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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-02-23 · Heft 6 (23.2.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 6 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 6. verfolgt und lebenssatt ist? Es fehlt uns noch ein gut und schön geschriebenes Werk über die Physische und moralische Natur des Schlafes und seinen Einfluss auf Körper, Geist und Leidenschäften. Der Schlaf ist nicht das rechte Bild des Todes, wenn der Tod ein Erwachen zu einem höheren Leben ist, kein Herabsinken des thierischen Lebens in das Pflanzenleben, denn er hat so gut psychische als physische Ursachen. Der Schlaf ist nur eine aufgehobene Gemeinschaft der Seele mit der äußern Natur. Die Seele wacht, und wenn sie sich mit der Bilderwelt der Phantasie beschäftigt, so träumen wir. Der Schlaf ist das einzige Geschenk Gottes, das wir ohne Arbeit erhalten, mit Arbeit aber dreifach versüßen. Der Schlaf ist das stärkste Ausruhen, nicht blos des Körpers, sondern auch unseres Denkorganes, daher langentbehrter Schlas Wahnsinn erzeugt. Mchtdenker schlafen daher am bester!. Die ermatteten Muskeln des gemeinen Arbeiters bedürfen zwar Ruhe, da dieser aber weniger denkt und empfindet, so wird er durch Wachen auch weniger angegriffen, als die feinere Welt, die Denk-Phantasie- und Nervenkraft weit mehr in Bewegung setzt, daher das lange Schlafen der Vornehmen und der Damen- Welt. Die Nacht deckt die Erde, um uns den Himmel oder die Hölle zu öffnen, ihr Schweigen ist die Freundin der Betrachtung, und sie verbreitet mehr Glückseligkeit über die Sterblichen, als der Tag. Leidenschaften und Arbeit ruhen, der Liebende und Unglückliche verschlummert seinen Jarnmer und der Glückliche ist doppelt glücklich im Traum. Das Bett ist zwar eine Säugeamme vieler Krankheiten, aber sind wir nicht auch wieder anr glücklichsten im Bette? Der zweite Schlaf, als ein Posffcriptum, das Männer den Weibern überlassen sollten, die Siesta, an die wir uns in unserem Klima höchstens im Alter, oder auch in den sogenannten Hmrdstagen gewöhnen sollen, jedoch nicht über eine halbe Stunde für Kopfarbeiter, damit sie nicht vor der Verdauung gleich wieder über ihre Arbeit herfaüen, ist sie gewiss so gut, als das Essen in zwei Theile getheilt für den Magen. Schlaflosigkeit ist ein großes Unglück, Schlafsucht aber ein noch größeres. Der Bär ist einer der größten Schläfer, wird aber nicht alt, und so auch der Schläfer, wenn er auch lange lebt, doch viel verschläft, da wir doch im Grabe lange genug schlafen können. Man hat bemerkt, dass Frühaufsteher alt werden, folglich schlafen sie dennoch länger, als die Langschläfer Die Stille der Nacht belebt unsere Einbildungskraft, ihre Spiele scheinen uns bedeutender bei dem Nachlass unserer erschöpften Kräfte, und so ist frühes Niederlegen eine wahre Disciplin der schwärmenden Phantasie. Von ״Morgenstund hat Gold im Mund" braucht die höhere Welt nicht zu wissen, sie hat ja auch ohne Morgenstunde Gold, die jedoch sehr verschieden sind von Mendelssohns Morgenstunden. Ich lade dich, des Todes Bruder, ein, Geliebter Schlaf, komm über mir zu schweben! Süß ist es, so zu leben, ohne Leben, Süß ohne Tod, todt zu sein! V. Die Geschichte des Traumes. Dem festen Schlaf des gesunden Menschen fehlt jeder Traum. Erst nachdem der Körper seine Kräfte durch den Schlummer ersetzt hat, und wieder ein taugliches Werkzeug der Seele geworden, gebraucht diese wieder ihre Gewalt. Erst wird das Gedächtnis und die Einbildungskraft laut, dann entwickeln sich die verworrenen Erinnerungen unter allerlei Gestalten, Dinge, welche auf unser Gemüth irgend einmal einen tiefen Eindruck gemacht haben, erscheinen am Leichtesten. Daher beschäftigen sich die Träume bejahrter Personen oft mehr mit Gegenden und Personen ihrer früheren Jahre, als mit solchen, die sie im späteren Alter kennen lernten, weil die Eindrücke anr tiefsten zu sein pflegen, die wir in zarter Jugend empfangen haben. Aber der Verstand und die Kraft zu urtheilen, ist am Anfang des Traumes noch schwach, ein Bild der Phantasie erinnert an das andere. So gehen wir mit Fremden und Bekannten im Traume um und mit Todten, als wären sie noch am Leben. Je tiefer der Schlaf wird, desto mächtiger wird die urtheilende Kraft der Seele. Zuletzt erstaunen wir im Traume selbst über dessen Widersprüche, erstaunen, dass wir Gestorbene wieder leben sehen. Endlich entdecken wir sogar irn Traume, dass wir nur träumen. Dieses ist der Ursprung, dieses ist die Geschichte des Traumes. Wie kann es einem vernünftigen, das heißt, vorurtheilslosen Menschen einfallen, dass die Seele durch bloße Gaukeleien ihrer rege werdenden Einbildungskraft Heller sehe, als wenn sie in ihrer vollen Thätigkeit mit allen ihren vereinten Kräften wirken kann? Hätte sie aber ein Vermögen, die künftigen Dinge im Traume vorauszusehen, so würde Gott, der uns die Zukunft mit weiser Hand verhüllt, mit sich selbst im Widerspruche sein. Hätte die Seele dieses Ahnungsvermögen, so würde es Gott nicht vorzugsweise einzelnen Menschen, sondern allen verliehen haben, so wie er Allen die gleichen Kräfte, wenn auch in verschiedenem Maaße, ertheilt hat. Aber unter Tausenden ist kaum Einer, der dieses Ahnungsvermögen zu besitzen sich rühmen kann. Es ist allerdings möglich, dass unter den mannigfaltigen Traumbildern manche Vorkommen, welche mit den Begebenheiten der Tage nachher irgend eine zufällige Verwandtschaft und Aehnlichkeit haben, auch mag dieses in Manchem zum Aberglauben geneigten Menschen die übertriebene Meinung vom wahren Werth eines Tranmes genährt haben. Allein es wäre ungleich auffallender, wenn unter den zahllosen Vorstellungen in einer mit nachherigen Zufällen einer Art von AehnlichkeiWesäße, als wenn sie zuweilen wirklich hat. Indem man aber das seltene und zirfällige, sogenannte Eintreffen des Traumes als Wirklichkeit bemerkt, dagegen hundert andere Träume, nach denen sich doch nichts Aehnliches zugetragen und was damit in Verbindung gebracht werden könnte, vergisst, wird des Menschen eigene Thorheit und Selbsttäuschung Ursache, dass er sich höhere Kraft in Täumereien zuschreibt, als er bei gesunden wachenden Verstände hat. (Fortsetzung folgt.) A. Jesaias Hurwitz. Eine biographische Skizze von Dr. M. H. Fried län der. R. Jesaias Hurwitz (geb. 1570, gest. 1630), Sohn des' sehr gelehrten R. Abraharn Hurwitz, stammte aus einer alten, gelehrten Rabbinerfamilie und zeichnete sich selbst durch immense Gelehrsamkeit aus. Schon in seiner frühesten Jugend schrieb er Anmerkungen zu seines Vaters Werke ״Emek Beracha“. Seiner hohen Geistesgaben, wie seiner rigorosen Frömmigkeit halber wurde Jesaias von den größten, achtbarsten Gemeinden wie Posen, Frankftlrt a. M., Krakau, Wien und Prag zum Rabbiner gewählt. Sein Vater, R. Abraham Hurwitz, Schüler des R. Moses Jsserls, war ein Enkel des R. Sabbatai Hurwitz, Schwiegersohn des im Jahre 1500 in Ofen domicilirenden Nassö Akiba, und hatte sich durch Veröffentlichung

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