Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Gesterreichisch-nngarische. Lantoren-Zeitung. Nr. i\ Mit Dr. Adolf Jellinek sinkt ein Mann in die Grube, dessm Bild׳ in erster Linie im Tatar seiner Amtstracht vor uns steht, aber Dr. Jellinekwar auch ein bedeutender GeHrter und seine Werke sind Bausteine von kostbarem Wertste,'--deren die Welt.der Forscher auf homiletischem Gebiete nicht entrathen kann. -i- ־je. . ־' ->- Adolf Jellinek wurde am 26. Juni 1821 in Drslowitz bei Ungarisch-Brod geboren. Im Alter von fünf Jahren verlor er seine Mutter und wurde deshalb nach Ung. Brod - in das Haus seiner Großmutter gebracht. Hier blieb er bis zum Jahre 1834, in welchem Jahre er die rabbinische Hochschule in Proßnitz besuchte. Er erregte durch seine geistigen Fähigkeiten, namentlich aber durch seine seltenen Gedächtnisgaben Aufsehen. In wenigen Monaten erlernte der Knabe die italienische und französische Sprache so vollkommen, dass er Andere darin zu unterrichten vermochte, Nach vierjährigem Aufenthalte in Proßnitz ^ieng Jellinek nach Prag. In der böhmischen Hauptstadt, in welcher er als Erzieher wirkte, widmete er sich den Gymnasialstudien und dem Studium der neuen Sprachen und kam, 21 Jahre alt, nach Leipzig, bezog die dortige Universität, an welcher er orientalische und. historische Studien betrieb, ohne die rabbinische Wissenschaft zu vernachlässigen. Im Jahre 1845 betrat er zuerst die Kanzel der Israeliten- Gemeinde in Leipzig und erhielt später einen Ruf nach Wien, wo er seit dem Jahre 1857 segensreich wirkte. Seine Predigten erregten chres geistvollen Inhaltes wegen Aussehen. Sie sind in den Jahren 1863 bis 1866 gesammelt erschienen. Auch in den verschiedensten Gebieten der jüdischen Wissenschüft Lethätigte sich Jellinek und gab zahlreiche werthvolle Schriften heraus. Im Jahre 1882 begieng er unter großen äußeren Ehren das Jubiläum seiner 25jährigen Wirksamkeit in Wien und erst vor zwei Jahren feierte er seinen siebzigsten Geburtstag in vollster Mstigkeit. Jellinek wirkte vorerst in der Leopoldstadt und kam im Jahre 1864 in den Stadttempel, an dem er seit dem Ableben seines Anitsvorgängers, des Predigers Mannheimer (18. März 1865), als erster Prediger wirkte. Er galt als einer der ersten Thalmudkenner der Gegenwart. Jellinek ist bis in seine letzten Lebenstage ein Heros des Wortes geblieben und das Andenken an sein glänzendes Wirken wird in der Wiener Cultusgemeinde und außerhalb derselben «via fortbestehen. Sitten und Bräuche der Inden im O ri ent. Bon Dr. M. ®tönte alb, Großrabbiner von Bulgarien. Die Votbe-midrasebim ״Lehrhäuser" unterscheiden sich dadurch von den Lollis K'nessetb Versammlungshäuser, (Synagogen), dass in denselben mit dem Morgengebete viel ftüher begonnen wird, und dass die üblichen 18 Abschnitte (Pirke) Mischnajoth, eine bestimmte Anzahl Cäpitel von Psalmen und der für jeden Tag bestimmte Theil des Cbok l’Israel gesagt wird. Sämmtliche 150 Psalmen werden von Sonntag bis Donnerstag recitirt; am Freitag ist, wie wir bereits erwähnt, ein besonderes Büchlein, das vor dem Gebete recitirt wird. Aus dem Buche Obok!,Israel wird in folgender Weise gelesen: Zuerst werden einige Verse sebnajim mikro ^'eaebar targum d. h. jeder Vers wjrd zweimal im hebräischen, massoreüschen Text und dann im Targum recitirt, darauf der Satz aus der h. Schrift barnob adonaj leolam amen we’amen; ״Gelobt sei der Ewige in Ewigkeit, Amen und .Amen",-dann "wird ein Theil der Haftora des betreffenden Abschnittes gleichfalls im Urtext und Targum gelesen, darauf einige Verse aus den Sprüchen Salomons mit Targum; nach diesem Mischnajoth, hierauf eine Halacha, die auf die Mischnajoth Bezug nehmen. Letzteres wird vom Chacham oder Chasau % spagnolischer Sprache vorgetragen, in eben derselben Sprache wird auch der Sohar, ein Abschnitt aus dem Rambam .und einem Sefer hamussar ״Buch der Moral" verlesen,- und der Kaddiscli de rabbanan nach Art der Sephardim. beschließt die Vorgebete. Wenn noch Zeit ist, wird das schöne Gedicht jedid nefescb aw horachamon ״Freund der Seele, barmherziger Vater" gesungen. Zur Jahreswiederkehr des Andenkens an verstorbene Verwandte, nach einem schweizerischen Brauche ״Jahrzeit" genannt,das sich übrigens nebenbei bemerkt auch bei den Sephardim eingebürgert hat, besteht hier die Sitte, am Samstag, der der Jahrzeit vorangeht, bei allen Gebeten, also bei Maarib (Arwith) Freitag Abends, Scbacbaritb, Mussaf und Mincha, Kaddiscli zu sagen und sich zur Thora rufen zu lassen. Sogenannte Mischeberacb ״Wer die Patriarchen Abraham, Jsak und׳ Jakob gesegnet hat', segne N. N." sind an Wochentagen nicht üblich; hingegen wird fast von Jedem, der zur Thora gerufen wurde, eine Geldspende dem Sebamas übergeben, auf dass er in das Ner tomid ״itt das ewige Licht" Oel gieße. Ist doch das Oel so schön das Sinnbild der Lehre Gottes, wird doch Israel selbst mit der Oelbeere verglichen, die je mehr sie gedrückt und gepresst wird, desto feineres Oel gibt. Hut) auch Israel, wenn Druck und Noth auf ihm lastet, beweist seine Treue und Anhänglichkeit an seinen Hort, an den ewigen Gott, den Herrn des Himmels und der Erde, und dadurch bezeugt es seinen wahren Adel; wie der Dichter sagt: ״Ein niederer Sinn ist stolz in Glück-, -in-Leid bescheiden. Bescheiden ist in Glück ein Edler, stolz in Leiden." Wenn ein Anverwandter das Zeitliche segnet, und die übliche Trauerzeit gehalten wird, spricht.der die trauernden Personen Besuchende nicht nur nach türkischer Art, sondern auch mit türkischen Worten: Basin saolsun, zu deutsch: Ihr Kopf möge leben, spaniolisch Su caveza ehe biva und die Trauernden antworten ebenfalls mit den türkischen Worten : Dostlar saolsun, zu deutsch ״die Freunde mögen leben", spagnolisch Losvamigos cbe bivan. Auch hier besteht die Sitte, dass sämmtliche in Trauer sich befindenden Personen in einem gemeinschaftlichen Zimmer die 7 Trauertage verleben, in der Regel in demselben Zimmer, in welchem die entschlafene Person das Zeitliche gesegnet hat. Die Verlobung geschieht hier in viel feierlicherer Weise als bei den Juden Europas und zwar nicht ohne Grund, da die Mädchen hier nicht nur viel ftüher verheiratet, sondern, was naturgemäß, auch um ein Bedeutendes früher verlobt werden. Verlobungen von jungen Leuten dauern hier 2, 3, ja sogar- 4 Jahre, und werden trotz oder vielleicht wegen der langen Dauer gar oft aufgelöst. Zur Verlobung kommen diebeiderfettigen Verwandten, gute Freunde in das Elternhaus der Braut, und zur bestimmten Stunde, wenn man im Orient, - wo das Gesetz der Trägheit besonders deutlich zu Tage tritt, überhaupt von.-Pünktlichkeit sprechen darf, beginnt der Chasan einen