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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-02-01 · Heft 4 (1.2.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 4 (1.2.1894)
Date
1894-02-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 4. Gebete so viel Zeit todtgeschlagen wird, wie sollte die Wissenschaft und jedes geistige Bestreben weiter kommen, wann sollte die obliegende Arbeit und jede Pflichtersüllung gethan und sertiggebracht werden? Der einzige Rabbi Jochanan ist's, der den srommen Wunsch ansspricht: “״הלואי שיתפלל אדם כל היום כלו und ist das wahrscheinlich auch nur im Sinn des bekannten Sprich- Wortes gemeint: ״Wenn man schläft, sündigt man nicht." Auch wenn man betet, thut man nicht etwas Schlimmeres. Von Schimon kazadik wäre zwar wohl anzunehmen, dass er wirklich unter die drei Dinge, auf deren starken Schultern der Weltglobus sicher ruhen soll, auch den sogenannten Gottesdienst zählt. Allein gegenüber den andern beiden festgefügten, wirklich soliden Säulen, die Lehre und die Wohlthälig׳ keit, nimmt sich die mittlere Säule, "״עבודה in der landläufigen Deutung gar zu schwach und schwankend aus. Denn es ist wirklich vernünftigerweise nicht einzusehen, warum diese, aller Realität entbehrende Säule so welterhültenö und weltstützend sein sollte?- Allein, wozu in die Ferne schweifen, wenn das Wahre so. nahe liegt? Zweifellos ist hier, wie überall, mit ,.Awodo־‘ einfach Arbeit, fleißige und redliche Arbeit gemeint. Und wahrlich! Das ist eine Säule, besonders in Gemeinschaft mit ״תודה״ Wissen und Kenntniße und גמילות הםדים״., Wohlthätigkeit ausüben, die sich so unerschütterlich und grundfest erweist, dass die jetztzeiüge, weltbewegende soziale Frage auf Grund ihrer zur allgemeinen Zuftiedenheit fällig gelöst werden und die schier aus ihren Fugen gerathene Welt wieder in ihre Ruhe kommen könnte. Zu unseren diesbezüglichen talmudischen Aussprüchen zurückkehrend, finden wir ein dem gleiches Wort, welches heißt: ״Ob gemehrt oder gemindert, wenn nur das Herz dem Himmel zugewendet ist." Offenbar ist das wieder ein Weisheitsspruch, der sein Augenmerk hauptsächlich auf das Beten und seine rechte Behandlungsweise lenkt und vor Uebertreibung hierin ernstlich warnen will. Denn auf das Verhältnis der Opferspeuden selbst,/ wobei dieser Spruch eben gethan ist, kann es sich doch un-! möglich beziehen, indem hierbei die Normen vorschriftlich fest-- gesetzt und die Menge oder Größe der Gaben nach den Vermögensstufen klassifizirt waren, ein willkürliches Vermehren und Vermindern konnte also hier nicht platzgreifen. Und was ben moralisch en Wert der größeren oder kleineren Opfergaben betrifft, könnte fogar der Fall eintreten, dass der Arme mit seinem Häuflein Mehl (מגהה) verhältnismäßig mehr hingab und sich dabei mehr wehe gethan, als der Reiche mit seinem feistesten Farren. Das aber ist aus diesen Vorschriftlichen Abstufungen zu ersehen, dass, wo es sich um die Gottheit handelt, d. h. wo der Mensch etwas Gottes wegen thun und leisten will, oder verständlicher und sachgemäßer gesagt, wo der Mensch sich dem Geiste zukehren und das Irdische nach Möglichkeit von sich abstreifen möchte oder sollte, es da mehr auf den hohen, edlen Gedanken, als auf den Umfang der rauhen, plumpen That ankommt; das Verhältnis zwischen viel und wenig verliert hier seinen realen Wert. Im Gegentheil, das Wenig ist hier dem Viel weit vorzuziehen, weil es dem ״Erdensohn," der vor allem ein Kind der Erde und mit allen Fasern an das Irdische gebunden ist, hiebei eher möglich ist, dem erforderlichen hohen Gedanken nachzuhängen und sein Herz dem Himmel zuzuwenden, als beim Viel. Dass aber diese ״Herzerhebung" ohne Verständnis und ohne Kemitnis der Sache m\b der Idee überhaupt nicht stattfinden kann, ist selbstredend, denn hiemit ist nicht etwa ein frommes Hinsch/auen auf die Decke, oder —wie der perewigte Dr. Jellinek es treffend bezeichnet,—ein ״leeres Liebäugeln mit dem Himmel" gemeint, sondern das will bedeuten: Ein Vertiefen in die Erkenntnis Gottes und ein Ergründen des göttlichen Theiles im Menschen, seines Geistes, nebst dem Bewusstsein seiner Pflichten gegen Gott und Menschen. Wo das richtige Maß zwischen viel und wenig ist, wollen wir einer weiteren Besprechung Vorbehalten. (Fortsetzung folgt). Sitten und Bräuche der Inden im Orient. Bon Dr. M. G r ü n w a l d, Großrabbiner von Bulgarie.n Es sind eben, wie ich ftüher bereits bemerkt habe,' folgende zwei Fragen miteinander vermischt worden, u. z. lautet die erste Frage:- Wiewurde das Hebräische ursprünglich, also etwa zur Zeit König Davids, ausgesprochen? Und die zweite Frage ist: Welche Aussprache, die der Aschkenasim oder die der Sephardim, ist vorzuziehen, welche von diesen zweien rühmt sich der -- ursprünglich reinen und richtigen .Aussprache des Hebräischen. Denn schon der verewigte S. D. Luzzatto hat bereits treffend bemerkt (Epistolario p. 93): E vano affatto il sussidio che prender si vorrebbe dall Arabo, non altrimenti di chi eose ragionasse: I francesi terminano tutti gli infiniti in er dunque l’are dei latini e degl’ i t a 1 i a n i deve pronanziarsi äre ere. (Es ist in der That ein unnützes Bemühen, wenn Jemand aus der Aussprache des Arabisch en einen Schluss auf das Hebräische ziehen würde, es wäre dies ebenso irrig, als wenn Jemand sagen, würde: Im Französischen enden alle*) Infinitive auf er, folglich muß das are der Lateiner (Römer) und Italiener äre, ere ausgesprochen werden. Wir gehen nun zur Aussprache des X Aleph. über und bemerken, dass dasselbe im-Oriente im Anlaut wie h ausgesprachen wird. Dass diese Aussprache, unrichtig ist, muß nicht erst gesagt werden. Die Verwechslung des spiritns asper mit dem spiritns lenis ist jedoch sehr alt und lässt sich bis auf den heutigen Tage verfolgen und Nachweisen. Ja, so sonderbar dies auch scheinen mag, auch hier bewährt sich das Wort: les extremes se touchent. (Die Gegensätze berühren sich) indem das *He׳‘, das sicherlich ursprünglich den H-Laut hatte, mit der Zeit, u. z. schon zur Zeit der ersten Talmudisten, wie Aleph, d. h. wie eilt spiritus lenis ausgesprochen wurde. Außer meinen in Nummer 47 und 49 der ״Allgem. Zeiümg" des Judenthums 1893 gebrachten Noüzen verweise ich auf die Thatsache, dass hier in Sofia auf den meisten Grabsteinen, wo das Wort אהרון Ahro n stehen sollte הארון zu lesen ist, und ein in spagnolischer Sprache veröffentlichtes Lehrbuch der deutschen Sprache (Sofia 1892) transscribirt den Namen A h n mit .האן In der trefflichen Schrift des hochverdienten Forschers Professor Dr. Adolf Schwarz (ehemals Rabbiner in Karlsruhe), Seite 30 lesen wir: ״Maimonides hüllt sich in tiefes Schweigen *) Es muß nicht erst bemerkt werden, dass im Französtschcn nicht alle Infinitive auf er enden, dass Infinitive auch auf ir u n d re enden. Luzzatto nahm hier ״ ליכא כבולאdie Majorität für das Ganze an". Seine treffende Schlussfolgerung verliert trotzdem nichts von ihrem Werthe. Darin besteht ja eben der Unterschied der Dialectc und der stammverwandten Sprachen überhaupt, dass sie, obwohl auf gleicher Basis ruhend, in der Ausbildung der Satz- und W o rtf o rm en sich differenziert haben.

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