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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-01 · Heft 10 (1.4.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 10 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 10. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. gilt, Gott allein die Ehre zu geben. Jedenfalls ist ein solcher Glaubensmuch nur daraus zu erklären, dass die Jugend eine bessere religiöse Erziehung erhielt. ׳ (Schluss folgt.) Die Entdeckung des Iudenthums. Bon Dr. Adolf Silbersteiu. Dem Zeitalter der größten Erfindungen war es vorbehalten, eine wichtige Entdeckung zu machen, welche zu ihrer Vorbereitung drei Jahrtausende brauchte. Drei Jahrtausende wandelte ein Volk aus Erden, ohne von den Scharffinnigsten erkannt zu werden. Es baute mit den Egyptern, es lernte unter den Assyrern, wetteiferte mit deil Griechen im Denken, trieb Handel imd Wandel im römischen Reiche, lehrte die Venetianer Wechsel macheil und kommentirte den Aristoteles mit den Arabern, lieh im Mittelalter sämmtlichen Fürsten die so nöthigen Kriegsmittel, ließ sich in Spanien verbrennen und trug seine Sprache in alle Welttheile, war deutsch mit Lessing, französisch mit Napoleon, ungarisch mit Kossuth, zahlte mit Heine den Deutschen, mit Beacollsfietd den Briten, mit Meyerbeer und Gambetta den Franzosen, mit Manin den Italienern, mit Spinoza, Marx und Lassalle der gesammten Menschheit alle geistigen Capitalien, die es entlehnt hatte, mit Zinseszinsen zurück. Denn dies Volk war dankbar bis ins tausendste Glied. Nicht nur sein Gehirn, sondern auch sein Herz hatte ein unerschütterliches Gedächtnis. Nur eines vergaß dies Volk immer: die Schläge und Peinigungen, die es von Freund und Feind in allen Zonen und Zeiten erlitten. Es küsste die Hand, von der es gezüchtigt wurde. Denn dies Volk,sah merklvürdigerlveise überall die Hand Gottes und am deutlichsten, wenn es gestraft wurde. Dies Volk, welches dreitausend Jahre lang bei allen Nationen der Welt sich zu Gaste lud, selbst mit Tartaren und Negern sich verschwägerte, ist das große Räthsel, mit welchem sich heute noch Denker und Nichtdenker aller Länder beschäftigen. Jeder definirt den Juden, diesen Allerweltsbürger, anders und Jeder quält ihn aus seine eigene Weise, der eine mit seiner ״Dajenu“. Eine Ostcrgeschichtc. Nachcrzählt von I n l i n s E i s n e r, Cantor und Religionsweiscr in D r a s ch k o v. Im vorigen Jahrhundert lebte in Teheran ein reicher Jude, Namens Jonathan ha-Cohen. Sein Edelmuth und sein vielgeübter Wohlthätigkcitssinu erwarben ihm die Verehrung seiner Glaubensgenossen, und durch Reichthum und Klugheit setzte er sich auch beim Hofe, dem er arabische Pferde, Teppiche und Gewürze zu liefern pflegte, in hohe Gunst. Nur dem Vezir war der reiche Jude ein Dorn im Auge, und deshalb ließ er keine Gelegenheit unbenutzt, um dem Inden irgendwo zu schaden oder ihn beim Schah anzuschwärzen. Schenkte auch der König nicht immer feinem Rathgeber Gehör in Verleumdungen, die sich a ns Jonathan bezogen, so kühlte sich doch sein Wohlwollen gegen den letzteren merklich ab, je älter 1m& schwächer der König würde. 911111 geschaltes, dass in der Hauptstadt ein großes Fest gefeiert werden sollte. Der König traf glänzende Anstalten zum Empfange fremder Fürsten und bestellte bei dem reichen Juden, der noch immer sein Vertrauen besaß, Geschenke von hohen Werthe. um die Gäste nach orientalischer Sitte nicht!!!!beschenkt zu entlassen. Jonathan rüstete eine mächtige Karawanne nach Arabien aus und verwendete fast sein ganzes Vermögen auf Liebe, der Andere mit seinem Hass. Während seine heiligen Schriften noch heute als Quelle des Christenthums verehrt werden, wird er doch eben darum verfolgt, dass er noch fortwährend aus dieser heiligen Quelle schöpfen will. Während die Einen den semitischen Eindringling zurückweisen wollen, um das germanische oder slavische Blut rein zu bewahren — obzwar weder das eine, noch das andere Blut sich ganz rein erhielt — finden die Andern, dass seine Jnteligenz viel zu hoch entwickelt sei und so den Nichtjuden un Kampfe um's Dasein wesentlich schaden könne. Kurzum, es wird schwer etwas zu finden sein, was über den Juden nicht gesagt wurde, und darum ist die Definition dieses seltsamen Volkes, wenn man die verschiedenen geflügelten Worte großer und minder großer Männer über sie zusammenhält, ein Stock Volt summender Bienen mit viel Stacheln und etwas weniger Honig. Es ist recht erbaulich für das stolze europäische Denken, dass es eine so am Tage liegende Erscheinung, wie das Judenthnm, nicht zu begreifen, nicht zu definiren und nicht zu bändigen vermag. Seit zwanzig Jahren entdeckt Europa die Juden. Die einen sehen den leibhaftigen Satanas und Antichrist in ihnen, die andern dagegen suchen ihre Fehler historisch zu beschönigen und ihre Tugenden bestens herauszuputzen. Es wäre an der Zeit, nicht nur die randalirenden Antisemiten der Polizei zu übergeben und sie damit auf den ihnen gebührenden Ehrenplatz neben blaumachende Schusterjungen zu verweisen, sondern auch die ganze ״ehrenvolle" Bertheidigung der Juden aufzugeben. Es muß einen ehrlichen Juden, der ganz genau bei sich weiß, dass er nicht besser und nicht schlechter ist, als jeder andere Mitmensch, arg verdrießen, in einemfort ״gerettet" zu werden. So oder so, man bleibt doch immer so eine Art ״Schntzjnde". Die großartigen Erfolge, welche Leroy-Beauli eu mit seinen wundervoll geistreichen Aufsätzen über das Wesen des Judenthums geerntet*), ließen Andere, weniger Berufene, nicht schlafen. Der Mark! wird nun mit philosemitischen Schriften überfluthet, welche alle das Judenthum neu entdecken wollen. Am allerwenigsten hat es Lombroso**) nöthig gehabt, seinen *) ״Israel chez 168 Natious.“ Paris 1893. diese Bestellung. Da es kurz vor dem Pessachseste war, an dem er, seiner Gewohnheit gemäß, stets im Kreise seiner Familie zu weilen und noch überdies alljährlich seinen Wohlthütigkeitssinn dadurch zu bestätigen pflegte, dass er hundert Arme bekleidete und speiste, ließ er sich selbst durch die Aussicht auf den großen Gewinn nicht bewegen, in eigener Person die Geschäftsreise zu unternehmen, sondern schickte seinen Vertreter. — Die Zeit der Rückkehr war schon längst da, der König drängte, die Gäste standen schon vor den Thoren — die Geschenke waren noch nicht gekommen; statt der Karawanne kam der ausgeschickte Späher mit der Trauerbotschaft, dass die Karawanne ermordet und beraubt im Wüstensand begraben liege. Der Schmerz Jvnathaiüs, der Unwille des Königs, der Triumph des Ministers vermochten jedoch den gottesfürchtigen, schier verarmten Juden von seinem Vorhaben,. Heuer wie alljährlich am Pessach ,hundert Arme zu bewirthen, nicht abzubringen. Die Trümmer seines Reichthums reichten noch zur Noth — aber nicht lange. Das darauffolgende Jahr kam und mit ihm neue Unglücksfälle/ die den Rest seines Vermögens verschlangen und ihn schier an den Bettelstab brachten. In der versengenden Gluth des unausgesetzten Kummers bleichte frühzeitig das Haar des schwergeprüften Juden. Seine Manneskraft brach zusammen unter der. Wucht der Schicksalsschlüge, wie die Cedern des Libanon unter der. Axt, jedoch mit den Wurzeln stand er noch fest: sein Gottesvertranen wankte nicht. ... .

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