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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-01 · Heft 10 (1.4.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 10 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 10. werk zerrieben wird, und die Männer würden sich vielleicht noch vertragen, aber viel schlimmer sind die Frauen, die wegen des schönen Hutbandes am Kopfe einer Jüdin mit dem Bürgerkriege spielen. CH ristoph: Verzeihe, das ist die Sprache eines Schwächlings, der, im Besitze eines Rechtes, es nicht zu behaupten wagt. Es steckt in dieser Verzagtheit der Rest des Gefühles, dass die bürgerliche Gleichheit eine Großmuth sei, die erwiesen und verweigert werden könne. Anselm: Das nicht, aber das Bestreben, sich den Herrschenden Meinungen mit Klugheit anzupassen. Hast du das Lustspiel Lessing's ״Die Juden" gelesen? Ein Baron reist mit seiner Tochter und wird von Räubern überfallen. Ein junger Mann rettet sie, wird vom Baron ins Haus gezogen und erringt die die Liebe des Mädchens. Der Vater bietet ihm die Hand der Tochter an, aber der Gast schlägt sie aus, und als er gedrängt wird, die Weigerung zu erklären, sagt er: Ich bin ein Jude! Der Baron gesteht seufzend, dass es Fälle gibt, wo der Himmel uns verhindert, dankbar zu sein, und damit schließt das Stück. Selbst Lessing hat keine andere Lösung gefunden oder gewagt. Müssen wir nicht ein wenig geduldig und dürfen wir zu schroff sein? Christoph: Also du bist ein Opportunist vom reinsten Wasser. Wer sich jedoch vor der bloßen Zweckmäßigkeit bis in den Staub beugt, kann ans das Problem Lessing's ° sofort eine Antwort ertheilen. Der Jude Lessing's isst kein Schweinefleisch, er ist gläubig und fromm. Was bist du? Das Alte Testament hat dich nie gehindert, an einem gebratenen Ferkel zu knuspern, Schinken mit Burgundersauee zu verzehren. Nun wollen wir einmal die Rollen tauschen, und ich möchte der Opportunist sein. Du bist ein Skeptiker bis in die Wurzel der großen Zehe. Du denfft, suhlst, sprichst wie ich, du gehst nicht in den Tempel und kasteist dich nicht am Versöhnungstage, du theilst nur die Leiden der Gläubigen, aber nicht den Trost der Frömmigkeit. Was hält dich am Judenthum, in das ein Zufall der Geburt dich geschleudert hat? Du willst die Zweckmäßigkeit, so ziehe die wirklichen Folgen deines Grundsatzes. Anselm: Ich verstehe, das ist der alte Rath, den wir immer bekommen. So dachte auch Arthur Schopenhauer, als er schrieb: ״Den vernünftigen Juden, welcher Fabeln, Flausen und Vorurtheile aufgebend, durch die Taufe aus einer Genossenschaft heraustritt, die ihm wieder Ehre noch Vortheil bringt, muß ich durchaus loben. Um ihm jedoch auch diesen Schritt zu ersparen und aus die sanfteste Art von der ganzen Welt dem ganzen tragikomischen Unwesen ein Ende zu machen, ist gewiss das beste Mittel, dass man die Ehe zwischen Juden und Christen gestatte, ja begünsüge. Dann wird es über hundert Jahre nur sehr wenige Inden geben und bald darauf das Gespenst ganz gebannt, der Ahasverus begraben sein und das anserwählte Volk wird selbst nicht wissen, wo es geblieben ist." Widerspricht es nicht jeder geschichtlichen Auffassung einer Gemeinschaft, und ist es nicht seicht bis zur Thorheit. . . Christoph: Warte mit deiner Widerlegung und lasse mich meine Ansicht vorerst ganz aussühren, denn wir berühren jetzt den springenden Punkt. Ich weiß, dass die Meinilng Schopenhauer's unsinnig ist. Eine Nation oder, wenn du lieber willst, eine religiöse Genossenschaft, die sich, wie der Johann ohne Land unter den Völkern zerstteut umherirrend, durch Jahrtausende erhalten konnte, verschwindet nicht durch Mischehen in einigen Jahrzehnten. Es ließen sich zahllose Einwendungen erheben. Warum spricht Schopenhauer gerade bei den Juden von Fabeln, Flausen und Vorurtheilen? Wusste er nicht, dass Millionen bereit wären, für den Glauben die väterliche Scholle zu verlassen und das Martyrium des Elends zu tragen! Doch halten -wir uu§ nicht auf. Die jüdischen Massen spüren nur den Stachel der wirthschastlichen Schädigung, und es geht ihnen wie dem Juden Shakespeares, der klagt: Mein Leben nimmst du, wenn du mir die Mittel nimmst, wodurch ich lebe. Aber die Gebildeten leiden viel mehr. Du wirst als Ausbund kapitalistischer Habgier verachtet, während dein Herz den sanften Gefühlen zugänglich ist und deine Meinungen dich an die Seite der Armen führen. Du wirst mit Ctaffen und Personen in Verbindung gebracht, mit denen du nichts gemein hast, du bist dort verantwortlich, wo du nicht abwehren und entscheiden kannst. Deine Individualität gilt nichts, sondern taucht in der Race unter; man sieht nicht dich, sondern deinen Stamm, dein edelster Ehrgeiz stößt auf kaum überwindliche Hinderniße, und die widerwärtige Trivialität der Gasse dringt bis in das heimlichste Gemach deiner reinen Seele. Liebst dn ein Mädchen, so fcntii die religiöse Scheidewand das Unglück deines Lebens werden; hast du Kinder, so bist dn empört über die Rohheit, der so zarte Geschöpfe schon in der Jugend begegnen; willst du dem Staate dienen, wirst du zurückgestoßen; suchst du gesellige Freuden, so wirst du durch Abneigung und Dünkel verscheucht; verspritzest dn dein Blut für das Vaterland, so bleibst du nach dem Siege ein Paria. Nun, Opportunist, jetzt sprich! Warum thust dn das, was fesselt dich, den hartnäckigen, längst veralteten und überholten Anbeter Voltaire's, ans Jndenthnm? Warum schleuderst dn die Hülle nicht fort, welche dir keinen Schutz bietet, sondern die Menge ans dich hetzt? Warum etwas achten, was keinen Werth hat und den Eindruck der Persönlichkeit stört? Anselm: Ich kann deine Fragen nur persönlich und individuell beantworten. Jeder mag auf religiösem Gebiete thuu, was er will, ich richte und tadle nicht. Meinen Standpunkt will ich jedoch nicht verschweigen. Ich bin Opportunist und halte es für nothwendig, den Sturm nicht mit der vollen Breite der Segel auszufangen. Ich glaube, dass kein Gesetz mir geben wird, was nur die Zeit bringen kann, aber ich würde mich in meinein Bewusstsein schämen, ein Borurtheil, das ungerecht und schädlich ist, durch die Schwäche meines Charakters und durch inein eigenes Handeln zu bekräftigen und zu unterstützen. Du hast Recht, ich habe diese Fahne nicht gewählt, und sie wäre mir in ruhigen Zeiten mit den Fabeln und Flausen vielleicht gleichgiltig geblieben; aber jetzt, wo sie bedroht ist und alle Geschosse auf sie zielen, jetzt erinnere mich daran, dass auch meine Voreltern bei ihr gestanden, für sie gelitten und gestritten haben. Soll ich zu den Bedrängern gehen und die Bedrückten verlassen, soll ich mich der Aussicht freuen, dass meine Enkel, wenn sie die Erinnerung an ihren Ursprung verloren haben, ihre Blutsverwandten knebeln werden! (Schluss folgt.) Kleine Chronik. Wien. Auf Grund eines in der Plenarversammlung des israelitischen Cultusvorstaudes vom 18. März einstimmig gefassten Beschlusses wurde Sr. Ehrwürden Herr Ober-Rabbiner Dr. Güdemann eingeladen, an Stelle des verewigten Dr. Iel lin ek seinen Sitz im Tempel der innern Stadt einzunehmen. Als Prediger für den Leopoldstädter Tempel ist Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schmiedl aus Fünfhaus designirt, der bereits am letztverflossenen Sabbath eure Predigt in der Leopold-

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