch die außerhalb' dieses Verbandes stehenden Cantoren zu erinnern, dass sie schon in den nächsten Tagen ihre Theilnahme bei dem Präsidium des österr.-ungar. Cantoren-Vereines (Wien I., Seitenstettengasse 4) mittelst Correspondenzkarte anmelden mögen. Es liegt die Erwartung nahe, dass die günstige Jahreszeit dazu beitragen wird, e׳ne imposante Collegenschaar bei den gemeinschaftlichen Berathungen zu vereinen, und in Anbetracht der wichtigen Fragen, die am Cantorentag zur Besprechung gelangen sollen, ist auch ein recht zahlreiches Erscheinen der Collegen erwünscht. Anträge und Vorttäge über Standes- und Fachfragen müssen bei dem Bereinsvorstande vorher angemeldet werden, da bei dem voraussichtlichen Reichthum des Berathungsmatnials die Diskussion der einzelnen Fragen sich nur streng im Rahmen der Tagesordnung wird bewegen können. Die einzelnen Punkte der Tagesordnung haben schon seinerzeit in der ״Cantoren-Zeitung" eine ausführliche Besprechung gefunden, doch werden wir dieselben zur besseren Orientirung in nächster Nummer neuerdings veröffentlichen. Um eine Klärung der Ansichten herbeizusühren, ist eine publizistische Erörterung der Hailptfragen gewiss nur angezeigt und wir stellen zu diesem Behuse unser Blatt den geehrten Collegenkreisen zur freiesten Verfügung. Der endgiltige Termin des Cantorentages wird in der in den nächsten Tagen stattfindenden Vorstandsfitznng des Cantoren-Vereines festgesetzt werden und werden wir hierüber unseren Lesern umgehend Bericht erstatten. Die Redaction der ״österr. Ungar. Cantorenzeitung." Israel als lebendiger Zweig in der Geschichte der Pädagogik. Studie von M. Lintner. Cantor und Lehrer, Bunzlau, Schlesien. (Schluss.) Wie hoch die Kenntnis im Allgemeinen bei den Israeliten stand, leuchtet aus dem Satze hervor: ״Nur der Unwissende kann wahrhaft arm sein". ״Besitzest Du Wissenschaft, Haft Dir alles, hast Du diese nicht, besitzest Du nichts". Jedermann war verpflichtet, seinen Sohn in der Thora unterrichten zu lassen. Es war verpönt, an einem Orte zu wohnen, wo keine Schule war. Als eine Religion sittlicher Ideen wollte das Inden thnm nicht Philosophensondern Jugendschnlen schaffen, in denen das Heranwachsende Geschlecht erzogen werde. ״Gehet hip, sprachen zwei heidnische Denker zu ihren Zeitgenossen, welche Israel schwächen wollten, ״Gehet hin in die jüdischen Schulen, wo die Kinder zur Beobachtung und Befolgung des Sitiengesetzes herangebildet werden! Dort ist der Quell seiner Stärke, dort das Geheimnis seiner Unverwüstlichkeit. Wollt ihr sie besiegen, so müsset ihr jene Stätten angreifen." (Bereschit Rabba 69). Der Präsident einer Akademie schickte einige Gelehrte von Palästina aus, um den Jngendunterricht zu fördern und Schulen zu errichten, wo solche fehlten. Diese kamen in eine Stadt, wo sie keine Spur von Unterricht, noch Lehrer fanden. Unwillig sagten sie zu den Bürgern: ״Bringet die Erhalter der Stadt vor uns!" Und siehe da, es erschien vor den Gelehrten die Obrigkeit der Stadt. ״Was?" riefen die Weisen aus, ״das sind nicht die Erhalter der Stadt, die wir meinen". ״Aber welche find es denn?" fragten die Männer mit Verwunderung. ״Welche? Die Erhalter der Stadt sind die Lehrer, denn wenn der Herr das Haus nicht baut, ist vergeblich die Mühe der Arbeiter." (Baba Mezia.)

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