Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453315--3988-3458402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. Rechtes zu erkennen ist. Eine Majorität kann launenhaft, ungebildet, hartherzig und selbstsüchtig sein, denn die parlamentarische Weisheit ist auch selten wie jedes Geschenk des Himmels. Frankreich war nie weniger frei, als zu jener Zeit, wo der Convent über Leben und Tod, Krieg und Frieden entschied. Nun, Judenrecht ist einfach Minoritätsrecht. Ich will doch sehen, ob ich als Jude leben, meine Fähigkeiten entwickeln und bethätigen kann. Wer mich angreift, mag es sich wohl überlegen, denn er verkündet damit den Grundsatz einer rücksichtslosen Majoritäts-Herrschaft, und die Majorität gehört wahrlich nicht den jetzigen Inhabern und Nutznießern, sondern Elementen, die laut am Thore der Gesetzgebung pochen und, gestützt aus ihre Zahl, sogar den Begriff des Volkes durch jenen der Classe verdrängen wollen. Ich will das Recht haben, ein Jude zu fein, weil ich mit meinem Denken noch im achtzehnten Jahrhundert wurzle und nicht weiß, mit welcher Stirne wir den Besitz vertheidigen sollen, wenn wir nicht Jedem wenigstens die gleiche formelle Möglichkeit einräumen, ihn zu erlangen. Christoph: Du bleibst also Jude, weil du es für einen Verrath und für schimpflich halten würdest, eine bedrückte Schichte der Gesellschaft zu verlassen. Gestehe offen, dass hier Erziehung, Gewohnheit, vielleicht auch ein Rest von Gemüthsregnng und das Gefühl der Angehörigkeit mitspielen. A n s e l m: Das mag sein. Niemand kann einen geistigen Zustand auslösen, ohne dass ein Rest von unerklärlichen Motiven den letzten Niederschlag bildet. Wenn ich mich selbst Prüfe, so finde ich etwas Eigenthümliches, dass mich heute mit den Juden verknüpft. Mm: spricht von der Wohllust des Schmerzes, ttitb in der Politik wie in der Natur vollzieht sich die Auslese durch eine Mischung von Qual und Seeligkeit. In unserer Zeit wird alles nivellirt, der Fürst muß Zucker und Getreide ans Termin verkaufen, ein Königssprosse verliert sein Geld in Mais, das Volk gleicht einem wildbewegten Meere, von dessen schäumenden Wellenkämmen alle Stünde übersprudelt und abgerieben werden. Die Völker stehen an der Schwelle der Demokratie, die zu viel gefürchtet und zu viel gepriesen wird, denn sie kann einen Perikles und einen Kleon Hervorbringen, sie kann ״Mächtiger Herr, Beherrscher aller Lan e? Vergib mir, thörichtem Greis, der sich vermessen, Gott zu versuchen. Im Vertrauen ans ihn, und um hundert Arme wie alljährlich bewirthen zu können, nahm ich von Dir gestern die Hälfte des Finderlohnes. Ich habe meine Pflicht gethan, thu Du die Deinige: Hier ist mein Haupt. Lass den Henker kommen; ich bin gefasst," schloss Jonathan, der von der wunderbaren Gottessügung noch keine Ahnung hatte. Der König winkte einem Diener, Als dieser bald darauf wiederkehrte, trug er in der Rechten einen goldenen Teller, in dem eine große Anzahl voll Goldmünzen sich befand, und im rostigen Panzer, den er in der Linken trug, lag der Kopf des Vezirs, der sein Verbrechen, den König vom Throne zu stürzen und sich selbst durch die geheimnisvolle Kraft des entwendeten Ringes auf denselben zu setzen, mit dem Leben bezahlen musste. Der Diener stellte Beides zu den Füßen Jonathan's. Der Schah erzählte nun dem fassungslos dastehenden Juden den Vorfall von gestern Nacht, und wie ihm Jonathans und der Weisen Prophezeihung die Entdeckung des Diebes, des Vezirs Dajemi, ermöglichte. ״Hier nimm den zweifachen Finderlohn und sei künftighin mein Rathgeber!" schloss der König, den zu Thräneu gerührten Jonathan ha-Cohen umarmend. ״Es gibt einen Gott, der mächtiger ist als alle Könige — und ihm will ich dienen!" Jonathan riefls und stürzte aus dem Palaste. Er lebte fortan glücklich und wurde in ganz Persien bekannt und verehrt. erhaben und niedrig sein, je nach dem Pegel der politischen Moral, die wichtiger ist als das politische Gesetz. Kein Mensch ist stark genug, um das Anschwellen der Demokratie zu verhindern, und wer sieht, wie der alte Gladstone seine politische Laufbahn damit abschließt, den rochen Hahn ans das ehrwürdige Haus der Lords zu setzen, und wie die feinen Genttemen ans Oxford sich in der Gesellschaft der Fabier zn Führern der Sozialisten heranbilden, muß darüber lachen, wenn ein prenßischer Junker oder ein polnischer Graf sich einredet, er könne sich dem Unabänderlichen widersetzen. Die Demokratie ist an sich weder gut noch schlecht, aber sie bringt stets durch ihr Massengewicht ein erhöhtes Krastgesühl und eine Verschärfung der Majoritäts-Herrschast. Die Füße der schweren Elephanten zerstampfen die zarteren Bäume, und während früher die meisten Gesetze lauteten: Du darfst! ist jetzt der Resraül: Du darfst nicht! Das ist die härteste, aber zugleich die herrlichste Periode für eine Minorität, die, ausgeschlossen von der Macht, deren Fehler nicht theilen kann, in den Untergang nicht hineingezerrt und von dem Mißbrauch nicht beschmutzt wird. Wer ist der Richter des Richters? C h r i st o p h: Der Angeklagte, der am besten weiß, ob ihm ein Unrecht zugesügt wird. Jetzt begreife ich deinen Gedankengang. Die Minorität wird in der allgemeinen Zersetzung durch den Druck befestigt; je mehr wir euch aus beit verschiedenen Erwerbszweigen Hinausstoßen, desto fleißiger, nüchterner, tüchtiger müsst ihr werden: je mehr wir euch verfolgen, desto mehr wachsen eure Anstrengungen, euch zu behaupten: je mehr wir euch hassen, desto strenger wird der?Naßstab werden, den ihr an euren Charakter anlegt. Die stärkste Gewalt kann der Mino rität das Recht der Kritik nicht rauben, mit der sie die Majo rität begleitet, und so wird der Niedrigste in einem anderen Sinne aus den höchsten Platz gewiesen. Wenn die Inden aus Furcht schweigen, so sehen wir doch in ihren Blicken unser Ur theil, wir wissen, was sie denken müssen, und es kommt der?Noment, wo dieser stille Vorwurf uns derart quält, dass wir nach der Gleichberechtigung schreien, nicht blos, um das Gewissen zu beruhigen, sondern weil wir nicht dulden können, dass es eine Schichte gibt, die wenigstens von den politischen Lastern unberührt bleibt, denen wir durch die Versnchnng erliegen. A nfel m: Ja, es ist das Vergnügen einer Minorität, in jener Geistessphäre zu herrschen, wo kein Befehl sie erreicht und der Gedanke frei walten kann. Die Inden sind zum minbesten ein??laßstab für die wirkliche, zum Unterschiede von der parlamentarischen Freiheit der Völker geworden, und an ihrem Verhältniße zur christlichen?Najorität ist der Ausstieg und?lieber gang zu erkennen. Das gibt ihnen unter der Faust der Gegner das Gefühl sittlicher Kraft und in der tiefsten Temüthigung die Hoffnung ans die Zukunft. C H r i st o p h : Warum gebraucht ihr euren Reichthum nicht? Geld ist doch?Nacht. Anselm: Neben der großen Schaar armer Inden hat sich noch ein??Mittelstand erhalten, welcher durch die Gesetzgebung allmälig zerstört wird, und dazu kommen einige tausend Reiche mit ihrem Vermögen in Papieren. Und Papier ist in dieser ernsten Zeit keine?Nacht. C h r i st o P h: Wo ist also die gefürchtete Gewalt des jüdischen Geldadels? A n s e l m: Fabeln und Flausen. Die Inden find keine??lacht, sondern ein Prineip. Weißt du, dass die Pariser Stu deuten die Absicht hatten, den Jahrestag der Bartholomäusnacht