Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 30 (21.12.1893)
- Date
- 1893-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 30. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Opfer und Spenden des Geistes. Und wo sich diese beiden Eigenheiten des Durchschnittsmenschen zu allen Zeiten bewahrheiten und bewährten, konnten die derzeitigen Priester nimmermehr im Ansehen des Volkes höher steigen, als was sie in Wirklichkeit nur waren, nichts anders als: ״Kauhaniin״, Diener des Volkes und sodurch erst auch Diener Gottes. Mt diesem Opferdienst ist nun auch unser Gebetdienst vollkommen identisch; auch dieser hat dieselben Ideale bezüglich der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Individuums in religiösen Dingen. Beide sind aber auch noch in einer anderen Hinsicht völlig gleich, indem auch der Gebetcultus die volltommene Vereinigung und Zusammenhaltug aller Gedanken und Sinne auf den einen Gegenstand der momentanen Bethätigung erfordert, wenn er nicht ebenso wie jener durch einen Unrechten Gedanken und falsche Bestimmung entweder untauglich und nutzlos (פסול) oder gar entwürdigt und entwecht (פגול) werden sollte. 9£ur verhält sich der Opferdienst zum Gebetedienste, wie der Körper zum Geiste. Dort ist ein Opferthier das Object der Helligen Handlung, worin gewöhnliches Händewerk vereint mit edlem Gedanken gemeinsam zum Ausdrucke kommen; hier aber ists nur der Gedanke und nur die Seele, die in Thätigkeit zu sein brauchen, ja sein müssen, um den Dienst zu einem vollkommenen und der Vernunft entsprechenden zu gestalten. Und wenn sie auch beide gleichmäßig rein von jedem Aberglaube!: und frei von jedem Unglauben sein müssen, so erheischt der letztere doch noch ungleich mehr, indem er von jedem Einzelnen, der unter seine Fahne tritt, eine ansehnliche Summe von Kenntnis und Wissen und eine entsprechende Vorbildung, sowie volle Hingabe zur Sache und vollen Emst fordert. Hier wird Mancher höchlich erschrecken und mit Entrüstung ausrufen: ״Wozu denn diese übertriebenen Anforderungen alle, sie sind ja vollständig überflüssig! Und besonders die ungeheure Zumuthung, dass jeder Beter einen besttmmten Grad von Wissen und Kenntnißen mit sich führen muß, wenn er recht beten will, das ist doch wahrlich ganz unnöthig! Unsere Weisen haben schon gegen ein solch' unmäßiges und nicht!nehr zeitgemäßes Verlangen längst Vorsorge getroffen, indem sie die köstlichen, wahrhaft humanen Aussprüche thaten: רחמנא לבא בעי״" sowie auch: ״מחשבה כמעשה״• Gott weiß ja, wie es jeder meint, und wenn nur das Herz fromm und gut und auch der gute Wille dabei vorhanden ist, wozu dann noch das Gebet verstehen und es vielleicht gar :wch rechtmäßig, nach wissenschaftlichen Formen hersagen müssen? Das find nur leere Ausreden und falsche Voraussetzungen, so ist es wahrhaftig nicht gemeint. Es ist gerade, als ob man aus diesen viel und oft gebrauchten Redensarten Folgendes herauskalkulieren wollte: Da doch Gott der Allwissende ist, so wird er wohl der Gebete Sinn und Bedeutung aufsZallergenaueste kennen und verstehen, und da er nur aufs ftomme Herz u!:d den guten Willen schaut, so genügt ihm das vollkommen und darf der Betende den Text so kauderwälsch sprechen, wie er es nur in seiner Unwissenhell ferttg bringen kann, und darunter verstchen, was er will; Gott legt ihm das Gebet schon zurecht und nimmt es so liebevoll auf, als ob es in vollendetster Weise verrichtet worden wäre. Wer das glaubt und damit seine große Frömmigkeit und seinen starken Gottesglauben bekunden will, ist einfach ein — Narr, mit dem nicht zu streiten ist. Er treibt mit dem allerhöchsten Namen ein Kinderspiel! Wenn es heißt: ״Gott derlangt nur das Herz", so meint man damit eben ein verständiges, kein dummes Herz, und ein Herz voller Vernunft und Intelligenz besitzt schon von selbst alle die guten Eigenschaften, wodurch ein Gebet zur Vollkommenheit gelangt. Denn wenn Rabbi Elieser ben Aroch unter den fünf Schülern Rabbi Jochanan ben Sakai's mit, seinem Ausspruche: Zur rechten Lebensart, woran der Mensch festhalten soll, gehört vor allem ״ein gutes Herz", bei seinem Lehrer den Preis errungen hat, so geschah es auch nur deshalb, weil, wie der Preisrichter sein Urtheil mottvirte, in diesem Ausspruche auch die Angaben der Anderen mit einbegriffen waren. Und wenn Gott einen guten Vorsatz zur ausgeführten That anrechnet, ist es auch nur so gemeint, wenn dieser Vorsatz ohne eigenes Verschulden vereitelt wurde. Sitten und Bräuche der Juden im Orient. Von Dr. M. G r ü n w a l d, Großrabbincr von Bulgarien. Eine fernere Eigenthümlichkeit der Sephardim ist es, dass sie mit der größten Gemüthlichkeit die hebräischen Worte theilen und folglich z. B. die erste Sylbe am Schlüsse der einen Zeile und die folgenden auf die zweite Zeile setzen. Das Recht, die Haftora ') zu sagen, wird besonders licitirt. Dass die einzelnen Laxbtarotb von den bei den Aschkenasim * 2) üblichen abweichen, setzen wir als bekannt voraus.-Am Schluffe, jeder Haftora wird stets der Bibelvers goalenu adonäj Zebaoth schemo kedosch. Jisrael. ״Unser Erlöser ist der Herr der Heerschaaren, sein Name der Heilige Israels". Es scheint in der That dieser Schlussvers darauf hinzudeuten, dass die Haftaroth in einer solchen Zeit entstanden sind, wo Noth und Druck sehr groß gewesen und selbst das öffentliche Studium der Thora sund des Talmud von Seite der Regierung stark verpönt ward, daher der Anfang: ״Unser Erlöser j ist der Herr der Heerschaaren" und auch der Schluss dieses Satzes ״sein Name ist der Heilige Israels" ist nicht ohne tiefe Bedeutung ftir die Lehre des Judenthums. Das Judenthum nämlich kennt keinen Heiligen außer den einig einzigen Gott; selbst die Engel sind nicht rein in seinen Augen, um wie viel weniger ein Mensch? Das Streben nach Heiligkeit sollen wir alle besitzen, aber auch dessen stets inne werden, dass wir bei allem Streben nach Vollkommenheit doch mangelhaft sind, wie schon Sophokles und nach ihm Lessing so wahr sagt: ״Es irrt der Mensch, so lang er sttebt." Eine fernere Eigenthümlichkeit der im Oriente lebenden Juden ist es, dass die Bejahung von ihnen, mit einem Kopfschütteln begleitet wird, d. h. dass sie einige Male den Kopf hin und her bewege!:, es wird dies, wie mir scheint, im Talmud mit 3 מנענע ראשו) ausgedrückt, wie dieses Wort auch von Gott gebraucht wird. Die Veriwinung wird hingegen durch einen Laut der Verachtung, der beiläufig tjuk lautet, ausgedrückt. 1) lieber die 3 verschiedenen Erklärungen des Wortes Haphtora siehe Abudirham (David b. Josef ben David) Blatt 37 b. Cola; 2) Es verdient nachdrücklich hervorgehoben zu werden, dass nicht sämmtlich Bewohner Spaniens sich Sefardim nannten, wie dies allgemein angenommen wird. 3) Das ״Kopfschütteln" wird bei den Europäern als Zeichen des Unglaubens betrachtet und ausgelegt; es ist dies entschieden ein altes orientalisches Erbstück, und selbst die übrigen Bewohner Bulgariens — nicht nur die Türken, sondern auch die christlichen Bulgaren haben noch immer diese Art der Bejahung. — lieber den Ausdruck מנענע ראשו ״er schüttelt sein Haupt" siehe bes. den Satz im 1. Perek des Tractates Beraehoth בשעה שעונין אמן יהי שמו הגדול מבורך ה?״ בה מנענע ראשו וב'