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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-15 · Heft 11 (15.4.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 11 (15.4.1894)
Date
1894-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 11. desselbenwie die Straßen seines eigenen Heimalsortes offen und klar.-darliegen. Und klingt es nicht wie ein Hohn, wenn der freiem jüdische Staatsbürger, dem nach dem Gebete die. Buttersemmeln ״und ' der aromaüsche Kaffee zum Frühstück entgegenwinken, worauf auch das gute und schmackhafte Mittagsmahl nicht aitsbleibt, ebenso das sogenannte ״Lang Wehu-raekum“ hersagt, wie der bedauernswerthe, der grausamsten Verfolgung ansgesetzte Jude, in dessen Behausung soeben Vandalen gewüchet und sein ganzes Hab und Gut zu Trümmer- Haufen geschlagen, oder gar sein Weib und seine Tochter geschändet Haben. Der Unterschied ist dabei nur, dieser sagt das Gebet mit aller Empfindung seines gequälten, angsterfüllten Herzens und durchfühlt jedes Wort, als ihm ganz aus dem Herzen gesprochen; jener aber betrachtet es nur als' ein Frömmigkeitsobjekt-und bleibt dabei völlig unberührt — höchstens, dass er zur dekorativen Ausschmückung ein krummes Gesicht dazu macht. . Aus dem Gesagten wäre zu schließen, dass die Gebetstücke alle, wie sie -uns im Gebetbuche, im ״Siddur", der ״Tephilla", vorliegen, wohl sämmtlich brauch- und verwendbar find, nur nicht für alle verschiedengearteten Menschen — wir sprechen nur von uns Juden — und für alle Zeiten und alle Lebenslagen gleichmäßig besümmt. Das Gebetbuch ist vielmehr als ein Couvolut, ein Sammelwerk von allen möglichen Geleg'enheitsgebeten zu betrachten, worin jeder etwas Passendes. für sich, etwas seiner-GemAhsstimmung, seiner Lebensstellung, seinem Bildungsgrade - Angemessenes herausfinden kann. Noch präziser ausgedrückt, .würde. der Satz folgendermaßen zu formuliren semr MMere -Gebete.-alle sind wohl für das gesummte Volk, abev nicht für jeden -Einzelnen berechnet. --Und nun ist auch die Frage: Was beim Beten als zu viel> oder andererseits maßvoll anzusehen sei, leicht zu beant- Worten. Alles, was nämlich mehr gesagt als e mp fund en wird, ist-Zuviel und überflüssig; das andere ist maßvoll und recht. Um aber diese erforderliche Maßhaltimg im Gebete zu definiren, müssen wir den ״Schulchan Aruch" zu Rache ziehen, und dieses Thema soll im folgenden Artikel die Grundlage unserer Besprechung bilden. Jedoch ist hier zu beachten, dass zwischen dem Gebete eines Einzelnen, das er für sich allein spricht, und dem einer Gemeinde wohl unterschieden werden muß. Denn nicht das, was für eine ganze Gemeinde im Gebete sich eignet und dort erhaben und schön sich ausnimmt, passt auch für den Einzelnen. Darum dringen auch unsere Alten darauf, wie es ja in unzähligen Stellen im Talmud vorzufinden ist, dass man ja nur בצבור mit der Gesammtgemeinde und nicht allein beten soll; weil da eben das Gebet, wie wir es später darthun werden, an Gehalt und Bedeutung unendlich gewinnt. Diesen Unterschied zwischen Gemeinde und Einzelperson bezüglich des Gebetes wollen wir daher festhalten, indem er die Richtschnur unserer weitern diesbezüglichen Arbeiten bilden wird. Diesen wichtigen Gegenstand gedenken wir aber in den speziellen Capiteln über ״Minjan" und ״Gemeindegesang" noch ausführlicher zu behandeln. Israel als lebendiger Zweig in der Geschichte der Pädagogik. Studie von M. Tintner, Cantor und Lehrer, Bunzlau, Schlesien. (Fortsetzung.) Aus dieser strenggläubigen Richtung gieng der Schriftgelchrte Esra hervor, der durch seine Einrichtungen zum Zwecke der Verlesung der Thora dem öffentlicheil Jugendunterrichte einen Schritt näher getreten ist. So entwickelte sich das Judenthum von innen heraus und schritt, feindseligen Angriffen stets mit Festigkeit begegnend, in der Selbsterkenntnis vor. Das Werk des Esra begann Früchte zu trägen, die hl. Schriften wurden immer mehr Gemeingut des Volkes. Die Theilnahuie fiir die Lehre. wanIveit größer als für den Tempeldienst, das Priesterthum selbst stand nur noch im Dienste des Gesetzes; wer Gottes Wort suchte, begab sich nicht mehr zum Hohenpriester, sondern suchte allein Rath im Gesetz und in den Propheten, oder ließ sich von Gesetzeskundigen unterweisen. Ueberhaupt lag schon ah jener Zeit ein gewisser Stolz und die beste Bewährung des Patriotismus darin, sich zu den Gesetzeskundigen zählen zu dürfen, wie anderseits eine gewisse Verachtung gegen die Bewohner des ftachen Landes, welche man kurz weg עם הארץ nannte, als geringschätzige Bezeichnung für solche, die aller religiösen Bildung baar waren. Somit war es schon eine Ehrensache für die Eltern, so früh als möglich die Jugeiid im Gesetze unterrichten zu lassen. Zu den Zeiten der Makkabäer waren Kämpfe und Streitigfeiten zu sehr vorherrschend, als dass viel für Erziehung und Unterricht hätte geschehen können. Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwickelung des jüd. Schulwesens übte erst Simon ben Schetach 80 v. d. g. Zeitrechnung. Dieser gab eine Verordnung heraus, nach welcher die Ettern die Kinder in die Schule schicken sollten, ja selbst die verschiedenen Gemeinden erhielten den Auftrag, Schulen für die Jugend zu gründen. (Grütz ״Geschichte des Judenth." Th. 3. 145). Was Simon zu dieser neuen Einrichtung veranlasst haben mag, wird hinreichend durch den Umstand erklärt, dass er, ein eifriger Pharisäer, seine Stellung als Synhedrial-Mitglied dazu benutzte, die Sadducäer aus dein Synhedrion zu verdrängen. Um nun auch von außen her ein dauerndes Uebergewicht gegen die feindliche Partei int Lande zu gewinnen, musste er auf die Erziehung der Jugend in seinem Sinne denken; das beste Mittel schien ihm daher eine Schule zu sein, an welcher imr schriftgelehrte Pharisäer wirken dursten. Wenige Jahre׳ vor Auflösung des jüd. Staates sorgte für Einführung der Schulen in hervorragender Weise unter der Regierung Agrippas der Hohepriester Josua ben Gamala (63 n. CH.) Er hoffte, dass der Staat von dem Untergange gerettet werden könne, sobald das Heranwachsende Geschlecht ein besseres sein würde. Darum gieng er mit großem Eifer daran, Religionsschulen zu errichten. Allerdings stieß er auf argen Widerstand bei den Pharisäern, da er gegen den Buchstaben des Gesetzes handelte, und es bedurfte in der That erst einer eigeuthümlichen Auslegung und einer besonderen Casuistik, ehe man zur Ausführung seiner Anordnungen schritt. Nicht länger sollte es heißen: welimade’tem anssom ״und ihr sollt sie lehren", sondern welimade’tem attem ״ihr sollt lehren", ihr in jedem Falle. Darauf ordneten die Männer der großen Synode an, dass Lehrer für die Jugend angestellt werden in Jerusalem, und sie lehrten nach Jesaias K. 2, V. 3, ״Von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem". Verschiedene Schwierigkeiten machten sich noch geltend, bis endlich Josua ben Gamala verlangte, dass die Kinder von 6—7 Jahren in die Schule geschickt werden sollten; doch die kriegerische Zeit war dem Schulwesen nicht günstig, zumal Josua nicht lange Hohepriester blieb. Die spätere Zeit jedoch führte den Wunsch dieses gewichtigen Mannes aus, trotzdem die Römer das geistige Leben der Juden zu vernichten suchten. Jetzt erkannte man erst, dass die Kinder die künftigen Träger und Verbreiter der Religion seien, und mau

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