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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-03-21 · Heft 9 (21.3.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 9 (21.3.1894)
Date
1894-03-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Vesterreichrsch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 9. er der einfache und bescheidene Mann. Er dünkte sich nicht mehr, als ein schlichter Mitarbeiter an dem gewaltigen Baue, den die' modernen Cantoren zur Verherrlichung des jüdischen Gottes-- dienstes ausgerichtet. Und diese edle Gesinnung ließ ihn jederzeit ohne Neid und mit innigster Herzensfreude theilnehmen an den Verdiensten und Bestrebungen anderer Berufsgenossen. So hat Abraham Baer als Cantor und Fachmann gelebt und gewirkt, doch auch als Mensch und Charakter erscheint er uns wie eine erhabene Lichtgestalt, deren Betrachtung uns über die Sphäre der Alltäglichkeit erhebt. Mit einem reinen, goldenen, echtjüdischen Herzen ausgestattet, das die Leiden und Freuden Anderer den eigenen gleichstellt; von dem Bewusstsein collegialer Zusammengehörigkeit voll und ganz durchdrungen, stand Abraham Baer immer in den vordersten Reihen, wo es galt, dem Bedrängten und Nothleidenden zu helfen, den Emporstrebenden zu stützen, dem wahren Verdienste die Krone zu reichen, und das Wohl der Allgemeinheit, die Interessen der Berufsgeuossenschast durch Nach und That zu fördern. Wenn uns nun das Hinscheiden eines so seltenen Berufsgenossen und Freundes mit doppelter Trauer erfüllt, so bietet es uns dennoch einen, wenn auch geringen Trost, dass es ihm erspart blieb, in Alter und Krankheit dahinzusiechen. Noch in der Vollkraft der Jahre, ungebrochen an Körper und Geist, wie ein Held auf dem Schlachtfelde ist er gestorben, inmitten der Arbeit, .;die seine Lebensbestimmung war. In dieser Erscheinung wollen wir auch sein Andenken bewahren und Hochhalten, wie es dem Manne gebührt, der zur Ehre des jüdischen Cantorenstandes und zu seinem eigenen Ruhme so hervorragend gewirkt hat. Möge ihm-HKiHrdeleicht sein! ת' נ' צ׳ ב׳ ד,, ..... 71׳ . Die Schachspieler. Eine Adar-Betrachtung. (Schluß.) ״Doch diese Spiele fallen alle in die Zeit des verfinsterten Alterthums!" kann der freundliche Leser sagen. War es aber in anderen Zeitabschnitten der Geschichte anders? Haben nicht die Kreuzfahrer, ausziehend die heiligen Stätten den Ungläubigen zuentreißen, es für ein gutes Werk angesehen, die traurigen Stätten der friedlich' wohnenden, ausgestoßenen Juden zu plündern und unschuldige Menschen zu morden — Greise, Weiber und Kinder? Stammt nicht das Blutmärchen, der Leidenszeit der christlichen Märtyrer ensprossen, aus dieser unglücklichen Zeit, einer Zeit, zu welcher der Nachfolger Christi allgewaltig über die Christenheit gebot? Hat man nicht in der zweiten Hälfte des Mittelalters, als der schwarze Tod die Gaue unseres Erdtheils durchziehend mit seiner erbarmungslosen Sichel alles niedermähte, unsere Glaubensbrüder beschuldigt, denselben herbeigerufen und die Brunnen vergiftet zu haben? Und die Flaggelanten, die Geislerbanden, welche den Erdtheil Buße thuend durchzogen, übten zur Ehre Gottes Gräuelthaten an dem armen zerstreuten Volke, von welchem der Gott der Väter Abraham, Jsak und-Jakob sich abgewendet zu haben schien, um es zu prüfen und zu läutern durch seine Leiden. Das Mittelalter gieng zu Ende — die Zeit der Humanität begann. Mit Hast warf man sich auf die Ueberreste der elastischen Zeit des Alterthums, ein neuer Geist begann durch alle Lande zu wehen —doch des Judenthums, welches als erste Fackel der Aufklärung geleuchtet, an der andere Leuchten sich entzündeten und es zu überstrahlen suchten, blieb vergessen, in stiller Zurückgezogenheit, die erwärmende Glut für Freiheit und Menschenliebe getreulich behütend. Selbst der gewalüge Reformator, Dr. Martin Luther, hatte kein Wort der Anerkennung für das verstoßene Judenthum. Warum? Weil der Geist Amaleks noch inimer fortwirkend von Generation auf Generation sein trauriges Streben, seine schädliche Kraft nicht verloren hatte. Er lebt fort und hat sich bis in die neueste Zeit erhalten. Die Personen haben gewechselt, der Geist ist derselbe geblieben. ״Leicht aufzurütteln ist das Reich der Geister", lässt der größte Idealist unserer Zeit, der große Dichter Schiller, seinen Thibeaut in der ״Jungfrau von Orleans" sprechen. Ja leicht aufzurütteln ist der Geist Amaleks, der unter schwacher Decke ruht. Er erwacht und verfinstert die' Gemüthey wählt' sich den Mob zu seinem Bundesgenossen, um in. dichter Masse die goldenen Strahlen der Freiheitssonne zu verdüstern. So stellte er in unserer Zeit neue Schachspieler auf. Professor Rohling, ein katholischer Priester, tritt auf, seine Broschüre aus der Feder eines Universitätsprofessor durchfliegt die Welt — überall ertönt das Unkengeschrei, dem Judenthume ein fürchterliches ״Matt" zurufend, und zeitigt jenseits der Leitha einen der fürchterlichsten und abscheuerregendsten Processe. Da ergreift ein bescheidener Rabbiner die Partie; mit der Schärfe seines Geistes und den heiligen Lehrern des mosaischen Gesetzes pariert er die Winkelzüge dieses gewissenlosen Spielers und macht ihn — Matt. Der versumpfende Geist Amaleks aber vernichtet das schöne Erdreich und treibt statt der lieblich duftenden Blumen die Luft vergiftende, Giftdämpfe aushauchende, schillernde Blüten. Der geistig blinde, in Amaleks Geistesfesseln schmachtende Pöbel erquickt sich an deren Anblick. Der Hauch berauscht nicht nur diesen, sondern sogar einen Mann, der einst eine Zierde der Volksvertretung war. Ganz nimmt er ihn ein und in der Verblendung bietet Schönerer dem Judenthume ״Schach-Matt". Der böse Geist Ameleks treibt ihn, in seinem Hochmuthe einen fehlen Zug zu thun — auch er wird ״Matt". — Dieses traurige Beispiel wirkt aber noch betäubender. Ein Prinz tritt an seine Stelle und scheut sich nicht, die rohesten Jnstincte des Pöbels aufzustacheln, und Beifall jubeln ihm seine Kibitze Lueger, Vergani et tutti quanti 3u. Doch er ist ein. guter Spieler, er ׳sieht deutlich, dass er in einigen Zügen matt sein muß, deshalb wehrt er sich dagegen mit Leibeskräften. Der Gott Israels aber, der die Sklaven zu freien Menschen gemacht, ruft uns zu: ״Ich werde für Euch streiten, Ihr aber verhaltet Euch ruhig." Der Gott unserer Väter hat an uns sein Wort stets zur Wahrheit werden lassen und das Volk Israel hat auch nichts zu fürchten, so lange es das Gotteswort beherzigt: Dies macht uns zur heiligen Pflicht, diesen Geist Amalek zu bekämpfen, zn bekämpfen bis zu dessen Vernichtung, wie es heißt im 2. B. M. C. 16. V. 16. ״Denn die Hand an den Stuhl Joh's. — Krieg des Ewigen wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht." Doch nicht mit den rohen Waffen der Gewalt, sondern mit den Waffen des Geistes und der Aufklärung kämpft Israel für seine Freiheit und sein Recht, damit wahr werde das Gotteswort: ״Ihr werdet sein eine Versammlung, ein Volk, dem alles was Recht und Wahrheit betrifft, heilig ist und heilig bleiben wird."

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