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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-01-21 · Heft 3 (21.1.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 3 (21.1.1894)
Date
1894-01-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Gesterreichisch-iingarische Lantörett-Zeitung. Nr. 3. Seile 6. In' seiner Schrift ,.Lueliot Ednt“ veröffentlicht Jonathan viele Briefe, in welchen die hervorragendsten und gefeiertsten rabbinischen Autoritäten des vorigen Jahrhunderts für ihn Partei ergriffen, chn als völlig unschuldig und das Treiben seiner erbitterten Gegner als eine natürliche Folge des Neides und des Haffes erklärt und auf das Entschiedenste verpönt und verurtheilt haben. Am 20. September 1764 wurde Jonathan in einem Alter von 74 Jahren von seiner irdischen Laufbahn abberufen. Sein Tod hatte allgenieine Sensation hervorgerufen. Ueberall wurden Trauerfeierlichkeiten veranstaltet und Jonathans Verdienste wie seine ungewöhnlich große, talmudische Gelehrsamkeit in den üblichen Trauerreden gewürdigt und gefeiert. Die bedeutendsten Schriften Jonathans, durch die er sich um die rabbinifche Literatur verdient gemacht, find: ״Lus Ahuba“ Erläuterungen über jüdische Ehegesetze, ״Urim ve Thumim'־ Abhandlungen über jüdische Rechtslehre. ״Krethi und Plethi", Commentar zu Codex (Joreh Deal) 2c. 2c.) Sein Antagonist R. Jacob Emden überlebte ihn um volle 12 Jahre. Er starb, nachdem er einige Jahre als erblindet ein trauriges Dasein fristen musste, am 19. April 1776. Auch sein Hinscheiden wurde von seinen Freunden und Gesinnungsgenossen tief betrauert und herzlich bedauert. Jonathan hatte vier gelehrte Söhne, die alle in Dresden domicilierten. Sie hießen Löw, Nathan, Nata Mordechai und Benjamin Wolf. Letzterer, ein sehr begabter Mensch, führte in feiner Jugend einen leichtsinnigen Lebenswandel, trieb sich längere Zeit in Wien in unwürdigen Kreisen herum und bereitete dem bereits in Leiden und Kummer ergrauten Vater viel Herzleid. Jonathan sah sich sogar genöthigt, um seinen Sohn, dem Gefahr drohte, festgenommen zu werden, weil er in Schulden gerachen war, aus einer höchst unerquicklichen Calamität befreien zu können, fein Werk ״Krethi und Plethi", ehe er es noch vollendet und gehörig geordnet hatte, zu ediren. . Wolf gieng dann abermals nach Wien, wo es ihm gelang, sich die Gunst eines hochgestellten Staatsmannes zu erringen und ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben. Später gieng er mit seinem Gönner, der zum Oesterreichischen Gesandten in Sachsen ernannt wurde, nach Dresden, wo er sich in den höchsten Kreisen Eintritt zu verschaffen wusste. Er war in allen seinen Unternehmungen so sehr vom Glücke begünstigt, dass es chm möglich geworden, sich in Dresden einen prachtvollen Palast erbauen, und in der Nähe der Stadt ein schönes Gut kaufen zu können. Selbst den Freiherrntitel wusste er sich zu verschaffen, der chm aber später wieder genommen wurde. In späteren Jahren jedoch soll er, und zwar in Folge einer nächtlichen Traumerscheinung, seinen Irreligiösen Lebenswandel tief und ernstlich bereut haben. Jin Alter von 60 Jahren heiratete er auf Anregung der Dresdner Rabbinen ein ftommes und tugendhaftes Mädchen, das ihm drei Töchter geboren hatte. Er besuchte fleißig das Gotteshaus, führte einen streng religiösen Lebenswandel und testirte vor seinem am 19. November 1806 erfolgten Tode mehrere Stiftungslegate zur Erhaltung und Förderung der Humanitären Anstalten und religiösen Institutionen der Dresdner israelitischen Gemeinde. Weine Chronik. Wien. Herr Ober-Rabbiner Dr. Güdemann ist von einem schweren Schicksalsschlage heimgesucht worden. Am 13. d. M. ist dessen Gatün, Frau Fanni Güdemann, geb. Spiegel, die in 30-jähriger, glücklicher Ehe mit ihm vereint war, gestorben. Der Tod kam ihr als Erlöser von einer langen schweren Krankheit, deren. Leiden nur ihr wahrhaft fronunes Gemüth und ihr tiefreligiöser Sinn zu erdulden vermochte. Die Verblichene trat trotz ihrer hohen Bildung und der großen Verehrung, die sie überall genoss, niemals in die Oeffentlichkeit, ihr Sieben war einzig dahin gerichtet, dem geliebten Gatten durch eine wahrhaft beglückende Häuslichkeit die schweren Bürden seines Berufes zu erleichtern. Unzählig sind die Beileidskundgebungen, die Herrn Ober-Rabbiner Dr. Güdemann aus Nah und Fern zukamen, und in erster Linie sei hier das innige und herzliche Condolenzschreiben des Vorstandes der Wiener Cultusgemeinde erwähnt. Auch die Theilnahme am Leichenbegängniße war eine überaus zahlreiche und im Trauerhause hatte sich die Elite der Wiener Gesellschaft eingefunden. Die Trauerrede hielt der tiefgebeugte Gatte selbst, der mit rührenden Worten von der geliebten Todten Abschied nahm. ״Man soll von mir nicht sagen," sprach er, wie es im Hiob heißt: ״Alle richten deine Worte auf, und tief Gebeugte hast du gekräftigt, nun aber da du selbst daran bist, da bist du ermattet, es kam an dich und du warst verwirrt." (Hiob 4, 4). Schlicht und einfach schilderte er hierauf die hohe Tugenden der Verblichenen und schloss mit den Worten: ״Du warst mir Alles! Dreißig Jahre lang hast du allein mit mir Freud und Leid getragen! In der fremden Stadt, ohne Verwandte, ohne Jugendfreunde — Kindersegen ist uns versagt geblieben — warst du mir Stab und Stütze, hast du in mir gelebt wie ich in dir. . . ." ״Gott hat dich mir gegeben, Gott hat dich mir genommen, ziehe hin in Frieden!" Von Schmerz überwältigt schluchzte der seelensstarke Mann tief auf, strich noch einmal mit zitternder Hand wie liebkosend über das Bahrtuch und half dann die theure Last mit hinaustragen in das kühle Grab. Die Erde werde ihr leicht! 'ת' נ' צ' ב' ה Wien. In seiner höchst interessanten Artikelserie ״Sitten und Bräuche der Juden im Orient", erwähnt Herr Dr. M. Grünwald, Groß-Rabbiner von Bulgarien, auch die Sitte, Kinder in ftühester Jugend zu verloben. Wie viel Unglück dadurch herbeigeführt wurde, bestätigt eine jüngst vorgefallene Affaire, und wir müssen entschieden davor warnen, Kinder auf diese Weise zu verheiraten, und besonders dann, wenn sie nach der Hochzeit in die ferne Fremde ziehen müssen. Der Fall ist folgender: Eine in Constantinopel wohnende Familie L. verlobte ihre Tochter in frühester Jugend mit dem Sohne einer befreundeten Familie E., die im Laufe der Zeit nach Amerika auswauderte. An dem Verlöbnis wurde jedoch festgehalten, und im verflossenen Herbste kam der junge E. zur Hochzeit nach Europa. Durch das feine Benehmen des jungen Mannes bestochen, schätzten sich die Eltern der Dame, welche nebst ihrer Bildung auch ein ziemliches Vermögen besaß, sehr glücklich, einen solchen Schwiegersohn zu bekommen. Bald nach der Hochzeit reiste das junge Paar nach Amerika ab, um ihr neues Heim zu beziehen. Da in Constantinopel Cholera war, mussten sie in Bulgarien 10 Tage Quarantaine halten. Hier sollte die junge Dame gar bald schlechte Erfahrungen machen. Denn was die Arme unter der schlechten Behandlung ihres Gatten gelitten, lässt sich nicht beschreiben. Nach langer Reise kamen sie endlich bis Wien, wo der Mann noch immer von seiner Tyrannei nicht abließ, so dass sich Frau E. veranlasst sah, hier bei der.türkischen Gemeinde die Scheidung einzureichen. Als der Rabbiner Herrn E. befrug, was ihn zu der schlechten Behandlung seiner Frau veranlasse, wusste er nichts zu sagen, hingegen erzählte die junge Dame, in deren Gesicht die schlechte Behandlung fast zu lesen war, in Gegenwart ihres Gatten alles, was sie von demselben sowohl auf der Reise als auch in Wien zu erleiden hatte, ohne dass der Gatte es leugnen konnte. Als Herr E. merkte, dass die türkische Gemeinde Ernst mache und auch schon um die Ehepacten nach Constantinopel schrieb, verschwand er und nahm alle der jungen Frau gehörenden Sachen mit sich. Eine angesehene

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