Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (15.4.1894)
- Date
- 1894-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453315--3984-3458398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ו! nmunwwni י■-*™*• Oesterreichisch-ungarteohe Central-Organ ׳ « ׳ Priinumcrations-Prcis. für die Interessen der Cantoren und Rrdartivn [ FnrLantorcnn.Lultnsbeamte in Sestrrrrirh-Ungarn und Administration Wien II., Novaragasse Nr. 27. Ganzjährig.fl. 4.— Halbjäkrig.fl. 2.— Cultusbeamten. FürCankorrn u.Enltusbeamte Erscheint jeden zehnten Tag. Irrferate im Ausland werden billigst berechnet. Ganz/ährig.8 Mark Manuscripte werden nicht oder 4 Rubel. retournirt. Für Private und Institute Ganzjährig.fl. 6.— Begründer: Obercamor Jacob Bauer. Abonnementsn. Insertion», betrage stnb in Wie» ratzlbav- Nr. 11. Wien, 15. April 1694. 14. Jahrgang. Der jüdische Gottesdienst. V. Die Aufgabe, eine allgemeine Diätetik des Gebetes aufzustellen und gleichzeitig eine bestimmte Grenze zwischen dem vielen nutzlosen und dem maßvollen Beten zu ziehen, ist wahrlich keine leichte. Vermag doch selbst der Arzt nicht, in die Verdauungsvechältniße eines jeden Einzelnen hineinzuschauen und ihn! sogleich die nöthigen Verhaltungsmaßregeln für die Befriedigung seiner Esslust anzuordnen. Der Patient muß vor Allem bei sich selber fühlen, was ihm schmeckt und wie viel ihm zuträglich ist, oder umgekehrt, was seiner Gesundheit schadet; der Arzt kann nur gewisse Andeutungen geben und in allgemeinen Umrissen manche Speisen verbieten, andere hingegen empfehlen. Demnach wäre die Maxime nicht unrichtig: die Diätfrage ist hier wie dort nur eine relative und individuelle, welche sich bei jedem Einzelnen verschieden gestaltet und jedesmal modifizirt und neu bestimmt werden muß. Empfindet z. B. jemand einen gesunden Appetit linb weiß er auch zu bemessen, welcher Natur die Nahru'ng, die er zu sich nimmt, in sanitärer Beziehung ist und in welchen Quantitäten er von derselben genießen darf, so dass sie ihm nur dienen, nicht aber schaden kann, dann wird es ihm gewiss Niemand verübeln, wenn er sich auch ein wenig zu viel gütlich thut und seine Mahlzeit in reichlicheren und größeren Dosen als gewöhnlich verzehrt. Die ähnlichen Verhältniße auf das Gebet übertragen, wird gesunder Appetit und Nahrnngskenntnis hier so viel bedeuten wie: vollkommene Kenntnis des Gebetes in Sinn und Sprache und richtige Beurtheilung, ob das betreffende Gebet zu seiner momentanen Seelenstimmung und Gemütsverfassung sich eignet. Ein sronnnes, andachtsdürstendes Gemüth wartet aber nicht, bis die geeignete Stimmung zu einem beliebigen Gebete es erst von selbst überkommt, sondern es sucht sich in dieselbe hineinzuversetzen. Nun, wenn ihn! dies gelingt und auch sonst alle Vorbedingungen hierzu erfüllt sind, wird doch gewiss jeder solch' löbliches Beginnen lobenswerth finden und selbst der rigoroseste Beurtheiler des Gebetes, der auch die hierauf verwendete Zeit in Betracht zieht und nach dem Zwecke desselben fragt, wird nichts dagegen einwenden können, wenn nur der Schaden hierbei den Verdienst nicht auswiegt-. Auf solch' hohe Anforderungen an das Gebet scheint auch die Mischna hinzuweisen, welche lautet: אל תעשה תפלתן־ קבע אלא רחמים ותחנונים• Wir sind zwar gewöhnt, diesen Ausspruch dahin zu deuten, als ob wir noch immer mehr beten müssten, denn das Gebet soll uns nicht zur Last, sondern nur zur Lust sein. Allein, warum soll das Wort קבע״“ hier etwas anderes sagen als sonst? Im Gegensatz zu עראי״" welches die Begriffe ״zufällig.", ״vorübergehend", ״unbestimmt" ausdrückt, bedeutet ״Kewa“: ״bestimmt", ״festgesetzt", ״unveränderlich". Somit wird die citirte Stelle folgendermaßen zu übersetzen sein: Lass das Gebet nicht zur unbedeutenden Alltäglichkeit, zum unbewussten Instinkt bei Dir herabsinken, sondern Herz und Sinn sollen stets dabei sein und immer irgend einen beabsichtigten Zweck, einen Gedanken involviren. Unter diese!! Umständen wird es aber jedem Einsichtigen einleuchten, dass es geradezu vernunftswidrig wäre, wenn, so viele Abstände und Gegensätze es sonst unter Menschen gibt, Jedem, ohne Ausnahme und Unterschied, immer ein und dasselbe Maaß von Pflichtgebet zugemessen sein sollte. Man denke blos: Der Reiche und der Arme, der Gesunde und der Kranke, der Gelehrte und der Unwissende, ja der Arbeiter und der Müßiggänger, alle sollen immer die große, weite Strecke von ״Adon 010m" bis ,.01ennu nebst allen obligaten Bei- und Zulagen zurücklegen müssen, bis sie an's ersehnte Ziel gelangen, die Pflicht ihres Morgengebetes erledigt zu haben. Kann das wohl sein? Ebensowenig ist einzusehen, warum der Einzelne, der sein Gebet zu Hause schnell abfertigen muß, um seiner Beschäftigung nachgehen zu können, ebensoviel zu beten haben sollte, wie die in der Synagoge feierlich versammelte Gemeinde, die vereinigt dasteht, um gemeinschaftlich und in aller Würde zu beten und die Bedeutung des gekommenen Tages dadurch hervortreten zu lassen. Wir können es uns auch nicht denken, dass der völlig Unwissende, der kaum des Hebräischlesens nothdürftig mächtig ist, ebenso angehalten sein sollte, die Mischnastellen im Gebetbuche, wie ,.Esehti Mekomon ‘ und das darauffolgende, den Schlüssel für das schwierige Talmudstudium bildende ״Rabbi Jiachmoel“ 2c. zu ״beten", wie jener große Talmudist, der gewiegte Lamden, der sich im Talmud überall zurecht findet und dem die labyrintischen Gänge