Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1894)
- Date
- 1894-03-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. 'Seite 3. Betrachtungen über Schlaf u. Traum von Rabbiner L. Wollner. (Fortsetzung). VI. Die Nacht als Mutter des Schlafes. Die Nacht ist eine Wohlthäterin der Leidenden, denen sie die Thränen trocknet; eine Freundin der Unglücklichen, deren Sehnen sie füllt in süßen Träumen; eine Mutter der Müde n, die sie in ihren Armen zur Ruhe wiegt und mit junger Kraft stärket. Wo ist der Mensch, der ganz gelassen bleibt und unbewegt, wenn er einsam in der Sülle der Nacht hinaustritt und vor ihm sich eine ganz andere Erde, ein ganz anderer Himmel auszubreiten scheint? Wenn das Schweigen des Grabes auf den Sttaßen und Plätzen ruht, wo noch vor wenigen Stunden das Getümmel geschäfüger Menschen rauschte. Wenn der Garten, die Wälder, die Wohnungen der Sterblichen, alle Pracht der Natur, alle Werke der Kmist in Finsternis verschwunden sind, da durchdringt ein unwillkürlicher Schauer die Seele. Der fülle Ernst der nächtlichen Welt beherrscht unwiderstehlich das Gemüth auch des Fröhlichsten. Was ist alle Herrlichkeit der Erde, wenn ihr der Zauber des himmlischen Lichtes entzogen ist? Was ist alle Macht des furchtbarsten Sterblichen, wenn die Mutter des Schlafes ihn in ihren Armen bewusstlos dahingestteckt hält? Was ist aller Reichthum eines Reichen, wenn er gleich einem Todten unter seinen leblosen Kostbarkeiten ruht? Aber so wie in jeder anderen Tageszeit verkündiget sich auch die ewige Liebe Gottes gegen seine Erdenünder in der Nacht, die er als sorgsame Mutter zur Erde gesendet, durch besondere Arten der Wohlthätigkeit. Während die Sonne unseren Gesichtskreis verlässt und den Tag über die andere Hälfte des Erdballs glänzen lässt, versinkt bei uns Alles in Einsamkeit und Schweigen, dass nichts unsere Erde stört. Dem Schlummer ist die Dunkelheit und die allgemeine Sülle günsüg. Nichts zerstteut unseren Geist oder fesselt unsere Aufmerksamkeit. Wie wir von der Wiege des Säuglings, vom Bette des Kranken jedes zu starke Licht oder Geräusch entfernen, so nimmt Gottes ewige Vatersorge durch die weisesten Einrichümgen der Natur den Schlummer und die Ruhe eines halben Weltalls in freundlichen Schutz. Ein sanfter Schlaf stellt die verlornen Kräfte wieder her, und mit dem erquickten Körper empfängt der Geist wieder ein Werkzeug, zu allen guten Unternehmungen und Geschäften fähig. Das Nachtwachen oft wiederholt, sei es aus übermäßigem Triebe der Arbeit oder aus unordentlicher Begierde zu Lustbarkeiten,ist ein wahrhafterLebensverkürzer. Der Geist des Menschen wird stumpfer, indem sein Werkzeug, der Leib, untauglich gemacht und in seinen natürlichen Verrichtungen gehindert wird. Die Zerstörung unseres Leibes, den Gott uns zum edlen Gebrauche verlieh, die Verkiirzung unseres Lebens durch Beraubung des Schlafes und den zur Erholung unserer Kräfte geweihten Ruhestunden, ist Sünde gegen Gottesgaben und Sünde gegen die Pflicht der Selbsterhaltung. Aber so thöricht ist der Mensch, dass er für eine handvoll Stunden in nächtlicher Schwärmerei sein Leben verkürzt und um des Vergnügen willen Nächte in Tage verwandelt, wodurch er ftüher oder später einen siechen Leib durch die Welt schleppen mag. VH. Träume als Offenbarungen Gottes. Die heilige Schrift erzählt uns von wunderbaren Träumen, durch welche Gott sich geoffenbart hat, und von solchen, welche gedeutet und erfüllt wurden. Man erkennt sie als göttliche Eingebung über die es heißt: ״Was Gott thun will, offenbart er in Träumen" (1. M. 41, 28). Dieselben bestehen theils aus Bildern und Symbolen, theils aus Worten der Ermahnung und Warnung, theils aus beiden zugleich. Im ersten Falle bedurften sie der Deutung, woraus Manche sich ein eigenes Gewerbe machten. Ausgezeichnetes haben darin Josef und Daniel geleistet. Träume, welche in der Bibel als eine Art Offenbarung Vorkommen, führt uns die Schrift in Menge vor. Jedoch müssen wir gleich bemerken, dass eine göttliche Offenbarung durch Träume einen minderen Grad der Prophetie bezeichnet. In! 4. B. M. 12, 6 werden Ahron und Mirjam, die daraus pochten, dass Gott; auch zu ihnen rede, dahin zurechtgewiesen, dass Gott mit Moses von ״Mund zu Mund", zu ihnen aber im Traum und räthselhaften Bildern spricht. Daraus ergibt sich wohl, dass eine göttliche Offenbarung durch Träume als ein minderer Grad der Propheüe bezeichnet wird. Ein solch minderer Grad der Propheüe erscheint auch bestätiget 1. Sam. 28, 6, 15. Da es heißt: ״Gott antworte nach Samuels Tode weder mehr durch Träume, noch durch Urim, noch durch Propheten". Dass trügerische Menschen Missbrauch trieben, sich als Propheten ausgaben und das Volk verleiteten, ist selbstverständlich, wie die heilige Schrift schon warnt (5. M. 13, 2). So unterscheidet insbesondere Jeremias die wahren von Gott gesandten Propheten und die falschen, die Träumer (Jerem. 23, 25—32). Es ist daselbst ein passender Spruch angewendet. ,.Ma TTewen es Habor“, was hat das Stroh mit dem Getreide zu schaffen, die falschen Träume dreschen nur leeres Stroh. Auch der Prophet Secbarj. 10, 2 warnt das Volk in diesem Sinne. Nur der Prophet Joel (K. 3, 1.) spricht von einer Zeit, wo Gott seinen Geist ausgießen wird über alle fleischliche Wesen, weissagen werden euere Söhne und Töchter, euere Greise Träume träumen, euere Jünglinge Gesichte schauen". Eine andere wichüge Stelle, die zu diesem Thema gehört, finden wir in Hiob (K. 33, 14—18.). ״Wohl redet Gott in einer Weise und in zweien, nur sieht man nicht daraus. Im Traume des Nachtgefühles, wenn tiefer Schlaf aus Menschen fällt, im Schlummer auf dem Lager, da öffnet er das Ohr des Menschen und versiegelt es mit ihrer Belehrung, um abzuhalten den Menschen von Unthat und vor Ueberhebung den Mann zu hüten, zu wahren seine Seele vor Verderben". Hier finden wir Offenbarungen Gottes im Traume, als Mahnung und Warnung, dass Gott den Menschen im Traumgesichte oft warnt, um ihn von seinem Thun abzubringen. Nicht minder interessant ist, wie in Hiob (K. 4, 12 ff.) der Seelenzustand eines Träumenden bei einer solchen Offenbarung geschildert wird : ״Auch stahl sich zu mir ein Wort, und mein Ohr vernahm ein Flüstern davon, im Gedanken der Nachtgesichte, wenn tiefer Schlaf die Menschen befällt, ergriff mich Schauer und Zittern, und all mein Gebein durchschauert es. lind ein Wehen stteift an meinem Angesicht vorüber, meines Leibes Haar sträubt sich. Es stand, nicht kannt ich seine Gestalt, ein Gebild vor meinen Augen, ein Säuseln und eine Sümme hörte ich". Das ist das Eigenthümliche jeder höheren Erscheinung. Man glaubt, sie stehe in wirklicher Gestalt vor uns, aber so man sie sinnlich saffen und ergreifen will, entschwebt dieselbe, wie von säuselnden Lüften getragen und lässt keine Spur zurück, als die einer sanften Sümme. Diese herrliche, feierliche Beschreibung der Geisteserscheinung, das schauervolle dunkelklare Wesen derselben kann nur gefüllt aber nicht beschrieben werden. (Forts, folgt.)