Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr, 2. Gesterreichisch-üngarische Lantoren-Zeitung. trägt die Ueberschrist ״ עין הקרראDas Auge (oder die : Quelle) des Lesers", da im Hebräischen עין sowohl Auge als; Quelle bedeutet. In dieser Schrift werden grammatische Fragen; und ganz besonders die richüge Aussprache des Hebräischen bej handelt und der Nachweis zu erbringen versucht, dass die Aus- - spräche der sogenannten Aschkenasim, oder vielmehr die polnische Aussprache, die richüge ist. Diese Schrift fand in der im Jahre 1808 erschienenen Arbeit ״ אמרה -צרופהdie geläuterte Aussprache" aus der Feder des׳ Mosche, Sohn des Treitel, vulgo Moses Lemans genannt, eine gediegene Erwiderung und Widerlegung. Auch dieser Autor war ein Aschkenasi, und es spricht sicherlich für dessen Vorurtheilslosigkeit, wenn er, trotz seiner Abkunft, es offen bekennt, dass die Aussprache der Sephardim (der aus Spanien und Portugal gegen Ende des 15. Jahrhunderts 1492—1496 vertriebenen Juden) die einzig richüge ist. Diese gegenwärüg seltene Schrift, die sich in meinem Besitze befindet, erschien in Amsterdam im Hause der Buchdruckerei- ׳ bescher Jochanan Levi Rose (Arzt) und dessen Sohnes Benjamin, und ist auf 16 Kleino ctavblättern gedruckt. Diese Schrift ist auch dadurch von culturhistorischem Interesse, als es, meines Wissens, ' die erste Schrift ist, wo ein in hebräischer Sprache schreibender Autor sich das Eigenthumsrecht dadurch zu sichern glaul t, dass er zu Anfang des Buches seinen Namen משה בן כה׳ טרייטל mit jüdis ch-d eutsch en Lettern und am Schluffe der Schrift seinen Namen Moses Lemans mit lateinischen Lettern geschrieb en hat. Die Handschrift ist eine sehr gefällige und deutliche. Doch mehr als diese Aeußerlichkeiten gilt der innere Werth dieser Schrift, die heute noch, nach 85 Jahren, ihren ganzen Werth behält. Es ist sehr schade, dass der große Forscher und Grammatiker Samuel David Luzzatto diese Schrift nicht gekannt, er wurde sicherlich dieselbe gründlich geprüft und entweder gebilligt oder widerlegt haben. Im Epistolario italiano francese latino di Samuel David Luzzatto da Trieste publicato da’suoi figli (Padova 1890) sind besonders 2 Briefe für unseren Gegenstand von Interesse u. zw. Brief XLVm, de dato 10. Juni 1829, an I. S. Reggio in Görz, und Brief LVIL, de dato 5. März 1830 an S. V. Lolli in Görz. . Wir Werden im Laufe dieser Auseinandersetzung Gelegenheit haben, auf diese Briefe zurückzukommen. Die erste Frage, in Bezug auf die Aussprache des Hebräischen, besteht darin, ob das lange Kamez wie a oder o 'ausgesprochen werden soll. Dass das Kamez ursprünglich a ausgesprochen wurde, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, denn - - dafür sprechen die ältesten Uebersetzungen und Transscriptionen des hebräischen Textes mit griechischen Lettern. Wenn wir daher re in'hebräisch sprechen wollen, müssen wir ohne Zweifel das lange Kamez wie ein gedehntes a aussprechen, während der entsprechende kurze Vocal, Pathach nämlich, kurz und rasch ausgesprochen werden muß (ä). (Fortsetzung folgt.) Dr. Jellmek's Leichenbegängnis. Die Leichenfeier, welche Sonntag, den 31. December, 1/211 Uhr Vormittags im Stadttempel stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung für den dahingeschiedenen Seelsorger der Wiener Cultusgemeinde. Der Eintritt in das schwärzdrapirte Gotteshaus war nur gegen Karten gestattet, und trotzdem konnte der kleine Raum , die große Zahl der Trauergäste kaum fassen. In Verttettmg der Stadt Wien war der Bürgermeister Dr. Prix mit mehreren Stadträthen und Gemeinderächen erschienen, und außerdem sah man Bertteter des Ministeriums, der evangelischen Geistlichkeit, die hervorragendsten Repräsentanten der Wiener Gesellschaft, sämmtliche Mitglieder des Cultusvorstandes und der Wiener Bethausvereine, Deputaüonen auswärtiger Gemeinden und verschiedener Vereine, zahlreiche Rabbiner, Cantoren rc. Mit einem einfachen, schwarzen Bahrtuch verdeckt, stand der Sarg auf einer Esttade vor der Bundeslade. Girandolen mit brennenden Windlichtern standen zu beiden Seiten des Katafalks. Die Töchter des Verblichenen, Frau Charlotte Zels und Frau Pauline Wechsberg, hatten in der rechtsseiügen Vorstandsloge, die Söhne, Professor Dr. Georg Jellinek, Director Emil Jellinek und Dr. Max Hermann Jellinek, sowie die übrigen Hinterbliebenen in der ersten Bankreihe des Mittelschiffes Platz genommen, Obercantor Singer leitete die Tranerseier mit der Execuüerung des 49. Psalmes ein. Seine mächtige Stimme, bmcf» die Wehmuth um den dahingeschiedenen Amtscollegen milde gedämpft, klang überaus ergreifend und brachte die ganze Trauer- Versammlung in eine erhabene, weihevolle Stimmung, die durch den fein nuancirten Gesang des unter Leitung des Chormeisters Josef Sulzer stehenden Chores noch gehoben wurde. Nachdem die letzten Töne des Trauerpsalmes im schönsten Pianissimo verklungen waren, ttat Oberrabbiner Dr. Güdemann an die Bahre und hielt folgenden üefempfundenen und von aufrichüger Trauer erfüllten Nachruf: ״Andächüge Trauerversammlung! Nun ist der schmerzliche Augenblick gekommen, |&en wir seit Jahren Heranrücken sahen, der Augenblick, mit welchem Dr. Adolf Jellinek, der hochverehrte Lehrer dieser Gemeinde, für immer Abschied nimmt von dieser Stätte, auf welcher als Prediger zu wirken schon der Ehrgeiz des Jünglings war und auf welcher es ihm auch vergönnt gewesen ist, mit der zündenden Gewalt seiner Beredtsamkeit die Träume seiner Jugend zu seinem Ruhme, zur Ehre der Gemeinde und des Judenthums bis an das Ende seines Lebens zu verwirklichen. Bis an das Ende seines Lebens. Zwar lastete das Alter schwer auf ihm — für ihn bedeutete es nicht den golden schimmernden Sonnen- Untergang, mit welchem ein bewegter Tag sanft zu Rüste geht, sondern sein Alter war ein beschwerlicher und mühevoller Abstieg. Mancherlei Gebrechen, oft wiederkehrendes Siechthum, und nicht am wenigsten der Verlust der treuen Lebensgefährtin stürmten zerstörend auf ihn ein und beugten die gedrungene Gestalt, so dass sie zuletzt nur ein Schatten ihrer selbst war. Aber sein Geist blieb trotz diesem Allen aufrecht und ungebeugt. Wie Gott den Wunsch des Jünglings erfüllt hatte, so erhörte er auch die Bitte des Greises. Er vergönnte ihm den Tod auf dem Felde der Ehre, er ersparte ihm das Missgeschick, in einem übermäßigen, unthäügen Greisenalter die Blätter seines Ruhmeskranzes welken zu sehen und sich zu überleben. Vor wenigen Wochen noch lauschten wir voll Bewunderung, wie er seinem Vorgänger und Collegen an dessen hundertsten! Geburtstage eine begeisterte Lobrede hielt, in ihm gleichsam sich selbst abconterfeiend, und noch am Vorabende des vorletzten Sabbathes sprach er mit gewohnter Beredtsamkeit über den laufenden Wochenabschnitt vom Ende Jacobs, von dem die Sage geht, dass er nicht gestorben, auch hier gleichsam über den eigenen, so nahen Tod hinausgreifend, in Jacobs Unsterblichkeit die )'einige vorausahnend und voraus verkiindend. So kann man von dem Änfang und dem Ende seines Lebens sagen: ״Sie waren Gnadenerweisungen Gottes". Früh ward ihm die Palme des Sieges zu Theil und sanft entglitt sie zuletzt den müden Händen. Schnell und ohne Kampf, auf dem Lehnsessel ruhend, hauchte er seinen Geist ans. Mitten inne freilich, zwischen diesen natürlichen Grenzen seines Lebens, da fehlen nicht die Kämpfe und Entäuschungen, welchen, wie es scheint, gerade das am reichsten veranlagte Leben am meisten ausgesetzt ist.