Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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£ Oesterreichisch-ungarische Ganioren - Zeitung. Gentral-Organ für die Interessen der Tsntvren und Cullusbeklmten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor iavob Bauer. Rrdartion und Administration Wien II., Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt.! Ndvnnemrntsu. Insrrtions. | brlräge stnd irr NSirrr!atzibar- Pränunlerations-Prcis. FürC«r»tvrrn u.Cnltnsberrrnte in Vrsterreirh-Ungartt Ganzjährig.fl. 4.— Halbjäbrig ....'. fl. 2.— FürCantorrn u.Cultnsbenmte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Private «nd Institute Ganzjährig.fl 6.— Nr. 7. Wien» 1. Mär; 1894. 14. Jahrgang. Der jüdische Gottesdienst. IV. Bevor wir zur Beantwortung der Frage schreiten, welches das richtige Maß ist, das beim Beten eingehalten werden müsste, um nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu beten, müssen wir das frühere Thema noch weiter ausführen und vorerst zeigen,- wie der Hang nach übermäßigem Beten die Quelle aller Uebel und 'Schäden ist, an denen unser öffentliches Gebet und unser Synagogenwesen so vielfältig leidet. Das größte der Uebel, das sich naturgemäß׳ daraus entwickelt und wieder für sich eilten ganzen Herd weiterer Ungebührlichkelten bildet, ist die fürchterliche Hast und Eile, die wir beim Gebete in unsinnigster Weise , üben, wobei noch ein Jeder mit einem gewissen Stolz auf seine diesbezügliche Kunstfertigkeit blickt. Dieses Jagen und Treiben entspringt eben keiner anderen trüben Quelle, als nur derjenigen des Vielbetens. Denn, wenn nian so ungeheuer viel zu sagen hat — und man soll doch von Allem, was Schwarz auf Weiß gedruckt steht, Frömmigkeits halber nichts auslassen und nichts mindern — so muß nothgedrungen die hierzu mangelnde Zeit durch dampfmäßiges Schnellsagen eingeholt und ersetzt werden. Man sagt zwar: טרחה דעבורא die Gemeinde langweilt sich beim übermäßigen Gottesdienste und es ist ihr lästig, so lange in der Synagoge stehen zu müssen; allein, warum thut sie das, und wenn es ihr mit dem Gebete wirklich ernst ist, warum fällt es ihr gar so schwer, bis zur ordnungsmäßigen und and achtsvollen Beendigung desselben auszuharren? Man sieht also, bei dieser Gestaltung und. Anwendung des Gebetes beruht alles auf Förmlichkeit und bloßen Mechanismus, dem ein innerer Drang, ein wirkliches Bedürfnis vollkommen fremd ist. Eine weitere Consequenz der Vielbeterei ist die, dass man weniger darauf schaut, wie man sagt, als lediglich was man sagt. Von sprachlichem Verständnis und sachlicher Kenntnis der Gebete — so viel wenigstens, um die einzelnen Sätze anseinanderhalten und die Worte richtig aussprechen zu können — kann keine Rede mehr sein. Und ists denn gar so: nothwendig? Wozu? Zum Gebote der echten Frömmigkeit gehört das einmal nicht. Denn wenn man seine Pflicht gethan und Alles gesagt hat, wie sich's gebührt, ist dies vollkommen genügend. Wozu also sich umsonst abplagen und die Gebete noch sprachlich und sachlich verstehen lernen? Und ist es überhaupt fiir gewöhnlich gar möglich, alle vorgeschriebenen Gebete zu erlernen und zu begreifen? Da müsste man ja ein ganzer Gelehrter sein! Wir wundern uns jetzt, wie es kommen konnte, dass unsere schöne, reine und so wohllautende hebräische Sprache so sehr in Verfall gerathen konnte, dass jetzt selten Einer die täglichen Gebete grammatikalisch leidlich richtig-spricht? Es ist eine wahre Schmach und das gesunde ästhetische Gefühl tief beleidigend, wie diese wohlklingenden Worte so verdreht und grundverdorben aus dem Munde des Beters herauskommen; und die Unwissenden und Kenntnislosen sind noch nicht gerade die schlimmsten darin, wir finden häufig sogar solche, die sonst als ״Wohllerner" gelten und das Hebräische nicht minder schlecht, wenn nicht noch schlechter aussprechen. Das kommt aber vom vielen und dem damit verbundenen schnellen Beten her. Alle Sinne und Gedanken werden nur darauf gerichtet, wie mit dem Gebete am schnellsten fertig zu werden ist, um nicht hinter den Andern zurückzubleiben. Denn von Rechtswegen soll man ..K6ch18ch011 und Borchu" mit ״Minjan" sagen und länger, als die Andern in ״Schul" bleiben, will man doch auch nicht; drum nur darauf los und dem Munde Mi die Zügel schießen lassen. Auch wäre es keine geringe Schande, wenn man nicht das zu Stande brächte, was Anderen möglich ist, man würde darob ausgelacht und verspottet, oder gar als ״Amhorez" verschrieen; und desha lb beeilt sich Jeder, dem Andern womöglich zuvorzukormnen, um ihn dann als ״Schlemiel" verspotten zu können, der gar nicht fertig wird und nichts von sich bringen kann. Bei solch' allgemeiner Treibjagd kann freilich die sprachliche und grammatikalische Seite der Gebete wenig oder gar keine Beachtung finden, denn je linkischer und verschwommener die Artikulation vor sich geht, desto eher kommt man vom Fleck unb■ desto geschwinder wird man fertig. Und so kam es denn, dass das ״U־‘ mit ״J‘, das 0״“ mit ״E“, das ,.Sehwo quiescens“ mit ״Sehwo mobile1, das ״Sehwo simplex“ mit ״Sehwo compositum'*‘ vertauscht und verwechselt wurden, geschweige denn, dass da die richtige Accentuirung der Worte irgend zu ihrem Rechte kommen konnte. Diese Unklarheit und dieses Durcheinander im Lesen, als ob wir es mit einer Sprache