Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 29 (11.12.1893)
- Date
- 1893-12-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeilung. Seite 5. Ich bin überzeugt, dass Seine Majestät der König von Sachsen dem weltbekannten Grundsätze des großen, unsterblichen Preußenkönigs: ״In meinem Staate muß jeder nach seiner Fayon selig werden können", huldigt, und ich muß daher das hohe Ministerium bitten, ' von dem wahren Sachverhalte Kenntnis zu nehmen und seiner Majestät, dem König, gehorsamst Kenntnis zu geben. Dieser Sachverhalt aber ist der, dass der Genuß rituell zubereiteter Speisen für die strenggläubigen Israeliten ein heiliges Gebot ist, dessen Nichtbeobachtung als schwere Sünde gilt. Aus diesen Gründen wird die ministerielle Verordnung über die vorherige Betäubung der Schlachtthiere zu einer die Glaubens- und Gewissensfreiheit der orthodoxen Israeliten unterdrückenden Maßregel. Waren die Rinder Israel jemals in EMpten? Das soeben erschienene Decemberheft der ״Preußischen Jahrbücher" bringt einen Aufsatz aus der Feder Ludwig Rieß', Professor der Geschichte an der Universität in Tokio (Japan), welcher sich mit der Frage beschäftigt, ob die Kinder Israel jemals in Egypten gewesen sind. Die Ausführungen des Verfassers, die auch das Interesse weiterer Kreise beanspruchen dürften, wenden sich in erster Linie gegen die Forschungsresultate, welche die beiden fachmännischen Autoritäten Bernhard Stade, Professor an der Universität Gießen, und Dr. Eduard Meyer, Professor an der Universität Breslau, in den letzten zwölf Jahren über diesen Gegenstand' veröffeMtchtthaben. '׳ ׳ Die genannten Autoritäten haben auf das Entschiedenste die Wahrheit der Thatsache bestritten, dass die Kinder Israel jemals in Egypten gewesen sein sollen, wie uns im alten Testamente berichtet wird. Rieß wendet sich gegen beide Forscher und weist nach, dass ihre Behauptungen auf recht schwachen Füßen st ehe n. Er hält entschieden daran fest, dass die alte Tradition einen Kern von Wahrheit berge. Nach seiner Auffassung verhält sich der historische Vorgang etwa folgendermaßen: Bald nach der Vertreibung Hyksos eroberten die egypüschen Könige einen großen Theil Syriens; während dieser Eroberung halten die Israeliten im nordöstlichen Egypten, im Lande Gosen Aufnahme gestlnden. In der Mitte XV. Jahrhunderts bedrohten jedoch die Chetiter vom Norden her die egyptische Herrschaft in Palästina, so dass sich die Egypter hinter den Isthmus von Suez zurückziehen mussten. Da Gosen eine Grenzprovinz war. so erklärten sich die in der Bibel erwähnten Bauten der Vorrathsstädte Pithon und Ramses aus militärischen Erwägungen und die harten Frohnarbeiten der Hebräer aus der egypüschen Landesverfassung. Es brachen aber nomadische Stämme von Osten und Westen ein, wodurch kriegerische Verwickelungen in Egypten entstanden. Im Verlaufe derselben müssen die Israeliten zunächst über die Landenge von Suez in südöstlicher Richtung mit anderen nomadischen Stämmen gezogen sein. Auf der Halbinsel Sinai, im Osten des Busens von Suez, werden dann die Israeliten gezeltet haben/was mit der biblischen Darstellung übereinsümmt. Die höchste Beweiskraft schreibt Professor Rieß dem im 15. Capitel des Exodus eingeschalteten Lobgesang Mosis zu und stellt fest, dass von einem Durchschreiten des Meeres von Seiten der Hebräer gar keine Rede ist; es kann sich lediglich um den Untergang einer egypüschen, zur Züchügung der Jsraeliten besümmten Flotte gehandelt haben. Die bekannte Erzählung von dem trockenen Durchzuge der Kinder Israel und dem Untergange Pharaos ist nach der Ansicht des Professors Rieß dadurch entstanden, dass die Israeliten in späterer Zeit, als Bewohner des Binnenlandes Palästina von der Küste abgeschlossen, die etwas bizarren Bilder rat Lobgesange Mosis gar nicht mehr richüg verstanden hatten, weil ihnen die Phänomene des Meeres zu fremd geworden waren. Ihre Phantasie schmückte daher die Erzählung in der bekannten Weise aus. Reb Anschel. Auf der Jeschiba in Furth wurde er kurz nach! seinem Geburtsorte Dingsdorf — Anschel Dingsdorf genannt. Als er aber zu Amt und Ehren gelangte, verwandelte er seinen Namen in den modernen Namen Anselm, bediente sich gleichfalls wegen der Aufklärung nicht des Namens( Dingsdorf, sondern Rothschild und schrieb sich lieber Lehrer als Rebbe. Seine Gemeinde und seine sonstigen Bekannten hatten gegen diese Metarmophose nichts einzuwenden. Auch wir wollen ihm dieses Vergnügen gönnen, findet er doch noch heute Nachahmer: so gibt es z. B. lauter Cantoren u. s. w. ohne dass die betreffenden immer auch die hiezu nöthige Qualifikation besäßen. Das Maß seines Glückes sollte aber noch größer werden. Er heirathete nämlich bald darauf die Tochter des erblindeten Rabbi, wodurch er in den Besitz einer vollständig eingerichteten Wirtschaft gelangte, und seine Gemeinde zahlte ihm ein Aequivalent für die jetzt nicht mehr nöthige Staüon; außerdem kam er in den Besitz eines Krämleins mit Nadeln, Zwirn und Bändchen u. s. w., das weiland die Schwiegermama betrieben hatte, das dm Grund seiner Ansässigmachung bildete. Aber mehr als alles dies war der Werth der Geschicklichkeit seiner Frau für ihn, die nicht nur ein kleiner Lamden, sondern wie er, eine sehr schöne Schreiberin in jüdisch-deutscher Currentschrift war. Rothschilds Aufgabe bestand blos darin, die jüdischen Ortskinder vom Morgen bis zum Abendum sich zu haben, sie rat Hebräischen, die Mädchen im Lesen und ״Leinen", die Knaben außerdem im Chumesch und Raschi zu unterrichten und die Begabteren anzuleiten, sich auch im Meere des Talmuds einigermaßen zurecht zu finden. Außerdem aber vermochte er, was andere Lehrer nicht konnten, seine Schüler jüdisch und deutsch wie gestochen schreiben zu lehren. Während er mit Fleiß und mit Erfolg seinen Verpflichtungen oblag, bediente Blümele, seine Frau, die Kunden im Hause, und da ihrer am Anfänge nur wenige waren, nahm sie auch keinen Anstand, ein ambulantes Geschäft zu errichten, d. h. mit dem Armkorb, welcher ihr Waarenlager bildete, im Dorfe von Haus zu Haus zu gehen, um ihre Waare an Mann und Frau, bei Bauern und Bäuerinnen anzubringen. Das gieng aber nicht lange so, denn es stellte sich der bei Gemeindefuncüonären am meisten zutreffende Kindersegen bald ein, mit ihm wuchsen aber auch die Bedürfniße. Wollte nun aber Rothschild, während Blümlein die Pflege der Kleinen auf der Sorge hatte, in's Geschäft eingreifen, so kamen lauter Mißgriffe heraus. Sehr oft gab er Waaren, die 3 Kreuzer kosteten, fttr 1 Kreuzer, dadurch erlitt er Schaden, oder er that es umgekehrt und verkaufte, was 1 Kreuzer kostete für 3 Kreuzer, wodurch die Kundschaft geschädigt wurde und ausblieb; außerdem bettachtete er die Zeit, die er dem Geschäfte gewidmet hatte, als eine schwere Versündigung an seinen Schülern und an der Pflicht, Thora zu lehren. Dadurch wurde natürlich der Wohlstand im Hause Rothschild nicht gefördert, er war schon zufrieden, wenn er, wie er sagte, hatte, was er brauchte. Nach Ueberfluss war sein Stteben nie gerichtet. Da griff aber die Vorsehung in Person der Staatsregierung sehr unangenehm in sein Schicksal ein — (Fortsetzung folgt.)