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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-03-11 · Heft 8 (11.3.1894) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 8 (11.3.1894)
Date
1894-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. .;8. Seite 3. 1 I 1 N I 1 ■> ל 7H Gesterreichisch-üngarische Lantoren-Aeitung. Jeder Unparteiische wird auch nicht das Jndenthum als solches verantwortlich machen, wenn einzelne jüdische Lehrer gefehlt haben, vielleicht verbittert durch den christlichen Druck,' unter dem ihre Glaubensgenossen seufzen. Wir müssen auch hierin gerecht sein, auf christlicher Seite ist das auch geschehen. Der Kirchenlehrer Tertullian sonnt sich in dem Gedanken, dass die Könige sowie ihre Beamten, welche die Christen verfolgt haben, ebenso wie die heidnischen Philosophen im höllischen Feuer furchtbare Qualen zu erleiden haben. Wir fragen: Ist das christlich, ist das inenschlich nach der heutigen Anschauung von Humanität? Dass der Talmud theilweise eine Sprache fuhrt, die zu modernem Gefühl für Sitte und Anstand nicht Passt, dass er Nichtjuden mit unfläthigen Worten bezeichnet, das erklärt sich aus der Zeit und den Verhältnißen von damals. Dass Menschen ״Hunde", ״Schweine" u. s. w. genannt werden, finden wir aber nicht nur im Talmud, sondern auch in christliehen Religionsschriften. Christus selber bezeichnet, der Anschauung seiner Zeit entsprechend, die Heiden sinnbildlich als Hunde (Matth. 15, 21 f.), und der Kirchenlehrer Augustinus bemerkt zu der betreffenden Stelle, dass die Heiden ganz mit Recht Hunde genannt würden, nur durch den Glauben an Christus werden sie aus Hunden Menschen. Der Bischof Hilarius nennt die Heiden Hunde mW die Ketzer Schweine. Ja, wir brauchen nicht so weit zurückzugehen in der christlichen Litteratur; welche Sprache hat Luther geführt, mit welchen ״Ehrentiteln" hat er z. B. den römischen Papst belegt! Wer heute als Protestant in denselben Ausdrücken dem Katholizismus gegenüber seinen Glauben vertheidigen wollte, würde mit Gefängnis bestraft werden. Andere Zeiten, andere Sitten! Vielleicht würde der Herr Baron v. Langen weniger scharf in der Commission für die antisemitische Petition eingetreten sein, wenn er in den Schriften seiner eigenen christlichen Religion besser bewandert wäre. Er liest wohl nur antisemitische Schriften, er schöpft wie seine Gesinungsgenossen seine Wissenschaft aus Rohling. Bon ihm sagt Delitzsch treffend: ״Rohling hat die allerekelhaft testen Schmeiß- und Dungsliegerl gespießt, die er in Eisenmenger auftreiben fonnte — von den Schmetterlingen, die im Talmnd fliegen, weiß er nichts und will er nichts wissen." . In der That — der Talmud enthält neben unedlem Gestein auch köstliches Erz, Worte über Pflicht und Gewissen, über Liebe und Humanität, über Ehrbarkeit und Treue, die,, edel gedacht, für alle Zeiten beherzigenswerth sind. Rohling, ein katholischer Professor der Theologie in Prag, hat in seinem Buche ״Der Talmudjude" falsche Uebersetznngen aus Eisenmenger abgeschrieben und daneben durch Verschweigen Entstellungen des wahren Sinnes herbeigeführt. Franz Delitzsch hat in seiner trefflichen, unter dem Motto ״Falsche Wage ist nicht gut" geschriebenen Gegenschrift ״Rohlings T a l m u d j n d e" (Leipzig, Dörffling u. Franke) die einzelnen Stellen behandelt und den richtigen Sinn wiedergegeben. Er sagt in der Vorrede dieser Schrift unter Aanderem: ״Aufs Entschiedenste protestirte ich gegen den Zusammenhang, in welchen Rohling jene Vampyre, welche,.unseren Bauernstand aussaugen, jene Börsenspieler, welche durch Erwerb, ohne Arbeit sich emporschwindeln, jene Geldaristokraten, welche sich Christen- Mädchen für ihre Orgien erkuppeln, jene Obscönitütenhändler, welche sich vom Wohllustkitzel bereichern, mit dem Talmud bringt — die Moral des Talmnd ist rein und streng genug, um das Treiben dieser Elenden zu verdammen; ,sie schänden das Judenthum nicht minder als die menschliche Gesellschaft, und es ist ledigiich die Konnivenz des Staates, welche die Schlangenbrut groß gezogen und duldet. Karin man das Evangelium verantwortlich machen für die Greuel der Inquisition? Paulus den Apostel für die Greuel der Nikolaiten? Die deutsche Reformation für die Greuel des Bauernkrieges? Und was würde Rohling sagen, tvenn man die Greuel der Unzucht und des Mordes, welche unter der Herrschaft Alexanders VI. und seiner Tochter Lueretia florirten, aus den Canones und Deeretaten deducirte?" Diese Worte des großen christlichen Gelehrten, des größten Talmud-Kenners sind die beste Antwort auf jene antisemitische Petition, die hoffentlich in der Commission des Reichstages ihr Grab sindet. Wodurch;eichnen sich die Predigten Dr. Jellinek's aus?*) 1. Durch die musterhafte Anwendung der Agada. Herr Dr. Jellinek war der größte Agadist in unserer Zeit, von welchem wir wie von Jsmael sagen könnten: והכם גדול הוא ובקי באגדית Er hat so viele Midraschim, welche so lange verborgen waren, endeckt, und er war auch der erste Prediger, welcher so oft die herrlichen Perlen der Agada verwendete. Seine zahlreichen Reden sind gewürzt und geschmückt mit sinnreichen, und ethischen Agadasprüchen zur Labung des Geistes und Erquickung der Seele. Seine Predigten sind der äußern Form nach, der rhethorischen Regel entsprechend, gelungene Predigten und und) ihrem inneren Inhalt geist- und lehrreiche Deraschoth. Er, der große Meister der Beredtfamkeit, zeigt, wie man das Wort Gottes verkünde, nicht wie jene Darschanim, die mit Sprache und Gedanken verwirrenden Worten Alles, wem! es noch so parodox ist, in der Bibel einlegen und auslegen; welche Sätze auf Sätze babylonisch thurinartig aufeinander häufen und deren Vortrüge au Spitzfindigkeiten und Verdrehungen der Gottesworte strotzen; aber auch nicht wie jene Prediger, welche christlichen Predigern nachahmen, die in ihren Borträgen mehr Worte als Inhalt, mehr Bilder als Gedanken, mehr Feuer als Brennstoff haben. Solche Predigten sind nichts anders als ein Wortschwall von leeren Phrasen, sie sind nicht durchweht von jüdischem Geiste und es liegt nicht in ihnen die richtige und vernünftige Auffassung der jüdischen Idee. Da trat Herr Dr. Jellinek auf, welcher in prophetischem Geiste und im Style der alten Agadisten die Geistesfunken der Derascha mit den Eigenthümlichkeiten der Predigt harmonisch verband, seine Worte waren wie das Manila, diese Himmelskost, die die Alten wie die Jlingen geistig nährte, weil der Jude nicht wie der Christ sagt: wie hat er gepredigt, sondern was. hat er gepredigt. 2. Durch den jüdischen Esprit. Wenn es heißt: Willst Du den Dichter verstehen, so musst Tu in das Land der Dichtung gehen, so muß es aus heißen: Willst Du das Volk kennen, so musst Du in das Land des Volkes gehen. Man muß sich mit seinen Eigenthümlichkeiten, Eigenschaften und Gewöhnheiten, Sittel! und Gebräuchen bekannt machen, man muß des Volkes Licht- und Schattenseiten kennen, man nurß lvissen, wodurch sie an- und aufgeregt werden, und es gibt keinen Prediger, welcher den Inden in allen seinen Nuancen besser kannte, als ׳ ־*)entnommen aus meiner Broschüre ״Dibre Kohelct" zum 70-jähr. Jubiläum des verewigten Dr. Jellinek, die ich hier reproduzire, weil es heißt: Das Andenken des Frommen ist zum Segen.

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