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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-15 · Heft 11 (15.4.1894) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 11 (15.4.1894)
Date
1894-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Desterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Nr. 11. suchte für die mosaische Lehre das kindliche Gemüth mit Liebe Zu erfüllen und zu entflammen. Es galt nun der Grundsatz: ,.Eine jede Stadt, welche keine Religionsschule hat, geht zu Grunde". Man hatte sich schon auf die Höhe religiöser Anschaumig erhoben, auf welcher Rabbi Jochanan ben Saccai noch vor der Zerstörung Jerusalems sich befand, dass nicht die Er- Haltung äußerer Enlten die Hauptaufgabe des Judenthums sei, sondern die Rettung des innersten und gesunden Kernes der Religion, der seine befruchtende Kraft bis in die fernsten Zeiten behalten müsse, wenn nicht der ganze Baum der Erkenntnis in den Wirren und Wandlungen der Zeit zu Grunde gehen solle. Daher suchte man diesen Kern recht frühzeitig im Gemüthe der Kinder einzupflanzen, damit ihre ganze Lebensrichtung dadurch bedingt würde. Wäre es sonst denkbar gewesen, dass bei dem harten Geschick ihrer Bekenner die unverfälschte, reine Lehre des Jndenthums so viel feindselige Gewalten besiegt und zur vollen Anerkennung ihres sittlich erhabenen Inhaltes gezwungen hätte? Das verdanken wir jenen Männern, welche in den Tagen des Unglückes und der Schmach die Herrschaft des Geistes weder freiwillig aufgaben, noch überwunden einbüßten, sondern den Sieg des Jndenthums von Geschlecht zu Geschlecht in die Hand der Jugend legten, so dass aus den Trümmern der Vorzeit jene eherne Mauer aufgerichtet wurde, gegen welche Aberglaube und Fanatismus vergebens ihre Wurfgeschosse schleuderten. In der folgenden, talmudischen Zeit sehen wir, welches Gewicht man auf die Jugenderziehung legte. Trotz der argen Verfolgung durch die Römer, welche besonders schwer die Gesetzeslehrer traf, wurde die Jugend heimlich unterrichtet. Erst nach dem Tode Hadrians wurden die strengen Verbote gegen die religiösen Studien aufgehoben. Der Sitz der höchsten Schule wurde später nach Liberias und nach Sephoris verlegt. Um diese Zeit fällt auch die Abfassung der Mischna durch Rabbi Jehuda Hanassi (200 n. CH.). Während des Patriarchats Rabbi Judas II (232 n. Ehr.) wurde streng der Jugendunterricht ins Auge gefasst, da er den Ruin des Tempels mit dem Mangelhaften Jugendunterrichte motivierte. Er schritt äußerst streng gegen alle diejenigen Gemeinden ein, die keine Jugendlehrer anstellten. Es galt gleichsam als Kennzeichen einer Großstadt, viele Schulen zu besitzen, so bestand die Hauptzierde der Gottesstadt in deren Lehrhäusern. ״Als die Macht und das Ansehen des großen Sanhedrin zusammenbrach und der Glanz der dienstthuenden Priester erblasste, wich die Schechina von Jerusalem nicht; erst als die leergewordenen Schulen von Feindesstimmen widerhallten, als die Kindlein von ihren Treibern gefangen hinzogen, da schwand auch die Herrlichkeit des trauernden Zion vollends dahin." (Midrasch zu dem Klagelied.) (Schluss folgt.) Zur Ter;-Frage im traditionellen SWsgogengessng. Löbliche Redaction! Ihrer werthen Aufforderung Folge leistend, zllr Feststellung der Grundlagen des traditionellen Synagogengesanges an einer freien Discussion theilzunehmen, muß ich mit meiner Ansicht bezüglich der kleinen Terz beim Os bekol raasch des Herrn Collegen I. Lachmann den Ausführungen des Herrn Obercantor Singer in Wien aus folgenden Gründen bestimmen: 1. Vom Standpunkte der textlicheil -Auffassung, wo die Seraphini ihre mächtigen Stimmen ertönen lassen, wäre die An- Wendung der kleinen Terz zu-weichlich. 2. Ist das Hauptcharakteristikon des ganzen Schacharis- Gebetes vom Samstag die große Terz, 3. Ist es eine bei unseren Herren Collegen oft allzutreffende Schwäche, mit der kleinen Terz paradiren zu wollen, um die Melodie herzerhebender zil gestalten. Ich beziehe aber hier den Herrn Collegen Lachmann nicht ein, der als Componist auf dem Gebiete des traditionellen Gesanges seine Arbeiten zu motiviren wissen wird. Ich meine nur, dass bezüglich der feinen und doch gewaltigen Unterschiede zwischen diesen beiden wichtigen Intervallen Klarheit in die Sache gebracht werden müsse, denn ich hörte vor mehreren Jahren einen Collegen sogar Sulz er corrigiren, indem er consequenter Weise den דחמנה von Jomkippur Katan II. Theil Sch. Z. voll Dur in Moll versetzte, was sich wohl gar nicht so übel ausnahm, weil derselbe geschmackvoll zu singen verstand; aber das Prinzip war ein falsches, denn wie er, so machen es viele und b r i n g e n m i t Willkür den t r a d i t i o n e l l e n Gesang auf eine falsche Fährte. Dies zur theilweisen Aufklärung der Terz-Frage! B. Singer, Jungbunzlau. Die Entdeckung des Jndenthums. (Schluss.) Nein, Herr Professor, wir wollen den Juden ihre Gebetrienien und Sterbemäntel, wenn sie sich wohl darin fühlen, ebenso lassen, wie anderen Gläubigen ihr Weihwasser und ihren Rosenkranz, wenn sie solcher Unterstützungen ihrer Alldacht bedürftig sind. Nicht alle Menschen sind so stark, wie die Physiologie-Professoren, sonst bedürfte es wahrscheinlich . gar keiner Religion oder wenigstens keines Cultus. Der Starke ist am mächtigsten allein. Religion ist aber eine Stütze, ein B a n d für die Masse der Schwachen, und worin das menschliche Gemüth oft in ganz wundersamer Weise seine Stütze, sein Band findet, das hat bisher keine Physiologie und keine statistische Tabelle ergründet. Lassen wir also den Einen ihre Gebetriemen und..Sterbemäntel, ihren Küchenzettel und sonstigen Ueberbleibsel, woran sich eine mystische Verehrung knüpft, und rühren wir auch!licht an Brot und Wein, an Kreuz und Messe, soweit sie an die Wurzeln menschlicher Empfindungen reichen! Wir können u!ld sollen den Geist aufllüren, niemals aber das Gemüth veröden, wir können die störende That verhindern und bestrafen, die inneren Empfindungen sollen uns heilig sein. Darum also verhindern und bestrafen wir den Antisemismus, soweit er die sociale Ordnung stört, die Autorität des Gesetzes untergräbt, das hehre Ideal der Gleichheit besudelt. Aber zwingen wir Niemanden, weder Juden noch Christen, das Geringste von dem aufzugeben, was ihn augenscheinlich innerlich beseeligt und wodurch er seinem Gott näher kommen zu können glaubt. Wir wiederholen, es ist etwas anderes: aufzuklären, und wieder^etwas anderes: Aufklärung auszudrängen. Die Aufklärung muß stei wirken auf den freien Geist, der willig die neue Erkenntilis aufnimmt und sie zu Fleisch und Blut iu sich verarbeitet. Eine aufgezwungene Aufklärung ist nicht besser, als das aufgezwungene Dogma und wirkt, weil unverstanden, auch gefährlich. Mag die Aufklärung auch noch so langsam die Massen ergreifen, sie m!lß ihr Ziel erreichen, wie der im Innern der Berge sickernde Quell doch endlich als breiter Strom den Ozean erreicht, wenn er auch Jahrtausende gebraucht hat, um sich ein Bett durch die härtesten Felsen zu bahnen,

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