Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453311--3953-3458363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 7. Lager sehr ungehalten, wenn wir diese Hochschätzung unserer Ansichten von Seiten Anderer vermissen. Mn, was bei den Protestanten die dogmatischen Anschauungen sind, das sind bei den Juden die Ritualvorschristen. Und wer da weiß, wie sie zu Stande gekommen sind, der mag dieselben zwar von seinem eigenen Standpunkte aus verwerfen, er hat aber nicht das Recht, die Juden darüber anzusehen oder sie in der Ausübung ihrer Gebräuche gar hindern zu wollen. Am wenigsten darf das ein Mann, der da fromm und frei sein will. Wer eine eigene Ueberzeugung besitzt und festhält, muß auch die des andern zu würdigen und zu achten suchen. Was nun speciell das Schächten betrifft, so ist dasselbe nicht etwa erst eine Erstndung des späteren Judenthums. Zwar käme darauf so sehr viel nicht an. Der religiöse Mensch fragt nicht sowohl nach dem Ursprung der religiösen Vorstellung als nach deren Bestand; und auch im Christenthum haben wir bezüglich der Lehre wie auch des Cultus eine Menge Dinge, welche erst später entstanden sind und dennoch hoch gehalten werden. Aber das Schächten beruht in der That auf allbiblischer Vorstellung. Die Männer des Alten Testaments sahen nämlich die Seele des Thieres im Blut, und darum sollte nicht mit dem Thierleib auch dessen Seele genossen werden. Es sollte für eine möglichst entschiedene Ausblutung gesorgt werden. Diese Ansicht aber, dass die Seele des Thieres im Blute sei, wurde ursprünglich von dem Christenthum getheilt, und als auf dem sogenannten Apostelconveut zu Jerusalem im Jahre 50 entschieden wurde, dass die Proselyte» aus dem Heidenthun: nicht erst durch das Judenthum hindurchgehen müssten, wurde doch unter den 4 Punkten des jüdischen Gesetzes, welche auch für sie verbindlich sein sollten, die Enthaltung von Blut und vom Erstickten aufrecht gchalten. Diese Bestimmung wurde, streng genommen, nie aufgehoben. Sie bildete einen der hauptsächlichsten Differenzpunkte in. den Streitigkeiten der abendländischen und der morgenländischen Kirche, ja, der Gedanke, dass die Seele des lebenden Wesens im Blute wohne, bildete sogar einen Hauptstützpunkt in der Bildung des Dogmas von der Erbsünde. Und es giebt heute noch protestanüsche Dogmatiker von hoher Bildung und Frömmigkeit, sogar hier in Frankfurt, welche diese Ansicht nicht etwa für eine antiquarische Kuriosität halten, sie allen Ernstes zum Ausbau ihrer Gedankenwelt benutzen. Also alles in allem: Die Ansicht von dem religiösen Werth des Schächtens ist eine wenigstens subjekttv sehr wohl begründete. Und wir müssen es vollauf begreiflich finden, dass mit dem Schächtverbot die religiöse Ueberzeugung eines großen Theils unserer Staatsangehörigen und gerade der Frömmsten unter ihnen auf's empfindlichste berührt würde. Bei diesem Sachverhalt sollten sich doch gerade die liberalen Christen schwer hüten, gesetzgeberische Maßregeln zu verlangen, welche im Grund, der Hauptsache nach, doch nur dem Judenhass entstammen und auf künstliche Weise zu Förderungen der Humanität gestempelt worden sind." __ Kleine Chronik. Wien. Donnerstag, den 22. v. M. fand im türk.-sephard. Tempel, anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Sultan Abdul Hamid II, ein Festgottesdienst statt, an welchem der türkische Botschafter, Sr. Excellenz Zia Pascha, mit dem gesammten Bötschaftspersonale in officieller Weise theilnahn:. . Von anderen anwesenden Honoratioren seien noch genannt: Herrenhausmitglied Nicolaus D u m b a, Bezirksleiter Regierungsrach Wächter, Consul Thalberg, Herr Leon, Gemeinderach Tagleicht, Cultusvorsteher Hieldburghäußer, Tempel-Obmann Mises, Herr Horner, Banquier Hildesh eim er 2c. Unter den Klängen eines stimmungsvollen Präludiums wurde die Botschaft vom Vorstande in den Tempel geleitet und hierauf von Obercantor Bauer ein Ma־towu angestimmt. Die Composition, gleichwie die Festhymne Psalm 21 ein gelungenes Werk des Chordirigenten I. Löwit, gelangte bei dieser Gelegenheit zur ersten Aufführung und war sowohl in den Soli als Chorstellen von brillanter Wirkung, nur däucht uns, dass am Schluffe der Chorsatz etwas mehr vor dem Sologesang zurücktreten sollte. Nach der Rede des Rabbiners M. Pap o öffneten Herr Präses- Stellvertreter Licco Ad utt und Herr Vorsteher R. Mazliach die Bundeslade, worauf von Obercantor Bauer das Gebet für den Sultan in ebenso erhebender als wirkungsvoller Weise recitirt wurde. Die Absingung der Sultan-Hymne beschloss dann die schöne Feier. Nach dem Gottesdienste waren der Präses Marcus M. Russo, der Vicepräses Licco Adutt und der Vorsteher R. Mazliach beim Botschafter zum Dejeuuer geladen. ׳Prag. Die israeliüsche Cultusgemeinde-Repräsentanz in Prag hat in ihrer Sitzung vom 25. v. M. einstimmig beschloffen, das im Jahre 1898 bevorstehende 50-jährige Regierungs- Jubiläum Sr. Majestät des Kaisers festlich zu begehen, und zu diesem Behufe eine Commission mit dem Aufträge eingesetzt, sämmtliche israeliüsche Cultusgemeinden Böhmens zur Theilnahme an einer gemeinsamen loyalen Kundgebung einzuladen und den hochherzigen Intentionen Sr. Majestät entsprechend über aus diesem Anlässe in's Leben zu rufende Wohlthäügkeitsacte zu berathen. Freudenthal. Mittwoch, den 21. Februar ist unser beliebter Cantor und Lehrer, Herr Abraham Krämer, nach längerem Leiden im 73. Lebensjahre gestorben. Die Leiche wird Freitag nach Jägerndorf überführt und daselbst zur ewigen Ruhe bestattet.werden. Herr Krämer hinterlässt in seiner׳ Gemeinde ein ehrendes Angedenken. ת'ב'צ'ב׳ ה Pilsen. Der Pianist Herr Roderich Baß aus Wien, ein Schüler Robert Fischhof's und Sohn unseres Lehrers Herrn Josef Baß, veranstaltete am 17. Februar im hiesigen deutschen Schauspielhause unter Mitwirkung, der vollständigen Kapelle des k. k. Inf. Reg. Wilhelm Herzog von Würtemberg Nr. 73 ein Concert, wobei er glänzende Erfolge erntete. Das - Theater war sehr gut besucht. Die Zuhörer schwelgten förmlich in Begeisterung und Bewundemng über die Leistung des Künstlers. Sein Spiel ist ausgezeichnet durch Wohllaut des Tones, geschmückt durch eine hohe Technik, verklärt durch eine ideale Auffassung des musikalischen Gedankens, Fülle und Kraft mit weiser Mäßigung und würdevollem Ernst, Herzensinnigkeit und Wärme in entzückender Harmonie mit einander vereint. Viele Hervorrufe, Beifallsstürme und Zugaben begleiteten dieses Concert. Eine anmuthige Composiüon des Concertgebers selbst, eine durch Innigkeit und Wärme des Gefühls entsprechende Tondichtung fand besondere Anerkennung. Die Militärcapelle unter Leitung ihres trefflichen Capellmeisters unterstützte Herrn Baß auf das Beste. MariLNbad. Bei der am 4. v. M. abgehaltenen Generalversammlung der israeliüfchen Cultusgemeinde in Marienbad wurde der bisherige Cantor und Religionslehrer Herr Moritz Schimetschek mit Rücksicht auf seine schwankende Gesundheit aller cantoralen Funcüonen, die er bis 1. Mai d. I. zu versehen gehabt hätte, enthoben, damit derselbe sich nach vollendeter Cur genügend schonen könne. Auf die Stelle eines zweiten Cantors, die Herrn Schimetschek vom 1. Mai ab zugedacht war, hat derselbe aus Gesundheitsrücksichten fteiwillig verzichtet, so dass Herr Schimetschek aus dem Beamtenstande der hiesigen Cultusgemeinde scheidet. Als Cantor wurde, wie bereits gemeldet, Herr Schlesinger, ein Schüler des Ober-Cantor Bauer in Wien, berufen, welcher sein Amt Anfangs März antreten wird. Bass. Die am 20. d. M. (Klein-Purim) veranstaltete Mandl-Feier hatte folgenden Verlauf: Um V27 Uhr Abends war der große, festlich dekorirte Saal im Hotel ״Central" von Freunden und Gönnern des Jubilars gefüllt, eine Versammlung von über 250 Personen. Ueber Antrag des Herrn Rabbiners Dr. Adler wurde der Jubilar durch eine Deputation, bestehend