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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-01-21 · Heft 3 (21.1.1894) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 3 (21.1.1894)
Date
1894-01-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3. Mesterreichisch-ungarische Lantören-Zeitung. Seite 5. die Juden in Bezug auf die Aussprache des Hebräischen zur Geltung gekommen. Die im Orient unter türkischer Herrschaft seit Jahrhundeten lebenden Juden haben sicherlich türkisch-arabischen Einfluss an sich erfahreil; ich sage türkisch-arabischen, weil durch die Macht des Koran's bei allen Türken (Mohamedanern) das Arabische zu großer Geltung gelangt ist. Andererseits ist es nicht zu verkennen und nicht wegznleugnen, dass die europäischen Inden ihre Aussprache des Hebräischen auch den romanischen, germanischen und slavischen Elementen gemäß modificirt baben. (Fortsetzung folgt). A. Jonathan Eibenschitz. Eine biograpische Skizze von Dr. M. H. Friedländer. (Schluss.) Jll Altona und Umgebung grassirten zur Zeit, als Jonathan dahinkam, gefährliche Krankheiten, die zumeist. Wöchnerinnen hinrafften. Etwa 18 junge Frauen sind innerhalb eines Jahres daselbst in Kindesnöthen gestorben. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich aller Gemüther, und jede Frau, die sich in gesegneten Umständen befand, sah mit Schrecken ihrer Entbindung entgegen. Kaum hatte Jonathan sein neues Rabbinat angetreten, als man an ihn, den bekannten Kabbalisten,^ appellirte, den Würgengel zu bannen. Jonathan, der bereits in Prag und in Metz Kemeoth ertheilt hatte nahm keinen Anstand, auch hier dem dringenden Wunsche der Bittsteller zu entsprechen und Amulette zu ertheilen. Der Zufall aber wollte, dass ein solches Schutzblättchen, das er einem vom hitzigen Fieber gequälten Menschen verliehen hatte, in Verlust gerathen war. Ein feiler Söldling der Gegner Jonathans, soll diesen Umstand benützt haben, um Jonathan verdächtigen und compromittiren zu können. Er schrieb nämlich auf einen Pergamenistreifen einige Worte aus Schemoth, die Anspielungen auf Sabbatai Zewi's Messianität enthielten, und verbreitete überall das Gerücht, dass er in den Besitz des von Jonathan angefertigten Schutzblättchens (Kamea) gelangt sei. Kaum wurde dieses famose Amulet, Jakob Emden, dem erbittersten Feinde Jonathans, zur Beurtheilung vorgelegt, als dieser keinen Augenblick säumte, Jonathan, als Sabbathianet und Häretiker zu erklären, um ihn aus diese Weise der Verachtung preisgeben zu können. Alle Versuche Jonathans, mit Emden eine Aussöhnung zu erzielen, scheiterten an dem Starrsinne und der Hartnäckigkeit Emdens. Da Emden von der Schwierigkeit seines Vorhabens, Jonathan moralisch zu vernichten, überzeugt war, so sah er sich bald nach Bundes- und Gesinnungsgenossen um, die er in den Rabbinen Jakob Josua aus Krakau, Oberrabbiner zu Frankfurt a. M., einem Vorgänger Jonathans in Metz, Arjeh Löw, Oberrabbiner der deutschen Gemeinde zu Amsterdam, einem Schwager Emdens, und Salomon Helman, dem Nachfolger Jonathans im Rabbinate zu Metz, gestruden hatte. Der Gemeindevorstand rrahm sich seines allverehrten Rabbiners Jonathan aus das wärmste an, und es entstand nicht blos in den drei Gemeinden, sondern innerhalb der ganzen Jndenheit eine furchtbare Zerklüftung, die heillosen Schaden anrichtete. Emden wurde von dem Vorstande der drei Gemeinden in den Bann gelegt, Alles mied ihn wie einen Aussätzigen, er sah sich in Folge dessen genöthigt, Altona bei Nacht und Nebel zu verlassen. Er floh nach Amsterdam, woselbst er längere Zeit verblieb, bis ihm die dänische Regierung die Rückkehr gestattete. Der Kamps hörte aber noch lange nicht aus, nahm vielmehr noch größere Dimensionen an. Die hervorragendsten Rabbinen der damaligen Zeit betheiligten sich an demselben, indem die einen pro, die anderen contra Eibenschitz stimmten. Als endlich die dänische Regierung in die Situation recht thütig eingrief, wurden die Gegner Jonathans zum Schweigen gebracht. Die polemischen Schriften, die dieser schmähliche, von der geistigen Verkommenheit der damaligen Zeit zeugende Kamps hervorgerufen hatte, beweisen zur Genüge, wie weit selbst die edelsten und würdigsten Menschen von der Bahn der Sittlichkeit, Moral, Lugend, Menschenfreundlichkeit und Brüderlichkeit abweichen können, wenn sich von Aberglauben, Borurtheilen und Fanattsmns ebensosehr wie von Neid, Hass und Scheelsucht leiten und bestimmen lassen. von fremder Hand. Der alte Chasan des Ortes schrieb nämlich, dass die Schreiberin am selben Tage von einem ben sochor glücklich entbunden worden sei. Ich wünsche Euch weiter viel Masel, was Reb Anschel Rothschild wohl brauchen kann, denn es ist hascliem jischmerenu große Noth im Hause, die Kinderln haben nicht leobena leechol ubeged lilboscb. Die arme Wöchnerin hätte über ihre Kräfte gearbeitet und jetzt fehlt ihr die stärkende Pflege. Machet Euch daher auf sofort und kommet leobajim nlesebolona gleich heim. Ein Gevatter hat sich noch nicht gesunden, denn die Leute sagen: ״Eine Gevatterschaft ist eine Ehr, macht aber den Beutel leer". Sollte sich inzwischen kein Besserer finden, so will ich die Mizwa selbst nehmen und inüsset ihr mit meinem minderwerthigen Gevattergeschenk Vorlieb nehmen, mit einem ״Kidusch-Becher". Dann legte er den Brief zusammen und schrieb ohne viel Ueberlegung, ohne genaue Kenntnis der Adresse des Entfernten einfach: ״An Herrn Anselm Rothschild in Franksurth" und schickte den Brief weg. IV. Wenige Tage nach Abgang dieses Briefes herrschte unter den Bewohnern des kleinen Dingsdorf große Aufregung. Fenster und Thüren wurden weit geöffnet, Kinder und Erwachsene liefen hinter einem hier noch nie gesehenen Wunder einer prächttgen Chaise die mit 2 starken Rossen bespannt war, nach. Auf dem Bocke saß ein gallonierter Postillon und blies kräftig ins Horn. Zum linken Wagenschlage beugte sich ein ältlicher Mann heraus, sein gekleidet, einen feinen Hut auf dem Kopse und grüßte . freundlich nach allen Seiten. Bekannt schien er allen, Keiner! aber kannte ihn. Ihm zur Rechten saß ein schöner junger Mann gar fein gekleidet, eine goldene Brille aus der Nase. Die fahren gewiss ins Pfarrhaus, riefen die Kinder. Allein dies traf nicht zu; denn als der Postillon eine gute Sttecke durch den Ort gefahren war, lenkte er auf einen Wink des älteren Fahrgastes vom Wege ab und fuhr geradenweges in den Judenhof vor das Rothschildsche Häuschen. Der ältere Mann sprang aus dem Wagen heraus — wer war es? — Wir kennen ihn schon — es ist unser Rothschild in höchsteigener Person. Er hals auch dem feinen Mann mit der Brille aus dem Wagen und führte ihn in das Zimmer. Welche Wonne, welch' freudiges Wiedersehen! Wer könnte, wer wollte es beschreiben? Die Kinder, die schon zum größten Theil dem ankommenden Gaste entgegengelausen waren, erkannten den so lange vermissten Vater und hingen mit Jubel an ihm und küssten und herzten ihn, und die Freude schien kein Ende nehmen zu wollen. Die Mutter war schon aus dem Bette, sie war schon den ganzen Nachmittag beschäftigt gewesen, um alles für die morgige Beschneidung, sowie für heute Abend vorzubereiten und hatte einige Erftischungen bereit gehalten für die Männer, die am Abend kommen sollten. Als sie ihren so sehnlichst erwarteten Mann und in diesem seinen Anzuge eintreten und den jungen Herrn in seiner Gesellschaft sah, sank sie wo r Freude und Aufregung zusammen und konnte kein Wort auf die Glückwünsche ihres Mannes erwidern. (Fortsetzung folgt.)

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