Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-03-11 · Heft 8 (11.3.1894) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 8 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453312--3961-3458372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8. Mesterreichisch-ungarische Lantorsn-Zeitung. Seite 5. breiter Basis vorträgt, behandelt dem gegenüber der Bürgerschulunterricht — der einerseits für den Handel und das Gewerbe, andererseits für das Familienleben gebildete junge Leute erziehen will — aus jedem der Wissenszweige hauptsächlich den im practischen Leben vorkommenden Theil, seine dort zur Geltung kommende leichte und tägliche Verwendung und deren Begründung, demnach nicht so sehr seine Theorie als vielmehr seine Resultate. Den Lehrstoff der Bürgerschule bilden die Elemente der verschiedenen Wissenschaften, ihr Lehrziel die sichere Nutzbarmachung dieser Elemente. Lehrstoff sowohl als Lehrziel sollen eher eine allgemeine Bildung, denn eine Propädeutik zu den Wissenschaften bieten. Aus der Bestrebung nach allgemeiner Bildung folgt, dass die Bürgerschule sich nicht mit dem Bruchtheil irgend eines Lehrgegenstandes begnügen darf, sondern ein abgeschlossenes Ganzes zu bieten hat. Der Umfang des Lehrstoffes, den die Bürgerschule in sich fasst, mag wohl mit der Ausdehnung des Lehrstoffes für die 8 Elasten der Mittelschule identisch sein, aber die Aufarbeitung der Kenntniße innerhalb dieses Umsanges kann nicht so eingehend, ihre Behandlung nicht so streng wissenschaftlich wie dort geschehen. Auch der jüdische Religionsunterricht an Bürgerschulen muß sich dem allgemeinen Unterrichtssystem solcher Anstalten anpassen, d. h. er muß bei der Bekanntmachung mit unserer Religion in erster Reihe deren praktische Bethätigung und ihre im alltäglichen Leben vorkommende Anwendung vor Augen halten. Er kann sich daher in kein eingehendes Studium der litterarischen Quellen oder der Einzelheiten der geschichtlichen Zeitalter einlassen, sondern er strebt — indem er hauptsächlich behufs Verständnis der heutigen Form des Judenthums dessen Entwicklung in großen Zügen skizzirt und im Anschlüsse daran in geeigneten, ausgewählten Stücken (ungarische) die hervorragendsten elastischen Litteraturwerke vorführt — vor Allem darnach, die jüdisch-religiösen und ethischen Ideen, unsere confessionellen Institutionen und besonders unser synagogales Gebetbuch bekanntzumachen. Auf diese Weise wird der Religionsunterricht an Bürgerschulen für die Mittelclasse der Gesellschaft eine religiöse Jugend erziehen, welche über den Beruf und die Praktischen Aufgaben ihrer Religion orientirt und dieselben im Leben eifrig zu verwirklichen auch bereit sein wird. Eine derartige Feststellung des Lehrzieles des Bürgerschul-Religionsunterrichtes und die dem entsprechende Auswahl des Lehrstoffes ist schon jenem Umstande zufolge besonders wichtig, dass der vorwiegend größere Theil der Bürqerschüter aus Mädchen besteht. Unter den gegenwärtigen vaterländischen Schulverhältnißen ist schlechterdings die Mädchenbürgerschule das einzige Institut, in welchem wir die Heranwachsende gebildete jüdische Frauen-Generation nach religiöser Richtung hin beeinflußen können. Dies ist aber hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung des ganzen ungarischen Judenthums eine überaus wichtige Angelegenheit, denn nur so können wir von den Heranwachsenden Mädchen erhoffen, dass sie mit der Zeit als Mütter um den von ihnen gepflegten häuslichen Herd jüdischen Geist, jüdisches Familienleben und jüdische Sitten einbürgern werden, wenn sie diesen Geist und die daraus folgenden Principien, Einrichtungen und Sitten schon in ihrer Jugend gründlich kennen und nach ihrem vollen Werthe zu würdigen gelernt haben werden. Zur Vermittlung dessen ist bei dem Mädchen-Erziehungssystem der gegenwärtigen Zeit — deren schiefer Richtung zufolge das elterliche Haus sich gerade um die religiöse Ausbildung am wenigsten kümmert — zumeist der religiöse Religionsunterricht an Bürgerschulen berufen. Es muß daher besondere Sorgfalt darauf verwendet werden, dass der zu bietende Lehrstoff besondes zur religiössittlichen Ausbildung der Mädchen geeignet sei; dies können wir aber nur so erreichen, wenn wir bei Vermeidung der einfettigen Vertiefung auf dem Gebiete welchen Lehrgegenstnndes immer nach Universalisirung — wenngleich nur in skizzirender Behandlung — streben und nicht nur blos die bewegenden religiösen Ideen, sondern auch deren sowohl im socialen als auch im confessiouellen Leben zu geschehende praktische Bethüüguug eingehend würdigen." (Schluß folgt.) Kleine Chronik. Wien. Sonntag den 18. März, 3 Uhr Nachmittags, findet int Leopoldstädter^Tempel die Trauung des Fräulein Jsabella Geiringer, Tochter des durch seinen Wohlthätigkeitssinn bekannten Banquier G e i r i n g e r, mit Herrn Victor Herz aus Budapest statt. Wien. Schon vor längerer Zeit wurde berichtet, in welch' fürsorglicher Weise die ostpreußischen Inden sich der vertriebenen protestantischen Salzburger annahmen. Doch auch in Amerika fanden die Vertriebenen bei den Juden das liebevollste Entgegeukommeu. In der ״Zeitschrift d. Judenthums" wird hierüber Folgendes berichtet: Die Salzburger Protestanten, welche ihres Glaubens wegen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, fanden, wie bekannt, Zuflucht bei dem protestantischen König von Preußen, der ihnen in Ostpreußen Wohnsitze anwies. Weniger bekannt aber ist, dass ein Theil dieser Vertriebenen nach Amerika auswanderte; sie erhielten freie Fahrt nach Dover und schifften sich nach Savannah ein. Nicht weit von Springsfield, Georgia, siedelten sie sich an. Den ersten Auswanderern folgten im Jahre 1736 achtzig andere vertriebene Protestanten unter Führung des Barons von Reck und des Hauptmannes Hermsdorf, welche sich auf einem Bergrücken nahe dem Fluße Savannah, dem sie den Namen ״Neu-Ebenezer" beilegten, häuslich niederließen. Wie in Deutschland, so nahmen sich auch in Amerika die Juden der Flüchtigen an. In Savannah wohnten in jener Zeit ungefähr zwölf jüdische Familien, welche, gleich den Salzburgern des Glaubens wegen verfolgt, aus Spanien und Portugal eingewandert waren. Einer von ihnen lud die müden Wanderer zu einem Frühstiick ein und erwies ihnen sonst viele Freundlichkeiten. Von einem anderen Juden, deffen Name nicht auf uns gekommen ist, und seinem Weibe berichtet der Geistliche B o l z i u s, der die Salzburger begleitete, in seinem Tagebuche: ״Die Inden erweisen uns und den Salzburgern so bereitwillig Dienste, dass wir darüber ganz erstaunt sind, sie sind so ehrlich und so treu, dass ihresgleichen kaum gefunden werden dürfte. Des Juden Weib hatte von einer Salzburgerin eine Krone für eine halbe Krone an Zahlung angenommen. Als dann am andern Tage der Jude das Geldstück näher betrachtete und seine Frau ihm mittheilte, dass sie dasselbe ans Versehen in der Dunkelheit um den halben Preis empfangen hatte, eilte er in das Zelt der Salzburger, erkundigte sich nach dem Weibe und gab ihr die halbe Krone mit den Worten: ״Gott behüte, dass ich etwas in meinem Hause habe, das nicht mir gehört, ungerechtes Gut bringt keinen Segen." Das machte auf die Salzburger einen tiefen Eindruck". ״Diese Juden" bemerkt Bolzius an einer anderen Stelle seines Tagebuches, ״zeigen eine große Liebe zu uns und haben versprochen, uns in unserer neuen Ansied lang zu bestlchen." MiHlitz. Unter großer Betheiligung der hiesigen Bevölkerung ohne Unterschied der Confessio«, fand am 27. Februar d. I. das Leichenbegängnis der im 43. Lebensjahre verstorbenen Frau Betti Schlesinger, der Gattin unseres Ober Cantors I. L. Schl e s i n g e r, statt. Die Verblichene, eine *?אשת חי in des Wortes schönster Bedeutung, erfreute sich der ungetheilten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.