Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Gesterreichisch-ungarische Larrtoren-Aeitung. Seite 5. großen Namen einer so unbedeutenden Apologie des Judenthums voranzusetzen. Ein Mann, dessen physiologische Untersuchungen des genialen und wahnsinnigen Gehirns, der Verbrecherseele, der Revolutionsinstinkte solches Aufsehen in der Gelehrten- und Laienwelt hervorgerufen, hätte es nicht nöthig gehabt, zu beweisen, dass er nicht alles versteht. Sein jüngstes Büchlein über den Antisemitismus hat wenig wissenschaftlichen Werth. Es liest sich angenehm, weil ment sehr viele liebe Bekannte darin findet und sich nicht nüt der Erfassung neuer Thesen und Wahrheiten sehr anzustrengen braucht. Das Büchlein ist allerdings aufgeklärt und human gesinnt. Sollte aber Lombroso es nothwendig haben, dass man dies als sein Verdienst anerkenne? In der That scheint darin heutzutage schon etwas Verdienst zu liegen, wenn man nicht mit den Antisemiten heult. Nun denn, der hervorragende italienische Gelehrte sei wegen seines Wahrheitsmuthes belobt, der im Zeitalter Voltaire's als selbstverständlich galt. Oder sollten doch in der besprochenen Broschüre wenigstens die folgenden neuen physiologischen Wahrheiten enthalten sein: dass es im Judenthum viel blonde Köpfe, also viel arisches Blut gebe, dass die geistigen Vorzüge der Juden auf Racenkreuzung zurückzuführen seien, dass ihre Intelligenz sie von Gewaltsverbrechen ablenke, dagegen raffinirten Lastern zugeneigt mache, und dass schließlich die überwuchernde Intelligenz des Judenthnms sich durch häufigere und stärkere Nervosität, durch größere Neigung zum Irrsinn räche? Wenn dies neue physiologische Wahrheiten sind — und es wäre doch seltsam, wenn sie neu wären — so sind sie herzlich unbedeutend, sobald es sich darum handelt, das innere Wesen des Volkes zu erfassen. Man sieht es Lombroso an, dass er über einen Gegenstand spricht, der in seinen Studienkreis nicht hineinpasst. Wenn Renan über das jüdische Volk fünf Bände schrieb, so hat er dessen Geschichte sein Leben lang studirt. Wenn Leroy-Beaulieu den modernen Juden charakterisirt so erweist er sich als gründlicher Kenner der Culturgeschichte. Anders Lombroso, der nur als Physiolog maßgebend ist, zu **) ״Der Antisemitismus." Leipzig, G. Wigand, 1894. der Betrachtung und Beurtheilung einer dreitausendjährigen Evolution aber zu wenig eigenes Wissen mitbringt und im Grunde genommen nur Leroy-Beaulieu wiederholt. Es klingt darum auch so unglaublich seicht und eines Gelehrten vollständig unwürdig, wenn Lombroso den Juden, um sie vor dem Antisemitismus zu ״schützen", gute Rathschiäge giebt: sie mochten ihre Speisegesetze, die Beschneidung und ben Sabbath und noch einige Kleinigkeiten aufgeben. Sie sollen sich den Kopf abschneiden lassen, um das Zahnweh loszuwerden. Das achtzehnte Jahrhundert, welches ״Jeden nach seiner Fayon selig werden ließ", war doch weit aufgeklärter, als das itemt zehnte Süeulum! (Schluss folgt.) Gespräch;Weier Freunde über Tagessragen.*) C h r i st o p h: Weil sie Jüdin war, aus keinem anderen Grunde. Jeder Streit hat seine nebensächlichen Zufälle, an welche sich die Feigen Hallen, in Wahrheit chat der Gedanke, dass eine Frau jüdischen Glaubens im Wiener Rathhause als Bürgermeisterin wohnen solle, auch die Freisinnigen und, gestehe es nur, selbst die Juden eingeichüchtert. Anselm: Gewiss, weil die Sitte stärker ist als das Gesetz, das Leben mächtiger als das Papier. Man könnte beinahe ditldsam gegen die Unduldsamkeit der Menge werden, wenn ein Justizminister ohne jeden Widerspruch im Parlamente andeuten darf, es sei schwierig, die Juden im Staatsdienste zu verwenden. Die Priester sind gegen uns, weil sie ans Furcht vor der religiösen Gleichgiltigkeit sich kopfüber in den bewegten Strom der volksthümlichen Leidenschaften gestürzt haben: wir sind ein Korn, das im Kampfe zwischen der Industrie und dem Hand- *) Die eben verflossenen christlichen Ostersciertage brachten nebrden üblichen Lügen- und Schauermärchen der anrisemitischcn Schandpreffe auch höchst beachtenswerte und lehrreiche Betrachtungen hervorragender Tagesblätter über das Verhältnis des Judenthnms zum Lristenthuiil Zu dem Besten in dieser Richtung gehört obiger, höchst zeitgemäßer Artikel der ״Neuen Fr. Presse", der die weiteste Verbreitung verdient. Die Redaction. Und wieder kam der Tag vor Pessach. Die hundert Anne belagerten Jonathan's Haus in freudigen Gewühle, der Geschenke ltitb Speisen gewärtig. Im Zimmer saß der ärniste und unglücklichste unter ihnen — Jonathan selbst. Wusste er auch vor der Welt seine wahre Lage zu verbergen, so war es doch ihm selbst klar, wie wenig er noch besitze, und wie unmöglich es ihm sei, seiner alten schönen Gewohnheit auch Heuer zu huldigen. Sein ergrautes Dulderhaupt in beide Hände gestützt, kämpfte Jonathan ha-Cohen einen harten Kampf. Es gebrach ihm wl Muth, die Armen abzulveisen; so oft er in dieser Absicht zur Thüre gieng, kehrte er Thränen unterdrückend und unverrichteter Dinge wieder zurück. Endlich fasste er einen Entschluss: ״Kinder!" rief er in die wartende Menge vor der Thüre ״gehet und betet zum Allgütigen, kehrt dann wieder, und ich will euch kleiden und speisen!" Auch Jonathan gieng in's Bethaus. Auf dem Wege dahin dachte er nach, wie er sein Wort eintösen werde und was ihm Math gab, jene Zusicherung vor der Menge feierlichst auszusprechen, da ihn doch keine Aussicht hiezu berechtigte. Er ahnte nicht, dass Gottes Geist, der den wahrhaft Frommen nie verlässt, aus ihm gesprochen. Knapp vor dem Tempeleingang standen mehrere Menscbengruppen im eifrigen Gespräche. Jonathan wollte Vorbeigehen, aber eil! Bürger hielt ihn an: ״Hast Du noch nicht gehört, was . unserem Schah gestern zugestvßen?" - ״Was denn?" ״Sein kostbarer Siegelring, den er von den Ahnen ererbt, ist ihm abhanden gekommen. Große Bestürzung herrscht im Königshause, denn die Tradition geht, dass mir dem Verlust des Ringes des Hauses Glück verloren gehe. Der König hat einen hohen Preis für den Finder bestimmt." Zwei Stunden später stand Jonathan ha-Cohell vor dem mächtigen König der Perser. ״Einverstanden!" sagte dieser, nachdem er das seltsame Anerbieten des Juden, zu dessen Ehrlichkeit er unbedingtes Vertrauen hegte, vernommen hatte. ״Hier hast Du die Hälfte des Finderlohnes. Morgen bringst Du'mir den Ring — aber bedenke, was Du dafür eingesetzt, Deine Ehre und Deinen Kopf! — Ter König der Perser hält Wort." ״Der Jude ebenso", entgegnete darauf Jonathan und entfernte sich mit dem Golde. Auf der Straße angelangt, blieb Jonathan stehen und sein gerührtes Herz betete das inbrünstigste Dankgebet, das je einer Menschenbrust sich entrungen. Die Frühlingsnatur um ihn schien mitzujauchzen; aber wie das kleine Wölkchen am fernen Horizonte mit Besorgnis vom Karawannenführer in der Wüste betrachtet wird, weil es unheilvollen Sturm in seinem Schooße j bergen kann, so trübte auch ein ungewisses Etwas den klaren Himmel des geretteten Juden .... Wird es ihm möglich sein, ׳ sein Versprechen dem König gegenüber einzulösen, wird ihn! Gott auch weiter seine Hilfe angedeihen lassen? (Sch!«ss folgt.)