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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-02-11 · Heft 5 (11.2.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 5 (11.2.1894)
Date
1894-02-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 5. Seite 4 ׳. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Leben und vom Weltall und die beglückende und veredelnde Kraft der Religion am wirksamsten, aber gleichzeitig auch am einfachsten ׳offenbaren. Dies sind die Psalmen, die ewig musterhaften Schöpfungen der subjectiven religiösen Poesie. Von den Psalmen schreiten wir zu den Propheten, welche, durchdrungen von den religiösen Ideen, als von den durch Gott offenbarten Wahrheiten, für deren Verwirklichung in der Gesellschaft und innerhalb ihrer Institutionen kämpfen. Sie kämpfen in erster Reihe im Judenthume selbst, jedoch mit dem sich immer klarer ausprägenden Bewusstsein, dass ihr Kampf zur Erziehung der ganzen Menschheit dient. Der Schiller durchlebt diese-Kämpfe in seiner Seele, begeistert sich daran, fühlt cs, dass vom Sieg der Propheten die sittliche Hebung der Menschheit abhängt, 1uld dass das Volk Israel dasjenige ist, welches dazu berufen ist, der religiös-sittlichen Entwicklung der Menschheit als Wegweiser voranzngehen. - Die- Lehren der Propheten sind ׳ am geeignetsten, um unseren Schülern das Bewusstsein von der weltgeschichtlichen Mission Israels zu befestigen, zugleich aber auch die Ueberzeugnng, dass wir dieser uns von Gott übertragenen Sendung nur, jo; wahrhaft entsprechen, wenn wir die religiöse Sittlichkeit unter uns selbst zur größten Vollkommenheit entwickeln, zur heiligen -Gemeinde Gottes werden, nach Selbstheiligung streben. Da demnach die richtige Erkenntnis der Grundideen unserer Religion zumeist aus den Propheten geschöpft werden könne und da der. Schüler nur hier die Gesichtspunkte gewinnen kann, von welchen aus er sich über die inmitten des Judenthums epochal austretenden religiösen Richtungen ein richtiges Urtheil wird bilden können und im Stande sein wird, sich in religiösen Fragen zu orientiren; endlich, da wir all' dies nur auf Gümd des Unterrichtes-im Urtext erreichen können, so ist es nothwendig, dass der Mittelschul-Religionsuntecricht sich mit diesem Gegenstände, vermöge seiner heryorragenden Wichtigkeit, wenigstens zwei Jahre hindurch, d. h. in der V. und VI. Classe beschäftige. ' Auszuwählen sind jene prophetischen Capitel, welche dem oben bezeichneten Ziel am besten entsprechen, als Ergänzung derselben sind auch jene Capitel in guter Uebersetzung zu lesen, Auch ein Rothschild. Einer wahren Begebenheit aus den Zwanzigerjahren dieses Jahrhnndertes nacherzählt. ,Von A Stein, Rabbiner u. Cantor, Sobieslau. (Schluss.) Eine Stunde darauf saß der damalige Chef der Firma M A. ». Rothschild und Söhne in seinem Comptoir, öffnete eigenhändig die 'eingelaufenen Briefe und wies sie durch eine kurze Bezeichnung den betreffenden Bediensteten zu. Da erbrach er auch ein Schreiben in jüdisch-deutscher Schrift, er hatte die einfache und unvollständige Adresse nicht beachtet und wollte es eben in ein eigenes Fach werfen, wo bereits unzählige Bettelbriefe ihrer Erledigung harrten, als ihm die schöne Currentschrift auffiel: Er begann zu lesen und seine Neugierde wuchs von Zeile zu Zeile. Das Mitgefühl des edlen Mannes wurde rege durch die einfache und ergreifende Schilderung der grässlichen Noth und des Elendes, das in der Familie des armen Lehrers in Dingsdorf herrschte, und sein gutes frommes Herz drängte ihn, so rasch als möglich helfend einzugreifen. Herr v. Rothschild erkannte sofort den Zusammenhang der Dinge und den deutlichen Fingerzeig Gottes und ließ den eigentlichen Adressaten, der also ein Namensvetter von ihm war, in der Stadt suchen. Dieser wurde endlich gefunden und in sein Haus gebracht. Anfangs hatte der edle Wohlthäter die Absicht, selbst nach Dingsdvrf zu reisen und die Gevatterschaft zu überwelche nothwendig sind, uin daraus ein fteies Bild von der Wirkungszeit der Propheten zu gewinnen. Im weiteren Unterricht der Heiligen Schrift ist derselbe Stufengang zu beobachten, in dem die darin verkündeten Ideen sich im geschichtlichen Leben verwirklicht haben. Gleich wie die von den Propheten verkündeten religiösen Ideen die heilige Gemeinde schufen, welche sich auf Grund der Pentatenchgesetze vornehmlich in der Zeit der Soferim organisierte, so bereitet die Kenntnis der Psalmen und der Propheten auch -unseren Schillern den Boden zur richtigen Auffassung und Erkenntnis der Gottesgesetze vor. . Demnach bilden den Hauptgegenstand der VII. Classe jene Theile des Pentateuch, welche von den religiösen Institutionen und den Sittengesetzen handeln. Damit bieten wir zugleich ein treues Bild jener religiösen Gemeinschaft, welche sich damals gestaltete, als Gottes Wort zum allgemeinen Gesetz in Israel wurde. Daran schließt sich die kurze Bekanntmachung jener spätern religiösen Bewegungen und litterarischen Erzeugniße, ans Grund deren einerseits sich darstellen lässt, wie artig das religiöse Denken -in den einzelnen Epochen unserer Geschichte war und in welchen litterarischen Erzeugnißen sich dies äußerte; andererseits. wieder, wie die in den einzelnen Zeitabschnitten herrschenden Ideen nicht ohne Wirkung auf die religiöse Orientirung suchenden Führer des Judenthums blieben. Hiezu würde die Ent- Wicklung des Rabbinismus, die Periode der Religionsphilosophen u. s. w. gehören. Auf Grund des in den litterarischen (IV bis VII) Classen behandelten hebräischen Stoffes können wir unsere Schüler stufen- 'weise sehr leicht auch mit den wichtigsten Elementen der hebräischen Sprache bekannt machen, auf keinen Fall darf man aber bei, dem Unterrichte dieses Gegenstandes außer Acht lassen, dass dieser eigentlich nur ein Hilfsmittel des litterarischen Unterrichtes ist; weshalb man sich auf jene sprachlichen Erfahrungen stützen muß, welche sich der Schüler unter unserer Leitung gelegentlich der Erklärung des hebräischen Textes gesammelt hat, mit andern Worten, er sei nichts anderes, als die systematische Zusammenfassung und Ergänzung der bereits bekannten grammatikalischen Formen. nehmen. Er gab jedoch diese Absicht wieder ans und betraute damit einen Mann aus seinem Personale, von dem er wusste, dass er es mit frommem Sinn und in seinem Geiste thnn werde. Dieser fuhr, da der festliche Tag nahe war, in Begleitung des reichlich ausgestatteten Bal-berith mit der Eilpost Tag und Nacht und kam eben zur rechten Zeit noch an, um die Noth einer braven Familie in Freude und Wonne zu verwandeln und ihr einen Tag zu bereiten, der in den Annalen von Dingsdorf unvergessen bleiben wird. Es wurde ein herrliches Mahl bereitet und dazu die ganze Gemeinde geladen. Der alte Chasan durfte seinen Kidduschbecher, von dem er sich nur schwer trennen konnte, wieder behalten und wurde außerdem für seinen Mischeberach ans den freiherrlichen Gevatter mit einem so glänzenden Honorar bedacht, wie er es seine ganze 40-jährige Dienstzeit zusammen nicht erhaltein Aber die Wohlthaten des edlen Menschenfreundes waren nicht mit'dem einen Tage abgeschlossen, sondern zu verschiedenen Zeiten des Jahres kamen ansehnliche Geschenke. Dadurch hob sich der Wohlstand der armen Leute, auch ihr Gemüth erhielt wieder die erwünschte Spannkraft und durch emsige Thätigkeit besserten sich ihre Verhältniße von Tag zu Tag. Die Kinder wuchsen allmählig heran und halfen treulich mit. Zwei Töchter wurden Putzmacherinnen. Die Knaben hatten die schöne Anlage zum Schönschreiben vom Vater ererbt, einer wurde ein geschickter Lithograph, ein anderer Schreiblehrer in der nahen Stadt; alle aber wurden brauchbare Menschen. Nie aber vergaßen sie Gottes

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