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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-04-01 · Heft 10 (1.4.1894) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 10 (1.4.1894)
Date
1894-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitting. Seite 3. Israel als lebendiger Zweig in der Geschichte der Pädagogik. Studie von M. Lintner. Cantor und Lehrer, Bnnzlcu:, Schlesien. Wenn matt den Begriff der Pädagogik im weitesten Sinne nimmt, so umfasst ihre Geschichte das gesammte Bilduugsleben der Völker und es fallen deren religiöse, Politische und künstlerische Einrichtungen und Leistungen, wie auch ihr häusliches und öfsentliches Leben der Pädagogik zu. Und so wollen wir den übergroßen Stoff etwas lichten und einen Streifzug in das Gebiet der israelitischen Pädagogik unternehmen. Die mosaische Lehre hat ihrer Natur nach einen im höchsten Sinne pädagogischen Charakter, indem sie den Menschen aus beit Banden der Entartung zll befreien und in das höhere Leben, in die Gelneinschaft mit dem wahren Gotte einzuführen trachtet. Und dennoch ist es eine allgemein gewordene Sentenz, es sei der Bestand des Judenthums trotz Verfolgung und Berstoßnng eines der größten Wunder, welches die Geschichte des Menschengeschlechtes aufzuweisen hat. Aber dies Wunder ist nicht zu schwer zu erklären. Die Fortdauer des Jndenthums ist nur in der Macht seines geistigen Lebens und in der conseguenten Erziehung zu suchen, die niemals in Starrheit ausartete und die stets Fortschritt und Verjüngung, aber keinesfalls einen Rückgang duldete. Gehen wir mm aus die Erziehung der israelitischen Jugend im Alterthum näher ein, so finden wir, dass diese mit der Religion Hand in Hand läuft. In der großen Spanne Zeit vor dem babylonischen Exile wird uns in beit uns zugänglichen Quellen sehr wenig über die Art und Weise, wie der Religionsunterricht ertheilt wurde, berichtet. Die Erziehung und somit auch der Religions-Unterricht wurde in diesem Zeiträume nur von den Eltern geleitet, d. h. die Unterweisung gründete sich ans das Vorleben der Eltern. So sehen wir, dass Moses den wichtigsten Factor des gesellschaftlichen Lebens nicht dem Priesterstande, zuwies, sondern nur der Familie, wie es heißt: ־wescliinantom lewoneaho. Der größte Prophet Israels wollte nicht, dass Religion angelernt werde, sondern be’cliol le’wowclio uw’cliol nafsche’clio anerzvgen werden müsse. Verfolgt doch die mosaische Gesetzgebung stets nur den Zweck, den Geist zum Bewusssein seines göttlichen Ursprunges zu führen, und in uns die Erkenntnis zu erwecken, dass uns Gott zu einem sittlichen, freien Volke, das Liebe und Recht üben müsse, erwählt habe. Was könnte daher auf die unbefleckte Linderseele mehr einwirken als das voranlenchtende Beispiel der Eltern? Eigenthnmlich ist es jedoch, dass bei der später zunehmenden Verderbtheit keiner der Nachfolger des Moses darauf kam, dass diese auf der mangelhaften Erziehung und der Unwissenheit der Jugend beruhte. Erst Samuel griff sowohl in die sittlich-religiösen, als in die politisch-socialen Verhültniße energisch ein, da er einsah, dass das Volk nur von Gott begeisterten Männern aus dem rechten Wege erhalten werden könne, und er schuf darum die Prophetenschulen. Hier lehrte man das Gesetz, i ie Dichtkunst, Musik und Gesang, und hier wurde auch die Geschichte vom Einzuge in Kanaan ausgezeichnet. Aber der Erziehung der Jugend wandten sich weder Samuel, noch seine Jünger zu; höchstens bei den Königssöhnen wurde eine Ausnähme geamcht, wie das 2. Buch Samuel Cap. 12. V. 25 berichtet:וישלח ביד נתן הנביא ויקרא את שמו ידידיה בעבור ה׳ ״Und er schickte ihn (den Salomo) durch Nathan", was so viel sagen soll, als, er ließ ihn durch Nathan erziehen, ״und nannte ihn ״Liebling des Ewigen", weil er in dessen Anlagen eine dereinstige Stütze der Theokratie erkannt haben muß. Sonst findet sich keine Spur, dass sich diese Gottesmänner auch als Jugendlehrer bewährt hätten; im Gegentheil, sie waren bei der Jugend geradezu verhasst. Dies ersehen wir aus dem 2. Buche der Könige, Cap. 2, V. 23, wie es dem Elisa ergieng: ״Und er gieng von da hinauf nach Bethel, und als er hinausgieng auf dem Wege, kamen kleine Knaben aus der Stadt heraus und verspotteten ihn und sprachen: Komm herauf, Kahlköpf! Komm herauf, Kahlkopf! Hieraus geht deutlich hervor, wie wenig religiös die Jugend gestimmt war, wie wenig sie angeleitet wurde, den Gottesmännern Achtung und Liebe entgegenzubringen. Aber nicht nur der Prophet Elisa verfehlte, der Jugend eine feste Grundlage zu geben, sondern selbst der große Jesaias geißelt zwar die Verwahrlosung der Jugend, wie z. B. mit den Worten: ״Es stolziert der Knabe gegen den Greis, der Verachtete gegen den Geehrten." Oder an an anderer Stelle: ״Und der Ewige spricht: Diweil die Töchter Zions hoffürtig sind, mit gerecktem Halse einhergehen, die Augen umherwerfend, trippelnd einherschreiten und mit den Brustspangen klirren, wird der Herr den Scheitel der Töchter Zions kahl machen und der Ewige entblößen ihre Scham u. s. w." — Aber nirgends tritt eine systematische Unterweisung der Jugend hervor, welche daraus hindeutete, dass er das Uebel bei der Wurzel fassen wollte. Man hatte eben vor dem Exile keine Ahnung von dem Segen öffentlicher Belehrung der Jugend und überließ sie nur den! Zufalle, der von der Gesinnung oder von den geistigen Fähigkeilen der Eltern abhieng. Und so mochte es wohl kommen, dass ganze Geschlechter in krasser Unwissenheit aufwachsen, dem Glauben ihrer Väter untreu wurden und dem Götzendienste anheimfielen. Kehren wir jedoch nach dieser Abschweiftmg wieder zur Erziehung der Jugend durch die Eltern zurück. In den ersten Jahren war das Kind mehr unter der Aussicht der Mutter, und erst wenn der Knabe größer wurde, kam er in die Umgebung und unter die Leitung des Vaters, der die Erziehung selber übernahm, oder ihm einen ״ אומןErzieher" gab. Die Zucht im Hause war eine strenge. Die Jünglinge hatten, ähnlich wie in Sparta, keine Stimme, sondern hatten nur zu gehorchen. Bei Tische saßen die Kinder nach Altersrang, wie wir aus der Stelle 1. B. M. Cap. 43, V. 33 ersehen können. ״Sie saßen vor ihm, der Aelteste nach seinem Alter und der Jüngste nach seiner Geburt u. s. w." Ferner scheinen die älteren Geschwister eine gewisse Herrschaft über ihre jüngeren Geschwister geübt zu haben, und der Grundsatz: ״Wer seinem Kinde die Ruthe entzieht" fand auch praktische Anwendung; dies hatte jedoch wieder zur Folge, dass zuweilen eine verkehrte An-; schauung von Religion erzielt wurde. Erst in der Zeit des Exils, da wird sich das Volk Juda seiner Religion innig bewusst, von herzlicher Liebe wird es stir den Glauben der Väter ergriffen, strenger als je zuvor werden die Gesetze, Lehren und Vorschriften des großen Moses befolgt. Und so war es nicht zu verwundern, dass sich gar bald eine feste Glaubensrichtung ausbildete. Wie beharrlich verweigern die Söhne königlicher Geschlechter und Söhne der Vornehmsten, welche Nebukadnezar erziehen lässt, die Speisegesetze zu übertreten. (Daniel 1, 8 — 16.) Wie muthig tritt Mordechai, der Jude, dem Günstling des Königs, Haman, entgegen, wo es

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