Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453311--3950-3458360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. auf die verschieden gearteten Hörer auch einen verschiedenartigen Eindruck, und somit eine heillose Verwirrung in der Beurtheilung Hervorbringen. Es dürfen daher als Gradmesser für eine solche Beurtheilung nicht individuell zu deutende Klänge (Melodie), sondern vielmehr nur allgemein giltige Normen aufgestellt werden, und die bedeutungsvollste dieser Normen ist die Intervallenfolge. Diese Gemeinsamkeit, nämlich die Gemeinschaft gleicher Jntervallenfolgen. dürste wohl von keinem Historiker bestritten werden, weil dieselbe zu eclatant auftritt auch und im vorliegenden Lachmann'schen Werke auf jeder Seite zu ersehen ist. Es berührt daher etwas unangenehm, dass Herr Lachmann gelegentlich seines Adonoj naolooll-Recitativ Nr. 207, sowie des Waje־ ellnln-Recitativs 226 eine Aufstellung der betreffenden Skalen unterlässt, welches Geschehnis — nach seiner Ausdrucksweise — wesentlich zur Klärung des traditionellen Gesangstyles beigetragen hätte. Wir erklärten seinerzeit, dass wir diesen beiden Steigerskalen keinen besonderen Werth beilegen, weil ihre Nutzanwendung eine beinahe verschwindende ist; immerhin bleibt jedoch die von uns aufgestellte und im vorliegenden Werke ungeschmälert zur Anwendung gelangte Adonoj moIooll-Steigerskala (auf der D-Basis, D. E. Fis. Gr. A. H. C. D.) für die stylgerechte Behandlung des Freitag-Abendgebetes von umfassender Bedeutung. Auch hier befindet sich der geehrte Herausgeber in einer unerquicklichen Situatwn. Das Tonstiick 207 erscheint nämlich mit zwei Kreuzen bezeichnet und dennoch werden sämmtliche Fis und Cis auf F. C. erniedrigt; wozu also diese D dnr-Signatur, wenn man nicht -in der Lage ist, das vorgezeichnete Gesetz befolgen zu können? Unsere Skala für Adonoj moloch. bewegt sich, in der reinen Dur-Tonart bis zur 6—7 Stufe, wo wir einen Halbton als wesentliches Merkmal des Adonoj molooü- Steiger aufstellen. Diese unsere Aufstellung erscheint auch in sämmtlichen Nummern des Freitag-Ma'riw-Gebetes, in 207, 208, 209, 210, 211, 212 und 213 des Lachmann'schen Werkes vollinhaltlich bestätigt. Dass der Autor im Adonoj moloch ein einziges Mal, und zwar bei der Stelle adonoj 1601-6611 jomim, in wirklich klangunschöner Weise ausdrücklich ein Cis verzeichnet, will uns nicht einleuchten; ebensowenig erfassen wir, weshalb im Malclms’clio 212 mit einem Male die Tonart wechselt. Bliebe der Autor in der ursprünglichen Tonart, so wäre er durchaus nicht veranlasst, ein leiterstemdes Intervall (Dis) unvermittelt austreten zu lassen, und das ganze Tonstück hätte wesentlich an Ruhe und Lieblichkeit gewonnen. Abgesehen jedoch von diesen bezeichneten exotischen Vorkommnißen, wahrt der Autor den Character des Traditionellen, zwar nicht überall durch die Melodie, sondern, was-mehr bedeutet, durch zumeist sestgehaltene Jntervallenfolgen, wofür wir ihm unsere Anerkennung ausdrücken. Den N0A6L owaus (waj’dmluh.)־©tetget betreffend, (Nr. 226—27 28), ist es ja sattsam bekannt, dass die dieser Gesangsgattung zu Grunde liegende Skala der aeolischen Tonleiter gleicht, und der Verfasser würdigt diese Tonfolge bis auf einige verschwindende Vorkommniße vollinhaltlich und erreicht mit seinen Aufzeichnungen trefflich den beabsichtigten Zweck. Die diesbezüglichen Ausschreibungen sind leicht fasslich, die melismatischen Ausschmückungen _ sehr characteristisch und leicht ausführbar, und der Text, wie wir eswon einem bedeutenden und denkenden Fachgenossen nicht anders erwarten konnten, überall streng grammatikalisch gegliedert und dem Inhalte gemäß gesondert, so dass man diesen Theil, den Freitag-Abendgottesdienst, wenn einzelne kleine AbäniMimgen vorgenommen werden, als unverfälschte Auszeichnungen unseres altehrwürdigen Traditionsgesanges anerkennen muß und denselben ohne Vorbehalt jedem Cantoratscandidaten als trefflichen Leitfaden für seine Studien empfehlen kann. (Fortsetzung folgt.) ״Gedenket der Tage der Vorzeit erwäget die Aenderung der Zeitalter". V. B. M. 32. 7. XXXVIII. Sehr geehrter Herr R e d a c t e u r! Ob Sie beim Anblick des Gegenwärtigen, anspielend ans Vater Jacob, ausrufen werden: ״Es ist viel, noch lebt mein alter Correspondent vom Niesengebirge!" möchte ich wahrlich nicht bezweifeln; denn Nr. 26, Jahrg. 10 Ihres geschützten Organes vom 1. October 1890 bringt meine 37. Correspondenz über vorstehendes Thema. Das ist entschieden selbst für Ihren 80-jährigen Correspondenten v. R. G., der mit für sein Atter gewiss zu anstrengenden Riesenschritten die traurige Geschichte Israels durchwatete, viel zu langwierig, und mit Recht darf er weder Ihrerseits noch seitens der geehrten Leser auf Nachsicht rechnen. Jndess hienieden hat Alles zwei Seiten, mithin auch meine, wie es oberflächlich scheint, unverantwortliche, mehr als dreijährige Geschichtspause. Von den mannigfachen Entschuldigungen, die mir zu Gebote stehen, erwähne ich aus Rücksicht geneigter Leser nur folgende. Es gieng mir wie Rabbi Simeon oder Nechemja dem Amßoni, von dem im Talm. Psachim 22, mitgetheilt wird, der erläuterte alle Accusative אתין der Torah, bis er zum Verse עת ה" אלוהיך תירה V. B. M. 10. 20. gelangte. Hier machte sein Forscherstreben aus bekannten Gründen Halt. Meine Wenigkeit durchstreifte in 37 Correspoudenzen unsere schrecklich triibe Geschichte skizzenhaft — und wie Sie mich sehr geehrter Herr Redacteur. mehrfach versicherten, zur Zufriedenheit Ihrer sehr geehrten Leser — bis auf die fast noch! trübere, weil unerwartete Gegenwart. Warum ich hier plötzlich und für so lange Zeit Halt machte? Nun, das will und werde ich begründen. Zunächst auf talmndische Weise: ״Alle Schäden, nur nicht die eigenen schaut der Mensch", (Ngaim 11. 2.) כל נגעים הוץ מנגעי עצמו אדם רואה. Gewiss eine sehr logische Wahrheit. Unsere Eigenliebe blendet uns, verwirrt unser geistiges Auge, beschönigt und entschuldigt die tadelswerthen Gebrechet! der Gegenwart, macht fast ein unparteisches Urtheil unmöglich. Unbefangen hingegen gestaltet sich unser Urtheil beim Ein- und Rückblick in und auf die Vergangenheit. Kühl bis an's Herz stehen wir dieser gegenüber, und wir fällen unser Urtheil ungetrübt, je nach dem Maße der uns gewährten geistigen Begabung. Zur Beurtheilung der Gegenwart gehört aber auch entschieden ein gewisses Maß von Muth und Kühnheit, denn leicht kann man hier in ein Wespennest greisen und vom giftigen Geschmeiß arg zugerichtet werden. Mit einem Worte es gehört ,hierzu eine Kampfeslust, die selten einem 80-jährigen Correspondenten eigen ist. Schließlich erübrigt die Schilderung der Gegenwart thatsächlich, weil diese für denkende Zeitgenossen entbehrlich ist und für nicht denkende — erst recht. Wer überhaupt meine subjective Ansicht über jüdische Journalistik, die ich, wenn ich nicht irre, bereits vor Jahren in den ersten Correspondenzartikeln a. d. Riesengebirge ״Über Judenthum und Judenheit" in diesem geschützten Organ entwickelt habe, theilt — und zwar dass dieselbe weder dem Redacteur noch