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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-03-11 · Heft 8 (11.3.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 8 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 8. Dr. Jellinek. Dies beweist zur Genüge sein ausgezeichnetes Buch ״Der jüdische Volksstamm" und seine entzückenden und belehrenden Schriften über die Sprichwörter der verschiedenen' Völker. Er wusste, durch welche Worte die Saiten des jüdischen Herzens ergriffen werden, er predigte nicht nur im Geiste des Judenthums, sondern auch im Geist der Juden, und daher die allgemeine Begeisterung sür sie. 3. Die Predigten Dr. Jellineks zeichnen sich auch aus durch religiös-philosophische Studien; dieNeligions- Philosophie brachte er mit der Zeit-Philosophie in Verbindung. 4. Durch die reine und leicht sassliche Sprache. Mcht nur der Geist der Predigt sei ein prophetischer, sondern auch die Sprache sei eine biblische. Von den Predigten Dr. Jellineks kann man sagen: דברי תורה כלשון בני אדם In seiner Sprache ist Ebenmaß, Gliederung, Beherrschung und Mäßigung, künstliche Anordmmg, Schönheit und Formgerechtigkeit, sie ist keine schwülstige, keine hochtrabende. Dr. Jellinek verstand es meisterhaft, sich mit seiner Sprache zu den Hörern herabzulassen, *) wenn er noch so schwungvoll und geistreich sprach. Seine Predigten ffind oft mit den! Salze eines attischen Witzes versehen, weil er den Juden kannte und wusste, dass er solche Witze gerne hört. 5. Die Predigten Dr. Jellineks sind Z e i t w o r L e, sie reden von der Zeit und für die Zeit. So wie die Worte der Agadisten sehr oft Worte der Poliük und Apologetik gegen Griechen, Römer, und Christen waren, so sind die Worte des Dr. Jellinek Schutz- und Vertheidigungsworte. Die Lichtseiten des Judenthums und der Juden werden mit überzeugenden Worten hervorgehoben, die Vorurtheile werden entkräftet; seine Worte sind bald wie Feuer, das erwärmt, und bald wie der Hammer der zertrümmert und zerbröckelt. 6. Die Predigten des Herrn Dr. Jellinek sind nicht nur תורה שבעל 2ה sondern auch תורה שבכתב sie entzücken und belehren nicht nur, wenn man sie hört, auch wenn man sie liest; ja, je mehr man sie analytisch liest, desto mehr erkennt man ihren großen Werth. Die Wirkung anderer Predigten hängt oft von vielen Zufälligkeiten ab, bald von der Persönlichkeit des Redners, seiner Declamation, seiner eigenen Stimmung; bald ist es der synagogale Apparat, die feierlich gehobene, zur Andacht geneigte Seele oder eine andachts- und weihevolle Versammlung, wodurch die Predigt ihre Wirkung ausübt. Aber wie oft erscheint diese Predigt, die die Gemüther am mächtigsten durch die Macht des Momentes ergriffen hat, sehr ungenießbar, wenn sie als kalter todter Buchstabe in Druckerschwärze sich darftellt. Durch den Druck wird oft der Eindruck erdrückt. Nicht aber so die Predigten Dr. Jellineks. hier kann man nicht anwenden die Worte der Nabbinen: אינו דומה שמיעה לראיה. _ Der jüdische Religionsunterricht in Budapest. (Fortsetzung.) Der Litteratur-Unterricht beschränkt sich in allen drei Classen auf einzelne kleinere, ausgewählte Stücke, als da sind: Die Theile, welche den ersten Schöpfungstag, den Sabbath, die Sendung Abrahams, die zehn Gebote behandeln; ferner das claffische 19. Capitel (קדשים) des III. Buch Mosis, שמע die *) Gott sagt zu Moses: לך רד ועלית Laste dich herab und steige Loch hoch. Einleitung des Buches Josua, die Gebete Hanna's, Salomons und Elias', Sprüche Salomons, einzelne Theile aus dem Gebetbuche. Stoff zum Religionsunterricht im engeren Sinne bieten in der I. Classe die Satzungen der Religions- und Morallehre, wie sich jene in den fünf Büchern Mosis vorfinden; in der II. Classe, wie sie in den Sprüchen Salomons zum Ausdruck gelangen; in der III. Classe, wie sich jene in unseren Ceremonien, Liturgien und überhaupt in unserer synagogalen religiösen Praxis äußern. 4. In der IV.—VII. Classe wird der Unterricht in der biblischen Litteratur hauptsächlicher Lehrgegenstand sein. Dieser erstreckt sich auf die Psalmen, die Bücher der Propheten und auf jene Theile des Pentateuch (besonders Oeulerouiuw), welche die religiösen Jnsütuüonen enthalten. Wir bringen die Seele des Kindes mit jenem geistigen Leben in unmittelbare Berührung, welche in erster Reihe Grund und Quelle der Auffassung, Empfindung und Gefühlswelt des jüdischen religiösen Individuums und der Gemeinschaft ist. Wir müssen uns die sich in den heiligen Schriften offenbarenden classischen Formen des religiösen Empfindens und Denkens vornehmlich im Urtext zu eigen machen; in solchartigem eindringenden Studium derselben sehen wir die Garanüe der Erhaltung unserer Religion. Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf jene den Schülern nicht unbekannten naüonalen und universellen Litteraturproducte und Ereigniße lenken, in denen wir die Wirkung der biblischen Lehren sich äußern sehen, wollen wir das erreichen, dass der Schüler den Glauben des Judenthums, seine religiöse und ethische Weltanschauung, wie auch seine berufliche Mission verstehe, würdige und schätze. 5. In der IV. Classe wären die Psalmen, in der V. und VI. Classe die Propheten, in der VII. Classe der Pentateuch zu nehmen. An's Letztere schließt sich die Bekanntmachung mit den wichtigsten Erscheinungen der rabbinischen Litteratnr (in der Originalsprache) an. Im Anschluß an den Litteratur-Unterricht und parallel mit demselben setzt sich in denselben Classen die grundrißliche Behandlung der jüdischen Religionsgeschichte derarüg fort, dass sich der Stoff der IV. Classe bis zur Entstehung der Synagoge, der der V. Classe bis zum endlichen Aufhören des jüdischen staatlichen Lebens, der der VI. Classe bis zur Reformation, und der der VII. Classe bis auf unsere Zeit erstreckt. 6. Der Lehrstoff des Religionsunterrichtes in der VIII. Classe ist die systematische jüdische Religions- und Morallehre. Religionsunterricht an Bürgerschulen.*) Da die Bürgerschule sich schon vermöge ihrer Bestimmung von der Mittelschule völlig unterscheidet, so verfolgt sie sowohl in der Auswahl des Lehrstoffes als auch in der Eintheilung der einzelnen Lehrgegenstände und in der Art deren Aufarbeitung wesentlich abweichende Wege. Während der Mittelschulunterricht in erster Reihe die Vorbereitung zur wissenschaftlichen Laufbahn vor Augen hält und dementsprechend die, theoretischen und praktischen Theile der einzelnen Wissenszweige auf möglichst *) Zum besseren Verständnis und richtigeren Beurtheilen dieses Theilcs des Lehrplanes muß vorausgeschickt werden, dass die Organisation der Bürgerschulen in Ungarn von den gleichnamigen östcrreichischcn Anstalten wesentlich verschieden ist. Gesetzlich hat die vollkommene Bürgerschule in Ungarn ans sechs Classen zu bestehen, doch giebt cs fast überall im Lande nur vicrclassige Knaben und Mädchen-Bürgerschulen. In die erste Elaste der Bürgerschule werden nur solche Schüler ausgenommen, die die vierte Volksschulclasse absolvirt haben. Der Uebersetzer.

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