Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Nun hoben Mtglieder des Cultusvorstandes den Sarg, trugen ihn unter Trauergesängen vor das Gotteshaus und stellten ihn auf den vierspännigen Trauerwagen, der sich unmittelbar darauf über den Franz Josef-Quai, die Radetzkybrücke und die Landstraßer Hauptstraße, Simmeringerstraße nach der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhofes in Bewegung fetzte. In zahlreichen Wagen folgten die Leidtragenden. In den Straßen, die der Conduct passirte, brannten die Gasflammen in den Laternen. Um die Mittagsstunde langte der endlose Zug auf dem Friedhofe an. Als der Sarg auf die Estrade in der Ceremonien- Halle gestellt war, intonirte Ober-Cantor Goldstein, unterstützt von einem verstärkten Männerquartette, das ,.Hazur tomim“ und nachher hielten Rabbiner Dr. Schmiedel' aus Fünfhaus, Rabbiner Dr. Wolf, der Rector des jüdisch-theologischen Seminars in Wien Dr. Schwarz, Rabbiner Dr.. Kayserling aus Budapest und Rabbiner Dr. Kisch aus Prag tiefempfundene Nachrufe, in welchen sie das Leben und Wirken Dr. Jellineks nach verschiedenen Richtungen preisend und rühmend beleuchteten. Unter den üblichen Trauergesängen wurde dann der Sarg zur letzten Ruhestätte getragen und in das Grab gesenkt, das neben denen des verewigten Professor Sulzer und Dr. Adolf Fischhos gelegen ist. Am offenen Grabe widmete noch Rabbiner Schor dem Dähmgeschiedenen innige Worte des Abschiedes. Um halb 2 Uhr war die Trauerfeier zu Ende. * * * Der Dichter Ludw. August Frankl, der als ehemaliger Sekretär der Wiener Cultusgemeinde mit Dr. Jellinek in Herzlichem Verkehre stand, widmete.dem Dahingeschiedenen in. der jüngsten Nummer der ״Neuzeit" folgenden poetischen Nachruf: Das Work des Predigers am Begräbnistage Dr. Adolf Jellineks, 30. December (893. Es klang Dein Wort, wenn es von Menschenliebe sprach, Wie milder Harfenton in Aller Herzen nach. Ein Feuer fuhr, Dein Wort, von edlem Zorn entfacht, In Geister, huldigend dem Hass in wüster Nacht. Es floß Dein Wort voll Wissen und von Weisheit klar, Dass es wie Quellenrauschen in frischer Bergwelt war. Ein Lichtmensch warst Du, ach, so früh versenkt in Nacht. Und trauernd halten wir um Dich die Gräberwacht; Bis wieder unserer Ahnfrau ״Stimme aus der Luft" *) In Deinem Geist zu leben; tröstend mahnend ruft. Ludw. Aug. Frankl *) ״Bas kol". Litteratur und Kunst. ״Matteh Aharon" für Soli, Solo und Chor mit Orgelbegleitung von A. G r ü n z w e i g, Chordirigent in Arad.— Ueberproduction — das ist heutzutage ein auf allen möglichen Gebieten des Handels und Wandels, auch auf demjenigen der Kunst, Litteratur und Wissenschaft nur allzu oft gehörtes Wort, das ja in den meisten Fällen leider auch seine Berechtigung hat. Aber auf das Gebiet der synagogalen Litteratur findet es doch nicht Anwendung, wenn man auch nicht selten die Klage hört, dass in Bezug auf Tempelgesänge des Guten -zu viel gethan werde . . . Diese Klage scheint mir jeder Begründung zu entbehren. Die Gesammtzahl der überhaupt bestehenden israelitischen Gotteshäuser ist ja recht bedeutend, es dürfte ihrer einige Tausend geben; an jedem Samstag, jedem Festtag findet in einem großen Theil eben dieser Gebethüuser Gottesdienst mit Cantor, Chor und wohl auch Orgel statt; Abwechslung in Bezug auf die zu Gehör gebrachten synagogalen Compositionen erscheint als eine sich natürlich ergebende Nothwendigkeit, wird auch wesentlich zur Verstärkung eines weihevollen Eindruckes beittagen, denn das allzu oft Gehörte büßt ja naturgemäß allmählig immer mehr von seiner Wirkungsfähigkeit ein. Wenn man nun . diese ' und noch andere, hier nicht angeführte Umstände in Betracht zieht, so muß man sich unwillkürlich darüber wundern, dass zuweilen, wenn auch selten und vereinzelt, doch Stimmen laut werden, welche, trotzdem sich die größerangelegten Synagogalwerke beinahe an den Fingern herzählen lassen, unsere synagogale Litteratur als überreich bezeichnen... . Eine falsche Anschauung, die obendrein eine Aufforderung zum Stillstehen in sich schließt, und der schon deshalb entgegengetteten werden müsste, weil kein. Nachricht an seine Gattin nach D . . . . gelangen zu lassen. Sie mahlte sich alle möglichen und unmöglichen Gefahren aus. in denen , er schweben könnte, selbst die ihr vom Nachbar gemachte Eröffnung konnte an ihrer Sorge und ihrem Kummmer nichts! ändern. In dieser ihrer großen Sorge entschloss sie sich, an ihren entfernten, — unbekannt wo — sich aufhaltenden Mann zu schreiben und ihn zur Rückkehr aufzufordern. Eines Tages sehen wir sie in ihrem ttotz großer Armuth sehr reinlichen Stübchen vor einem Briefbögen sitzen, an ihren Mann schreiben, die Hellen Thränen rinnen ihr dabei über die Wangen. Wir wollen ein wenig indiscret sein und^in den angefangenen Brief schauen und auch seinen Inhalt verrathen. Sie schrieb ungefähr: ״Mir ist gar bange im Herzen un! dich und deine Gesundheit, dein Befinden. So oft die Boün (ein weibl. Jünger Mercurs) an unser Haus kommt, denke ich, dass sie heute endlich den langersehnten Brief von dir bringt; doch vergebens mein Hoffen und Harren; sie geht rechts und links, nur nicht zu uns, und ich sorge mir den Kopf aus, wo du wohl weilen magst und wie es dir geht. Da, vor einigen Tagen endlich kam sie auch zu uns, öffnet den Korb und ruft: Ein Brief! Ich zittere vor Auflegung am ganzen Körper. Ist es Freude, ist es Angst?! Sie übergibt mir einen breit zusammengelegten Brief, mit zitternden Händen öffne ich ihn — doch mein Gott, was sehe ich! Der Brief ist vom Landesgericht und sein Inhalt!? — Du bist wegen unbefugter Unterrichtsertheilung zu 3 Tagen Arrest verurtheilt! Die Eile scheint nicht sehr groß zu sein, da der Brief schon mehr als 2 Monate alt ist. Armer Mann, auch das noch! Deine Freiheit wollen sie dir nehmen und in's Arrest sperren zu Dieben und Verbrechern. Lege es mir nicht zu Bösem aus, dass ich dir diese unwillkommene Neuigkeit schreibe, siehe, es ist doch noch besser no venod herum zu gehen, als im Arrest zu sitzen". Während sie dieses dem Papiere anverttaute, standen die Kleinen um sie herum. Ein kleines Mädchen, Sara, zupfte die Mutter am Kleide und lallte: ״Mama — hungrig —י Sara sehr hungrig, bitte Brot!" Sie stand von dem Schreiben ans, schnitt dem Kinde von einem schon ziemlich reduzierten Laibchen ein Stückchen ab und reichte es ihm. Da kam ihr kleiner Prächüger Junge herein, hatte ein Papier in der Hand und rief — indem er es entfaltete: ״Mama, sieh,' das hat mir der Nachbar geschenkt!" ״Das ist trefa, mein Kind, das darfst du nicht essen" und er legte es still und gehorsam weg. Nach einer Weile schaute sie ihn genauer an und sah, dass seine Hose zerrissen sei. ״Ei, schau, die zerrissene Hose, die musst du ausziehen, ich muß sie flicken." Dann wandte sie sich an ihre älteste, etwa 12jährige Tochter. ״Betti — geh einmal zum Bäcker und bringe uns einen Laib Brot, werde ihn ehestens bezahlen." Da kam der Flickschuster herein, brachte verschiedenes repariertes Schuhwerk. Da aber die Frau keine Miene machte zum Zahlen, drohte er, die Arbeit wieder mitzunehmen. Doch als er die hilflose Lage der armen Frau sah, besann er sich indessen und sagte: ״Gut, ich will schon warten, habt ja sonst ehrlich und pünktlich bezahlt, so lange ihr konntet, muß halt der Gerber auch borgen", und gieng mitleidsvoll weg. (Fortsetzung folgt).