Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-nngarische Lantoren-Zeitung. Nr. 10. Im Uebrigen ist ja das Jekum purkon und der hierauf folgende Misekeberack aus der modernen Synagoge eliminirt, und da es unser Bestreben ist, lediglich dem Tradiüonsgesang der beim modernen Gottesdienste eingeführten Gebetsstellen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, so kann es bei dem bereits Gesagten sein Bewenden haben. Demgemäß erscheint eine Erörterung der 08 bekol-Reeitaüon viel wichtiger und bedauern wir, uns hiebei der in Nr. 99 (297) vom Autor empfohlenen Jntervallenfolge nicht anschließen zu können. Dieselbe schreibt für die 08 bekol-Reeitaüon die kleine Terz vor mib es ist doch sattsam bekannt, dass die 08 bekol-Tvne zumeist jener Singweise entnommen sind, die bei den alten Chasanim mit dem Ausdrucke ״Klawanerifch" bezeichnet wurde; in dieser Singweise wird auch L^akoras behandelt, und der geehrte Autor verwendet mich bei seiner Verzeichnung des Kwakoras Nr. 161 (744) ganz stilgerecht die große Terz. Was sonst an zufälligen Verminderungen und Erhöhungen sich benrerkbar macht, das gehört nach der Chasanim-Bezeichuung in die Kategorie des ״W o i l - S i n g e n"; wir erlaubten uns jedoch seinerzeit diese ungerechtferügten Erhöhungen und Verminderungen ״chromatische Tändeleien" zu nennen, die der geläuterte Geschmack aus dem Gotteshause verbannen sollte. Es erscheint uns geradezu unfassbar, dass der Herausgeber die Charakteristik der 08 bekol-Tonart mit einer kleineil Terz ausrüstet, was doch allbekannt als ein Missgriff bezeichnet werden dürfte. Auch hier stehen wir dem Herausgeber ilieinungsverschieden gegenüber, und die Frage dürfte eine offene bleiben, in so lange man sich bezüglich dieser Differenzen auf einem allgemeinen Cantorentage nicht geeinigt. Sicherlich stellte Herr Lachmann seine Hypothese im vollen Bewusstsein seines Rechtes aus mid wir würdigen dieselbe ihrem ganzen Umfange nach als die Kundgebung eines charakterfesten Mannes; allein mit dem gleichen männlichen Freimuthe dürfen wir unsere diesbezügliche Anschauung der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten, weil schließlich aus diesem Anpralle der Meinungsverschiedenheiten die für unsere wichtige Angelegenheit überaus heilsame Klärung der Thaffache sich ergeben dürste. Wir stehen Beide auf dem Boden des kunstgeschichtlichen Erbrechtes, welches hüben und drüben nicht geschmälert werden darf, und von den Kundgebuiigen der maßgebenden Herrn Collegen dürfte es abhängen, für welche Anschauung man sich erklärt und wessen Aufstelluilg als die richtige angenonunen wird.*) Und nun zum Schluffe! Seinem Akawok rabbok-Recitativ schickt der Verfasser eine Skalaaufftellung voraus, die nur von einem Manne hingestellt werden konnte, bei dem fachmännische Reife mit der Lauterkeit der Gesinnung gleichen Schritt hält. Der Verfasser nennt dieselbe Akawok rabboh-©fafa, doch decken sich die Intervalle vollständig mit unserer, seinerzeit aufgestellten ckisoktaback-Steigerskala. Eine Uebereinstimmung zweier seit Jahren mit demselben Stoffe sich emsig beschäftigender Fachgenossen, die allerdings gewissermaßen einer künstlerischen Naturnothwendigkeit entstammend, doch als Ergebnis gleicher Forschung *) Die Feststellung der Grundlagen des traditionellen Synagogengesangcs muß sicherlich als eine der Hauptaufgaben des modernen jüdischen Cantorcnthums betrachtet werden, durch deren wissenschaftliche Durchführung das Prestige des Cantorenstandes in eminenter Weise gehoben wird. In diesem Sinne laden wir die geehrten Fachkreise zur freien Discussion der angeregten Frage ein und Nellen ihnen zu diesem Behufe die Spalten unseres Blattes bereitwilligst zur Verfügung. überaus bemerkenswerth erscheint. Mag der Steiger ״Akawok rabboh״ oder ״Jiscktaback“ benannt werden, die Intervallenfolge ist dieselbe und zeigt uns erschöpfend, dass es kein Missgriff war, wenn wir diese Skala — mit Außerachtlassung aller übrigen aus dem Traditionsgesange sich ergebenden Folgerungen — als die einzige, specifis ch - jüdische Skala hinstellten. So wie nach langer Winternoth beim Genüsse eines bezaubernden Frühlingsmorgens ein Gelehrter einst den Ausspruch that: ״Diese Gottesherrlichkeit müsste man erfinden, wenn das Leben kein Gaukelspiel bleiben soll" — so können auch wir nach langer systemloser Sangesnoth die Behauptung aufstellen, dass diese Skala erfunden werden müsste, wenn unser inhaltsreicher Traditionsgesang nicht zum Gaukelspiel in der Kehle derjenigen werden sollte, die, fachmännisch rmreif, lediglich unter dem Schutze der Schutzlosigkeit unseres heiligen Amtes sich kühn zum Tische des Herrn herandrängen, um dortselbst gedankenlos ihr Zerstörungswerk zu vollbringen. Allein die Skala brauchte nicht erfunden zu werden, sie war ja vorhanden und musste nur mit starker Hand aus dem tiefen Schachte der Bescheidenheit hervorgeholt werden, um der Mit- und Nachwelt den Beweis zu erbringen, dass die jüdischen Cantoren ihre specifische Wissenschaft wohl besaßen und besitzen und dass dieselbe auch seitens der allgemeinen Musikwissenschaft׳ Würdigung und Beachtung verdiene. — In dem vorliegenden Werke suchen wir vergebens nach einer Seite, allwo die Nutzanwendung dieser Jntervallenfolge sich nicht bemerkbar machte; überall, wo das Textwort in heiliger, jüdisch-musikalischer Weise illustrirt werden soll, begegnen wir diesen erquickenden Intervallen, die das Herz des betenden Laien, wie des ausübenden, gebildeten Cantors mit Wärme und Heiligkeit erfüllen. Herr Lach mann empfiehlt noch manch' andere Intervallenfolgen und Skalen; dieselben bekunden eine heutzutage fast sagen- Haft gewordene Vertrautheit mit dem uralten Tradiüonsgesang und liefern für den Historiker überaus schätzbares Material. Allein der Fnnctionär in der modernen Synagoge hat weder Gelegenheit noch Muße, sich bei Ahawok rabbok, Or cliodoscli, En keerkecko, Os bekol etc. ״z u stelle n" weil er, von den Zeitverhältnißen gedrängt, sich der möglichsten Kürze beim Vortrage befleißigen muß. Diese Erscheinung enthebt aber den ausübenden Cantor keineswegs der Verpflichtung, sich mit diesen fein abgegrenzten Schattirungen unseres Traditionsgesanges vertraut zu machen, und hiezu bietet das vorliegende Lachmann'sche Werk eine unschätzbare Fundgrube. Wie am Anfänge dieses Aufsatzes angedeutet, beschränkte Herr Lachmann sich nicht allein auf die hervorragenden Momente, sondern suchte auch die der Vergessenheit anheim gefallenen Niederungen unseres Traditivnsgesanges auf, um dieselben durch Ton und Wort trefflich Zu beleuchten,?intim, Semirotk, Selickotk und Neginotli, Wochen- und Feiertage, Alles fand eine geradezu staunenswerthe Berücksichtigung und ancrkenuenswerthe Nutzanwendung, so dass wir nicht anstehen, Herrn Lachmann für sein geleistetes Kunstwerk öffentlich unsere Anerkennung auszusprechen. Ein Kunstwerk? hören wir sagen. Gewiss, ein Kunstwerk in des Wortes edelster Bedeutung! Der behandelte Gegenstand kann allgemein oder nur in kleinem Umkreise iutercssiren, ist der Gegenstand nur wissenschaftlich und würdig durchgearbeitet, so darf dem braven, emsigen Arbeiter die Palme der Meisterschaft nicht vorenthalten werden. Die Nedaction.