Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-01 · Heft 10 (1.4.1894) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 10 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453314--3981-3458394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 7. ftabt abgehattell hat. Ein zahlreiches Auditorium, in dem man die hevorragendsten Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde bemerkte, horchte mit vielem Interesse den geistreichen Ausführungen des Redners über die Bedeutung der Worte ״Sefer" und ״Megillah" im jüdischen Schriftthnm. Die wissenschaftliche und rhethorische Capacität Dr. Schmiedl's steht außer Frage, da derselbe sich während seiner langjährigen Wirksamkeit einen wohlbegründeten Ruf als Gelehrter und Redner erworben hat. Fraglich ist nur, ob Herr Dr. Schmiedl mit Rücksicht auf sein hohes Alter sich den Anforderungen des großen Tempelraumes in der Leopoldstadt gewachsen fühlt. Die diesbezügliche Entschließung hat sich Herr Dr. Schmiedl noch Vorbehalten, doch ist zu hoffen, dass er der ehrenden Berufung folgen wird. Wrag. lieber eine vor Kurzem stattgehabte Opernvorstellung im deutschen Landestheater, in welcher die Tochter des Ober-Cantors Goldstein in Wien, Fräulein G o l z, und der Sohn des Ober-Cantors Singer an der Klaussynagoge in Prag, Herr Julius Rünger, mitwirkten, schreibt das ״Prager Abendblatt": Eine Sonntagsvorstellung so recht nach dem Herzen einer großen Menge, die das neue Haus vollständig füllte, bildete gestern ״Rigoletto*, in der Titelrolle mit Herrn Pvpdoiei trefflichst besetzt, dessen markiges Singen und charakteristisches Spielen eine Fülle des Lobes verdiente. In der Partie des Herzogs verband Herr Alberti die sinngefüllige Art des italienischen Meistergesanges mit der Ausdrucksweise des deutschen Vortrages. Als Gilda versuchte sich zum erstenmal Frl. G o l z, die mit dieser Rolle einen weniger übereilten Schritt gethan wie jüngst mit der Königin Margarethe, denn Fignrchen und Sümmchen passen für das schmachtselige Kind des Narren, das so leicht die Beute der Gelüste und des Todes wird. Die Geschmeidigkeit des mühelos fließenden Naturtones bereitete Wohlbehagen. Doch wird ohne Ausbildung des Kopftons ihr Singen einen künstlerischen Halt nicht gewinnen können und das Falschsingen nach oben nicht zu vermeiden sein. Das ergiebige Mordgeschifft des Sparafnzile betrieb Herr Stieglitz, und Fräulein Karmasiui als die verbuhlte Schwester sah darnach ans, um mit den Reizen der Jugend die Opfer für den Todesstreich dem Banditen ins Garn zu locken. Sie sang die kleine Partie recht annehmbar. Ebenso annehmbar sang Herr R ü u g e r den Fluch des Grafen. Ein dreimaliger Hervorruf ward ihm dafür von der diesmal besonders leicht gerührten Galerie, die den ganzen Abend hindurch sich mit den begeistertesten Beifallsspendern ausgerüstet zeigte. Das Orchester war gut geleitet durch Herrn Kapellmeister Krzizanovski". Herr R ü n g e r hat auch als Cvmpvnist einige anerkennenswerthe Versuche gemacht und werden!vir ans die von ihm componirten ״drei Lieder", die jüngst.in einer Soirs des Statthalters Graf e n T h n n von Fräulein von Lau na gesungen wurden, demnächst eingehender zu sprechen kommen. Budapest. lieber einen höchst tragischen Vorfall, wie ihn sonst nur die Phantasie der Romanschriftsteller zu eonstrniren Pflegt, wird Nachfolgendes berichtet: Vor 22 Jahren heiratete der Kaufmann Felix Steiner in Bued ein junges Mädchen. Die Ehe war nicht glücklich. Die Gatten wurden gerichtlich geschieden; Steiner wunderte nach Amerika aus, die Frau kehrte zu ihren Eltern zurück, und ein der Ehe entsprossenes Kind, ein Mädchen, wurde zu Verwandten in Pflege gegeben. Das Mädchen, das im Glauben lebte, seine Eltern seien gestorben, wuchs im größten Elend auf. Später entfloh es seinen Pflegeeltern und gieng ebenfalls nach Amerika, wo es in New-Iork bei einer ungarischen Familie Dienst fand. Der Zufall fügte es, dass die überaus schöne Magyarin sehr oft in dem Geschäfte verkehrte, dessen Eigenthümer Felix Steiner war. Steiner, der damals schon zu Reichthum gelaugt war, fand an der Landsmännin Gefallen und machte die angebliche Waise zu feiner Frau. Das Ehepaar war überglücklich, als ihm eine Tochter geboren wurde. Vor einigen Wochen fühlten die Auswanderer Heimweh, sie unternahmen eine Besuchsreise in ihr altes Vaterland und langten kürzlich in Miskolcz an. Steiner ließ hier Frau und Kind zurück und gieng in seine Gebnrtsstadt Bued, um nach seinen Verwandten zu forschen. Da wurde ihm die schrecklichste Wahrheit kund: er hatte seine eigene Tochter geheiratet. Steiner schrieb einen Brief herzbrechenden Inhalts an die junge Frau; ec beschwor die Aermste, sofort allein mit dem Kind ohne Gatten nach Amerika zurückznreisen, da sonst auch ihr Leben ans tragische Weise vernichtet wäre, wie das ihres Gatten. Seitdem ist Steiner verschollen. Wahrscheinlich har der unglückliche Main! seinem Leben ein Ende gemacht. Die Frau ist in größter Angst und in Verzweiflung nach Amerika zurückgereist; dort sucht sie nach der Lösung des erschütternden Geheimnißes. In der alten Heimat fand Niemand ein Herz, ihr die furchtbare Wahrheit knndzugeben. Bafa. Am 15. März wurde im Tempel der hiesigen Genreinde, wie alljährlich am 7. Adar, eine solenne Gedächtnisfeier für die in diesem Jahre Heimgegangenen Glaubensgenossen, die sich besonderer Verdienste um das Jndenthum erworben haben, veranstaltet. Nach den weihevollen Klängen eines Matowu und Psalm 16., componirt von Ober Cantor Berger, betrat Herr Ober-Rabbiner Dr. Adle r die Kanzel und schilderte mit beredten Worten die Bedeutung und Verdienste des heimgegangen Ober-Rabbiners zu Nagy Karo ln, Meier Perls, des Ober-Rabbiners und Predigers der Wiener Cultusgemeinde Dr. Adolf I e l l i n e i, sowie des in unserer Stadt geborenen Dr. Josef P e r l e s, weil. Ober-Rabbiner in München. Wie der Erstere, sagte der Redner, als maßgebende Autorität auf dem Gebiete der Halacha den Moses unserer Zeit repräsentirt, so kann man Dr. Jellinek, diesen Meister der Exegese und Homiletik, mit vollstem )liechte den Ahron des Jndenthums nennen. Er war der elegante und gewandte Dolmetsch und Berkünder des Jndenthums, der es wie kein Zweiter verstand, die erhabenen Wahrheiten unserer Lehre, insbesondere aber die von der Welt nicht gekannten, in der Midrasch-Litteratnr niedergelegten ethischen Perlen und Schätzesinit scharfblickendem Geiste hervorzuhvlen, sie mit zündender Beredtsamkeit von der Kanzel zu verkünden und in meisterhaften Schriften in der Welt zu verbreiten. Bei Würdigung der Verdienste des Dr. Josef Perles betonte der Redner, dass die hiesige Gemeinde stets mit Stolz auf ihn blickte, da dieser Mann in Baja geboren und erzogen und daselbst auch der Grundstein zu seiner künftigen Größe gelegt wurde. Auch des edlen Menschenfreundes, Baron Moriz K ö n i g s wart e r und des jüngst verstorbenen Dr. Ludwig August F r a n k l ward rühmlichst gedacht, Nach der gelungenen Predigt reeitirte Ober-Cantor Berger in erhebender Weise das übliche .El. mole rachamim׳־, das von alten Anwesenden stehend in tiefster Andacht angehört wurde. Sowohl, dein' Rabbiner als dem Cantor wurde von Seite des Vorstandes der Chewra-Kadischa der Dank für die schöne Feier ausgesprochen. Berlin. Eine der Hauptforderungen der Hetzantisemiten ist die, dass Namensänderungen um den Christen, nicht auch den Inden gestattet sein sollten. Wir nehmen an, dass ein zufülliges Zusammentreffen, nicht ein beabsichtigtes Entgegenkommen auf die Forderungen des Radau-Antisemitismus vorlag, als der preußische Minister des Innern aus Anlass eines Speeialfalles kürzlich eine Verfügung erließ, worin er die Regierungspräsidenten darauf hingewiesen hat, dass Anträgen ans Abänderung von Familiennamen nicht ohne hinreichende Gründe stattzngeben ist, und dass derartige Anträge in der Regel als hinreichend be gründet nicht anzusehen sein werden, wenn es sich z. B. wesentlich darum handelt, zum Zwecke des leichteren Fortkommens oder mit Rücksicht auf die antisemitische Bewegung einen die jüdische Abstammung kennzeichnenden Namen mit einem anderen zu vertauschen. Alls der Theorie des Ministers in die Praxis unserer Verwaltungsbehörden übersetzt, heißt das, Namenändernngen von Juden werden überhaupt nicht inehr gestattet. Indem wir auf die soeben zur Versendung gelangten Prospecte der Firma M. GOLDBERG, WIEN (siehe Inseratenseite) aufmerksam machen, empfehlen wir dieses ebenso reelle afs leistungsfähige Haus den löblichen Cuftusgemeinden und den geehrten €01legen auf’s Wärmste zur Anfertigung von Synagogen- Ornaten. Die Redaction.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.