Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Seite 2. Gesterreichisch-nngarische Lantoren-Zeitung. des babylonischen Thurmbanes zu thun hätten, hat sich dann seit uralten Zeiten von Kindern und Kindeskindern bis auf uns fortgepflanzt, wobei später auch die Schulen ihren redlichen Theil mitgeholfen haben, und wodurch wir nun zu diesem schmählichen Jargon innerhalb unserer so erhabenen, hebräischen Sprache gekommen sind. Wir werden noch bei Gelegenheit der Abhandlung über ״Prosodie" Veranlassung haben, über diesen unerquicklichen Gegenstand ein Mehreres zu sprechen. Und was, glaubt man wohl, hat unsere, uns dem Gelächter der übrigen Völker preisgebende Ungezwungenheit und Zügellosigkeit in der Synagoge verschuldet? Was anderes sonst, als wieder die Sucht nach dem vielen und dem daraus resultirenden schnellen Beten. Denn trotz allen Strebens, mit dem Gebete so schnell wie möglich von statten zu kommen, gibt es doch noch Leute in jeder Gemeinde, die mit den Schnellläufern nicht gleichen Schritt halten können, oder auch solche, die dadurch chre exklusive Frömmigkeit bekunden wollen, dass sie absichtlich zurückbleiben. Der Raw und der Chasan sind dann gezwungen, auf diese freiwilligen oder unfreiwilligen Nachzügler klüglich Rücksicht zu nehmen: Der erstere namentlich damit, dass er seinen ״LemaaiL jirbu1‘ und die ״Seliemauno essre“ bis ins Unendliche ausdehnt, und der letztere, dass er auf diesen geduldig warten muß. Hier finden diejenigen, die mit ihrem Thell schon längst fertig geworden sind und nun unthätig warten müssen, die beste Gelegenheit, sich zu unterhalten, sich gegenseitig zu necken und zu bespötteln, und zu diesen gesellen sich wieder auch solche, die überhaupt nicht beten und nur in die Synagoge kommen, um den Schwätzern Sukkurs zu leisten und, wo es nur angeht, eine Störung zu veranlassen und Allotria zu treiben. Alle diesbezüglichen Reformbestrebungen wollten wohl diesem Unfug entgegensteuern und abhelfen; allein, weil sie die Wurzel des Schadens nicht auffinden können und blindlings darauf loskuriren, haben sich die angewandten Heilmittel als verfehlt und noch schädlicher erwiesen, als das Uebel selbst. Das in Brandung gerochene, steuerlose Schifflein ist mit noch schwererem und nutzloserem Ballast beladen worden, wodurch das schwache Fahrzeug noch mehr zum Sinken gebracht wurde. Da sieht man, wo man hingeräth und in welche Extreme man verfällt, wenn inan die geraden, genau vorgezeichneten Bahnen unserer weisen Lehre und Wissenschaft verlässt und eigene Pfade des Unwissens, oder gar des Aberglaubens einschlägt. Wer wird es leugnen, dass das Gebet ein wichtiger Factor des Judenthums und mit seinen Grundprinzipien vollständig vereinbarlich ist? Ist es doch schon deshalb so werth und theuer, da es das einzige wirksame Bindemittel zwischen den einzelnen, sich sonst selbst überlassenen Gliedern der Gemeinde und dem ganzen in alle Winde zerstreuten Volke, wie es auch jetzt die einzige Pflegestätte unserer gänzlich verlassenen hebräischen Sprache ist. Allein, dieses Gewicht und diese Bedeutung behält das Gebet nur dann, wenn es sich tu vernünftigen Bahnen bewegt und, wie es nur ideal gedacht werden kann, auch ideale Ziele verfolgt; es muß wohl mit den edlen Grundsätzen der Religion in Einklang stehen, die Religion selbst aber repräsentirt es noch lange nicht. Viel weniger aber noch, wenn man glaubt, mit dem bloßen Lippenwerke schon alles gethan und allen Erfordernden der Frömnngkeit und Gottgefälligkeit vollkommen Genüge geleistet zu haben. Wie verständlich und weise zeigt sich nun in dieser Voraussetzung der scheinbar ein wenig räthselhaste Ausspruch unserer Weisen, welcher lautet: ״הלואי אותי עזבו ותורתי שמרו״. Man glaubt, Gott damit sich gefällig zu zeigen, wenn man Gebet auf Gebet häuft und Alles nur Gott zu Liebe thut, wofür auch er sich erkenntlich zeigen soll. ״O, wenn Sie mich nur außer Acht ließen", spricht Gott, ״und lieber meine Thora beobachteten", dann würden Sie nicht um schnöden Gewinn Frömmigkeit üben und auch wissen, was und wie sie etwas thun. (Fortsetzung folgt.) Awodas Iisroel. Der israelitische Gottesdienst (Manuscript 404 S.) von I. Lach mannn. Besprochen von Obercantor Singer, Wien. (Fortsetzung.) Ein historisirender jüdischer Cantor stellt gelegentlich einer Aufzählung ״Jüdischer Musiker am Hofe von Mantua" nachfolgende subjective Anschauung hin: ״Um hier vorerst von der religiösen Musik zu reden, weiß man zwar, dass der Jude seine eigene Kirchenmusik, seine Synagogenmusik, hat -was der erwägende Kenner beim A n h ö r e n solcher Musik leicht herausfinden wird und der Historiker ohnehin weiß-" Und an zweiter Stelle: ״Man würde sonst dergeblich nach einer Ursache für die Erscheinung suchen, dass je nachdem die Juden Orientalen, Deutsche, Italiener, Provencalen oder Spaniolen sind, sie keine einzige ״Melodie" gemeinsam haben*) rc." Diese beiden Kundgebungen, wie so viele andere in dem angeführten Aufsatze enthaltenen ״wissenschaftlichen^ Principe verdienen vor das Forum der Oeffentlichkeit gestellt zu werden, weil dieselben eine absonderliche Andeutung geben, in welcher Weise man an der Hand der ״W i s s e n s ch a s t" nach unverfälschten jüdisch-musikalischen Alterthümern zu forschen habe. Doch müssen wir uns diese erquickenden Studien für diesmal versagen und nur die beiden oben angeführten Sätze, als für unsere Besprechung wichtig, etwas näher beleuchten. Der Laie hört und der Historiker weiß es demnach, dass der Jude seine eigene S y n a g o g e n m u s i k hat, und dennoch besitzen die orientalischen, deutschen, italienischen, provencalischen und spaniolischen Juden nicht eine einzige gemeinsame ״Melodie", welcher Umstand demnach folgerichtig eine Gemeinsamkeit des Synagogengesanges ausschließt. Zuförderst dürfte es unserm Herrn Historiker etwas unbequem erscheinen, bezüglich der ״einzigen gemeinsamen Melodie" auf feinem Schein bestehen zu wollen, allein selbst bei einem etwaigen Zugeständniße dieser fraglichen Annahme will es uns nicht einleuchten, dass die Feststellung einer gemeinsamen Musikgattung auch wenigstens eine gemeinsame Melodie bedingt; uns will es vielmehr bedünken, dass der Beurtheiler einer antiken Musikschöpfung sogar auf die melodische Einwirkung verzichten muß, wenn er den: Gegenstände gegenüber seine Un* befangenheit bewahren will. Die rein klangliche oder ästhetische Wirkung, die ein Musikstück auf die Zuhörer ausübt, wird — wir glauben dies unangefochten behaupten zu dürfen — *) Also einmal findet der erwägende Kenner beim Anhören sehr leicht und der Historitcr-weiß es ohnehin, dass der Jude seine eigene Synagogenmusik hat; das andere Mal soll das Nicht- Vorhandensein einer einzigen gemeinsamen Melodie den Beweis erbringen, dass das bescheidene Musikwesen der Juden in der Diaspora sich getrennt entwickelt habe.