Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453305--3899-3458303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitüng. Nr. 1. Jonathan hatte aber trotz des Korbes, den er von Wertheimers Tochter erhalten, keine Ursache, sich hierüber zu grämen,, da seine Kenntniße und Fähigkeiten bald anderweitige Anerkeunung gefunden haben. Der damalige böhmische Landesrabbiner Jsak Spira, Enkel des 1680 verstorbenen Prager Oberrabbiners Simon Spira, hatte keinen Sohn, sondern blos eine einzige, mit den schönsten weiblichen Tugenden geschmückte Tochter, Namens Elkele, die er mit einem kenntnisreichen Talmudisten zn verehelichen wünschte. Als nun R. Jsak Spira erfuhr, dass Wertheimers Tochter den Plan ihres Vaters vereitelte, schrieb er sofort an Jonathan, dass er gerne bereit wäre, ihm seine Tochter zur. Gattin zu geben. Gleichzeitig sandte er ihm eine hübsche Summe Geldes, damit er sich angemessene Kleider anschaffen und ein schönes Brautgeschenk milbringen könne. Jonathan folgte bereitwilligst dem Rufe, der an ihn ergangen, und wurde der Schwiegersohn des hochgeachteten Ober- Rabbiners Spira, unter dessen Leitung er seine Studien mit ausdauerndem Fleiße fortsetzte und es in kurzer Zeit so weit brachte, dass er im Alter von achtzehn Jahren 1708, von der Jungbunzlauer Gemeinde zu ihrem Rabbiner ernannt wurde. Hier jedoch mochte es ihm wohl nicht sehr behagt haben, denn schon ihm Jahre 1711 übersiedelte er nach Prag, wo er die Bekanntschaft des scharfsinnigen Talmudgelehrten Samuel Joss oder Krakauer und Jona Bunzel Landsofer machte und öffeutliche Borträge hielt. Nach zweijährigem Aufenthalte verlies; er Prag und begab sich nach Hamburg, wo er sich der Jahre 1713 und 1714 im Hause des Großvaters seiner Frau, Mordechai Kohu, der ein Mäcen der Gelehrten war, aufhielt und die Zeit dazu benützte, sich * 11 allen Zweigen der rabbiuischen Littcratur zil vervollkommnen. Als er dann wieder nach Prag zurückkehrte, umrde er zum Prediger einer Synagoge ernannt. Seine Vorträge verfehlten umsoweniger Sensation zu erregen, als er die hohe Gabe besaß, die erhabensten und geistreichsten Ideen in populärer Form zum Ausdrucke zn bringen. Das Amt eines Volksredners allein war jedoch nicht geeignet, den großen, starken nach Heldenthaten dürstenden Geist Jonathans zu befriedigen. Er habilitirte sich daher bald als Schulrector, indem er in seiner eigenen Wohnung ein rBeth Hamidrascli״ (Lehrhaus) errichtete, in welchem er täglich für junge Leute talmudische Vorträge hielt. Seine von ungewöhnlichem Scharfsinn zeugenden Vorträge wirkten so zündend und anregend, dass von allen Richtungen der Windrose wissbegierige Jünger schaarcnweise herbeiströmten, um mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen zu lauschen. Jonathan blieb aber nicht blos bei den Studien des Talmuds stehen, sondern war eiftigst bemüht, sich auch historische, philosophische, mathematische und geographische Kenntniße anzueignen. Auch auf dem Gebiete der medicinischen Wissenschaften war er kein Laie. In Folge seiner vielseitigen Bildung kanr er auch mit nichtjüdischen Gelehrten in Verbindung, die seinen Scharfsinn und seiner immensen Gelehrsamkeit Anerkennung zu zollen keinen Anstand nahmen. Bei seinen Controversen, die er mit denselben hielt, gelang es ihm nicht selten, die boshaften Vorwürfe, die sie gegen das Judenthum erhoben, glänzend zn widerlegen und die von ihnen versuchten Angriffe gegen das jüdische Schriftthum entschieden zuriukzuweisen. (Fortsetzung folgt.) Meine Chronik. Wien. Die Nachricht von dem Tode Dx. I e l l i n e f§ kommt vollständig unerwartet und wird daher um so schmerzlicher wirken. War Doctor Jellinek auch leidend und geschwächt, so konnte man die Nähe der Katastrophe doch nicht voraussetzen. Vor drei Tagen erst musste Dr. Jellinek das Bett aufsuchen. Die Äerzte constatirten eine Gedärmkrankheit, die m Folge einer Darmverschlingung plötzlich einen höchst bedenklichen Charakter annahm. Bei dem geschwächten Köcperzustandedes Patienten war jede Hoffnung auf Wiederherstellung ausgeschlossen. Donnerstag Abends wurde im Tempel in der Seitenstettengasse für den Schwerkranken TMllim gesagt. Der Cultusvyrstand, sämmtliche Rabbiner, Prediger und Cantoren nahmen an der Andacht theil. Obercantor Singer und Cantor Schi l l e r recitirten abwechselnd die Psalmen. Tiefergriffen kehrte ein Theil der Andächtigen an das Krankenlager zurück, wo der Eintritt der Katastrophe jeden Augenblick bevorstand. Um 7 Uhr Abends wurde Dr. Jellinek von seinen Leiden erlöst, er ist sanft und ruhig entschlafen. Die Söhne, Director Emil Jellinek und Dr. Max Heinrich Jellinek, drückten dem Vater die Angen zu. Die letzte Predigt hat Dr. Jellinek am 22. Dezember, Säbbath Wajchi, gehalten. Es ist, als ob ihn eine »Ahnung beschlichen hätte, dass er zum letzten Male zil seiner Gemeinde sprechen werde. Das Thema, das er sich wählte,-, war aus den letzten Tagen des Patriarchen Jacob entnommen. Der. Gedankengang dieser Rede war ungefähr: ״Im letzten Abschnitte des ersten Thorabllches finden wir, Jacob, den dritten Patriarchen, auf dem Krankenlager. Der Hochbetagte fühlt, dass seine Tage gezählt seien und ihrem Ablaufe nahen. Er würde ruhig ergeben aus dem Leben scheiden, wenn ihm nicht die Unverträglichkeit seiner Söhne das Gemüth belasten würde. Zwar war sein Auge vom Alter umnachtet und vermochte die Gesichtszüge derselten nicht zu erkennen und zu unterscheiden. Aber welcher Vater trügt liicht die Bilder seiner Kinder im Herzen tief ein-׳ geprägt und unverwischbar in seiner Erinnerung? Vordem Erlöschen seilres Lebens will er die Söhne in seiner Umgebung wissen. Er ruft sie zusammen, ertheilt ihnen aber zugleich einen, nachdrucksvollen Wink, dass sie fortan in Eintracht, friedlich und verträglich Zusammenleben sollen, da sie doch alle die gleiche Herkunft haben, Kinder eines Vaters, daher Brüder sind. Sein Ruf geschah nämlich mit den Worten: ״Versammelt euch, vereinigt euch, Söhne Jacobs, horcht auf Israel euern Vater!" Wohlerwogen nennt sich Jacob auch Israel; denn in diesem Namen ruht die Lebensaufgabe, die Bestimmung, der Beruf aller seiner Sprossen auf Erden. Israel heißt Äotteskämpfer; für Gott, für Erkenntnis der Wahrheit, des Rechtes und der Menschenliebe zu kämpfen und zu streiten, zu tragen und zu drllden — dazu sind die Söhne der Patriarchen erkoren worden. Darum sollen sie sich immer als Brüder fühlen, in der Einheit ihre Stärke suchen llnd finden. Eine lange Zukllllft dehnt sich vor ihnen alls und harret ihrer. ״Bedenket daher was euch begegneil kann m späteren Tagen!" sprach der sterbende Vater. Eimnal wird ja doch jene Zeit erscheinen, wo die Völkerstäiume ans Nacht unb Finsternis dem Lichte nach wandeln lverden, dem Lichte, das ihnen alls der Mitte Israels erglänzt und erstrahlt. Darum sollen die Söhne Jacobs alle vereint und' uild verbrüdert sein, alle die Jacob ihren Vater nennen, die sich zu Israel bekennen." — Das Leichenbegängnis findet Sonntag, den 31. Dezember statt. Die Leiche wird im Tempel in der Seitenstettengasse aufgebahrt, woselbst um V211 Uhr Vormittags eine Trauerfeier abgehalten wird. Von hier wird die Leiche auf den Centralfriedhof überfichrt. Im Tempel wird Oberrabbiner Dr. Güdemann die Trauerrede halten, in der Ceremonienhalle am Friedhofe werden Rabbiner Dr. S ch m i e d l, Rabbiner Dr. Wolf und Seminarrector Dü Schwarz -sprechen. Die cantoralen Functionen im Tempel wird'Obercantor S in g er, am Friedhofe Obercantor G o ld stein versehen.. Wien. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Heinrich Stegdr,. "als Abhandlungspfleger des im Vormonate verblichenen Herren- Hausmitgliedes Moriz Freiherrn v. K ö n i g s w a r t er, - waft bereits in der Lage, den Vereinen und Anstalten, welche an-