Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 11. Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Wir dächten, mit der Verfolgung, sowie mit der Entdeckuug der Juden wäre ein Ende zu machen. Die Verfolgung wird aufhören, wenn die Mächtigen von Thron und Altar sich erinnern werden, dass Gewalt und Unterdrückung stets als zweischneidige Schwerter der Regierungskunst sich erwiesen haben. Das Volk selbst ist nirgends antisemitisch, nur seine Führer und Lehrer sind es. Die Verfolgung wird demnach aufhören, wenn es der Macht also gefallen wird. Aber auch die ״Entdeckung" des Judenthums wird aufhören, ebenso wie die frühere Selbstgefälligkeit der Juden aufgehört hat. An Stelle der allzu freundlichen ״Rettungen" wird ein unbefangenes Studium der Juden mit exacter historischer und völkerpsychologischer Methode treten, wobei man keine Theatereffecte wird ausspielen, sondern die reine Wahrheit wird erforschen wollen. Für die Unbefangenen können die Juden eben nur als ein Theil der zivilisationsfähigen Menschheit gelten, mit nicht größeren Vorzügen und mit nicht geringeren Gebrechen, als die anderen kaukasischen Stämme und Nationen. Vollkomnien und universell ist keine der irdischen Menschengruppen; der Nationalstolz kann sich immer nur auf spezifische Tugenden beziehen. Das Judenthum besitzt seine spezifischen Fehler und Gebrechen, sowie se ne spezifischen Tugenden. Ein Volk ergänzt das andere im großen M e n s ch e n b u n d. Die spezifischen Tugenden einer Volkes bilden eine Mission. Jedes Volk muß seine spezifischen Tugenden zu allgemeinen zu machen streben. Zur Eigenart des Judenvolkes gehörte sein geläuterter Gottesglaube; seine Mission, diesen Glauben dem Westen mitzutheilen, hat ihm das Christenthum, später der Mohamedanismus, Pantheismus und Deismus abgenommen. Das Judenthum besaß aber auch eine geläuterte sittliche Auffassung, ein reines Familienleben, ein individuelles Freiheitsgefühl, einen Drang nach allgemeiner und höchster Geistesbildung, eine ethische Mitgift, welche es unter dem höchsten Drucke des Ghettos, ttotz blusigster Verfolgung, traurigster Verbammng als unverlierbares Kleinod bewahrte bis zum heutigen Tag. Unsere moderne Cultur ist nahe daran, die Reinheit und Innigkeit des Familienlebens zu verscherzen, das individuelle Freiheitsgefühl verliert sich zu oft in blindem Autoritätsglauben, dem Drang nach allgemeinerund höchster Geistesbildung treten zu oft finstere Mächte entgegen. Hätte da ein Volk nicht noch immer seine Mission zu üben, welches in der Familie das reine Feuer der Liebe behütet, welches keine Autorität blind anerkennt, sondern überall das Recht der vernünfsigen Kritik sich wahrt und dadurch die Grundfreiheit, die Freiheit des Geistes erhält? Sollte es nicht noch eine schöne Mission sein, der Welt das Beispiel zu geben, dass auch der Aermste und Geringste das Wort Gottes kennen lerne und die Wissenschaft als Gottes Tochter ehre und umwerbe? So lange es nöthig ist, der Menschheit die Familienliebe, die Geistesfreiheit zu predigen und zu demonstriren, die Lust des Denkens, Forschens und Wissens zum allgemeinen Volksgut zu machen, so lange ist die Existenz des Judenthums berechtigt, obzwar es dadurch der Stein des Anstoßes für die Egoisten, Potentaten und Finsterlinge bleiben mag. Da aber Familienliebe, Geistesfreiheit und Wissensdurst keine religiösen Dogmen, sondern rein ethische Eigenschaften sind, so wird der wahre Christ hierin eher Annäherungsals Treunungsgründe fiir den Verkehr mit diesem seltsamen alten Volke finden. Gespräch Meier Freunde Wer Tagesfragrn. (Schluss.) Anselm: Was ist die Judenfrage? Der ernsteste Zwiespalt, welcher die Christen trennt, denn sie sind berufen, zu entscheiden, wie weit die Macht einer Majorität im Staate reicht und wie viel Recht einer Minorität zugestanden wird. Die Christen sind die Majorität und die Juden eine kleine Minorität. Der größte Jrrthum der Menschen hat stets darin bestanden, dass sie meinten, die Freiheit sei nach den größeren oder geringeren Rechten einer parlamentarischen Majorität zu bemessen, während die wahre, ja die einzige Freiheit stets am Schicksale der Minorität und an dem Schutze des persönlichen ״Dajenu“. Eine Ostcrgeschichte. Nachcrzählt von Julius E i s n c r, Cantor und Rcligionsweiser in D r a s ch k o v. (Schluss.) Jonathan besorgte die Einkäufe fiir die Armen unb Abends saß er wieder im Kreise der dankbaren Hundert am gewohnheitsgemäß hergerichteten Peßachsische, den! an Größe feiner in Teheran gleich kam. Der Minister hatte mittlerweile von der That des Königs Kenntnis erhalten und er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dieselbe in's Lächerlichste zu ziehn: ״Du wirst nun zum Schaden noch den Spott haben, und der abenteuerliche Jude hat Dich um eine schöne Summe betrogen. Wie soll er in dieser kurzen Frist den Ring ausfindig machen? — Vielleicht geht er noch in dieser Nacht mit dem Gelde durch." Da es Abend geworden, machte der Schah dem Vezir den Vorschlag, ineognito den Juden in seiner Wohnung zu besuchen, um sich von seinen Vorkehrungen zu überzeugen oder ihn bei seinem Fluchtversuche zu ertappen. Beide machten sich aus dem Weg. An den hellerleuchteten Fenstern des Saales angelallgt, in dem Jonathan mit den hundert Männern in Kitteln das Peßachsest feierte, blieben die Beiden stehen und schauten neugierig hinein. ״Siehst Du", sprach der König zum Vezir, ״Dein Verdacht war unbegründet. Jonathan beräth jetzt im Kreise so biete1' Weisen, die ehrwürdig wie Propheten ausschauen, unsere Angelegen" heit." Bevor noch der Minister antworten konnte, rief der König; ״(still, ich höre sie sprechen. Vielleicht erlauschen wir etwas!" Aus dem Stimmgewirr tönte aber nur wiederholt und vernehmbar im hundertssimmigen Echo: Dajenu! Der König schaute verwundert auf den Vezir, der diesen Namen trug. Dieser jedoch erblasste. So oft jenes hebräische Wort herausschwoll, schauerte Dajenu zusammen. ״Abscheuliche Lüge!" rief er wutknirschend. ״Nein, es ist keine Lüge!" rief der König, mit Majestät sich aufrichtend und den Vezir mit einen: verächtlichen Blicke durchbohrend. ״Du bist der Dieb des Ringes! Hundert Propheten bezeugen es." Dajenu stammelte anfangs Entschuldigungen; aber endlich fand er, wiederholt vom donnernden ״Dajenu" aufgeschreckt, keinen Ausweg mehr. Er fiel in die Knie, oder vielmehr, sein böses Gewissen warf ihn zu Boden, er gestand sein Verbrechen und winselte, um Gnade. Diese unbelauschte Straßenscene im entlegenen Judenviertel, beleuchtetvom Lichtmeer, das aus dem Saale Jonathan's herausströmte, hatte keinen Zeugen außer Gott, der unsichtbar seine schützende Hand über Jonathan's Haus ausgebreitet hielt. Am andern Morgen, am ersten Peßachtage, stand tiefgebeugt Jonathan, in dieser kummervollen Nacht wie um zehn Jahre älter geworden, vor dem König, der freudenstrählend den unschätzbaren Siegelring am Zeigefinger trug.