Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Läntoren-Zeitung. Nr. 2. Ihr werdet von mir nicht erwarten, dass ich in dieser schmerzlichen Stunde ein Lebensbild von dem theuren Heimgegangenen entwerfe, das seiner würdig ist. Es fehlt mir die Ruhe, um mit sicherer Hand dm Pinsel zu führen, und Euch die Aufmerksamkeit, um die Zeichnung zu betrachten und zu beurtheilen. Denn man urthellt nicht, wo man fühlt. Nur das Eine halte ich für die Aufgabe dieser Stunde, dieses Ortes und dieser Feier. Von hier, wo Alles an chn erinnert, wo sein Name gleichsam in Holz und Stein verewigt ist, von dieser Stätte soll er nicht scheiden, ohne dass er nochmals vor uns lebendig wird als der Prediger und Verkünder der göttlichen Wahrhett, als welchen zu gelten er allzeit vornehmlich besttebt war und als welcher er der Gemeinde ewig unvergesslich bleiben wird. Ihm war es vergönnt, dass man von ihm sagen konnte, was der Herr von Aron sagt, dessen Namen er ttug ״Er verstand zu reden". Wie sein Vorgänger und älterer Zeitgenosse ein gefeierter Redner war, so war er es nicht minder, aber in anderer Weise, und seine Eigenart hat eine bedeutsame Wendung in der Geschichte der jüdischen Kanzelberedtsamkeit herbeigeführt. Er schuf Neues auf diesem Gebiete, indem er an das Alte anknüpfte, um die Predigtweise unserer alten Lehrer mit den Ansprächen moderner Bildung und modernen Geschmacks zu. vermählen. Wie sie ein seines Auge hatten, um nicht blos in der Bibel, sondern zwischen den Zellen der Bibel zu lesen, wie sie ein feines Ohr besaßen für den Pulsschlag der Zeit, für die Stimmen, welche aus dem öffentlichen Leben auch in das Gottes- Haus dringen und sich Gehör erzwingen, so war er der Mitbegründe! einer neuen Predigtweise, weil er ein gelehriger Schüler der Alten war. Mt seiner reichen Gelehrsamkeit und Belesenheit, mit seinem scharfen Verstände und seinem tteffenden Witz formte er jene Reden, die Alles in ihren Bereich zogen und dennoch immer auf jüdischem Boden blieben, die durch die Lebendigkeit und das Feuer seines Vorttages, wie nicht minder durch die gewähtte Sprache die Zuhörer fesselten und das religiöse Empfinden in chnen neu belebten. So war er während eines halben Jahrhunderts und davon 36 Jahre hindurch in dieser Gemeinde der vielgerühmte Prediger einer alten Zeit und doch hinwiederum einer neuen, aus jener die Waffen holend für diese, gleich dem redegewalügen Aron des Alterthums besttebt, die Fesseln seiner Glaubensgenossen zu lösen, ein Priester im Dienste der Freiheit und der Erkemrtnis, und wie er der zärtlichste, aufopferungsvollste Vater seiner Kinder war, so bettachtete er die Gemeinde als seine größere Famllie, der er, den Einzelnen wie der Ge- Auch ein Rothschild. Einer wahren Begebenheit aus den Zwanzigerjahren dieses Jahrhundertes nacherzählt. Von A. Stein, Rabbiner u. Cantor, Sobieslau. (Fortsetzung). Unser Rothschild wollte diese günsügen Umstände ausnützen und mit Unterstützung seiner Freunde, die er dort hatte, etwas beginnen. Er schrieb, wie schon erwähnt wurde, eine sehr schöne Handschrift und seine sonstigen Kenntniße würden ihn auch zum Comis qualifizieren. Der Districts-Rabbiner gab ihm ein sehr schönes Zeugnis über seine Ehrbarkeit, Würdigkeit und Dürftigkeit mit auf den Weg, ein Zeugnis, das wohl selten Jemandem mit mchr Recht ausgestellt wurde, als unserem armen Lchrer. So machte er sich auf den Weg, schweren Herzens nahm er Abschied von Weib und Kind, die er in größter Armuth zurückließ, und zog in die weite, unbekannte Welt. Um seine Frau nicht großen Sorgen um chn auszusetzen, th eilte er einem Nachbar mit, er möge, falls er seiner Frau lange nicht schreiben sollte, diese damit ttösten, dass er nicht eher schreiben wolle, bis er ihr auch etwas Geld werde schicken können. Sie möge also um ihn keine Sorgen haben, dass chm irgend ein Unglück zugestoßen sei. sammtheit, bald das Wort des Trostes, bald der Mäßigung, immer aber der Belehrung über den unerschöpflichen Segensquell unserer Religion predigte. Nun ist sein Mund für immer verstummt und wenn Ihr ihm' im Süllen ein dankbares Lebewohl zurufet, so erlaubt Ihr wohl, dass auch ich von dem Collegen Abschied nehme. Am nächsten Sabbath werden es 28 Jahre, dass ich zum ersten Male, das Wort der Belehrung in dieser Gemeinde an geweihter Stätte verkünden durste. So lange stehe ich an seiner Seite, und wenn auch unsere Ansichten und Meinungen mitunter auseinandergiengen,! so ist doch während dieser Zeit der-Friede in der Gemeinde nicht blos erhalten geblieben, sondern ich glaube sagen zu dürfen, er wurde befestigst, was ich nicht mir, sondern ihm als Verdienst zuschreibe. Denn nichts lag ihm ferner, als auf das Vorrecht des Alters und der Größe zu pochen, sondern gemäß jenem alten Spruche unserer Weisen ließ er auch die Meinung des Jüngeren und Geringeren gelten, wenn sie dem Frieden der Gesammtheit dienlicher schien. Dafür danke ich ihm mit jener Aufrichtigkeit, die er, wie ich glaube, niemals bezweifelt hat, die das Einzige ist, worin ich mit ihm zu wetteifern gewagt habe, und die ich auch in der letzten Stunde angesichts dieser Bahre bekennen darf und bekennen will. Es waren 28 Jahre gemeinsamer Arbeit, die ich mtt Dir durchlebt habe, darunter waren viele Stunden herzlichen, vertraulichen Meinungsaustausches, darunter war auch mancher Augenblick aufwallender Heftigkeit. Aber wie dem sein mag, wir wüchsen im Laufe der Zeit doch immer fester zusammen, schwer löst sich ein solches Verhältnis, und mit Dir geht ein großes Stück meiner eigenen Vergangenheit dahin. Von Jacobs Tode hat er zuletzt an dieser Stätte gesprachen. Von ihm sagen unsere Weisen: ״Mit dem Tode Jacobs brach die alte Hungersnoth wieder hervor." Es ist das Beste, was man von einem Menschen an seiner Bahre sagen kann, dass man seiner nicht satt geworden. Man wird hungern und dürsten nach Deinem 1Mefieitben 3׳B0rte,‘: und dieser Hunger wird nicht ׳ gefüllt, dieser Durst nicht gelöscht werden. Das wird Dein Andenken und Deinen Namen erhalten für und für. Amen." Dr. Güdemann war selbst so tief ergriffen, dass er stellenweise nur mit Mühe die Thränen zurückhielt und auch seine Zuhörer, namentlich dort als er mit innigen Worten von seinem großen Amtscollegen Abschied nahm, zu Thränen rührte. ~־ . HI. Sollen zwei Personen eine große Last fortbringen, so ist es nothwendig, den richügen Schwerpunkt zu finden und einzuhalten, im richügen Momente nachzulassen oder anzusetzen, dann wird es ihnen auch gelingen, einander zu stützen und zu fördern. Lässt aber einer von ihnen zur Unzeit nach oder will er die ganze Last nur auf sich nehmen und den andern frei machen, oder soll es umgekehrt der Fall sein, dann werden sie mit ihrer Last nicht vorwärts. kommen, wenn nicht gar ganz von dem Vorhaben Massen müssen. Aehnlich ergieng es dem armen Ehepaar Rothschild. Sie waren beide von Jugend auf an EntbehrungeN gewöhnt, deshalb trugen sie vereint die schwere Last des Geschickes, das auf ihnen lag, mit Ergebung und Leichügkeit. Einer suchte sein Herzeleid vor dem andern zu verbergen, ihr nie wankender Glaube an Gott ließ ihnen nicht Zeit, an die ungleiche Vertheilung der irdischen Güter zu denken, sie erhofften, desto mehr im Jenseits bedacht zu werden. Das alles gieng eben so, weil sie es gemeinsam ttugen; als aber der Mann hinauszog in's feindliche Leben, das Glück zu erjagen, da fühlte die arme zurückbleibende Mutter, wie sehr sie ihre Kräfte überschätzt, da sie kränklich und dazu einer Vermehrung ihrer Familie ehestens entgegen sah, dem Hauswesen nicht mehr in der Weise, wie bisher, vorstehen konnte und kaum die allernothwendigstenAusgabeu zu bestreiten in der Lage war; da fühlte sie doppelt die schwere Last, die für ihren Arm allein denn doch zu schwer war.' Was aber ihren Kummer noch mehr erhöhte, war die Sorge um ihren geliebten Mann, der bereits längere Zeit vom Hause abwesend war, ohne auch nur die geringste