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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-12-01 · Heft 28 (1.12.1893) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 28 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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' Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 28. ■ Wien. Sonntag, den 19. November begieng der allgenteine Kranken-Unterstützungsverein ״Nächstenliebe" sein 25-jähr. Jubiläunt. Die aus diesem Anlasse erschienene Festschrift gibt ein anschauliches Bild über die segensreiche Wirksamkeit des 'Vereines, der von kleinen Anfängen ausgehend, namentlich in den letzten Jahren unter der Leitung des Obmannes, Herrn .Jacob T h e u m a n u, einen bedeutenden Aufschwung nahm. Ihm Macker zur Seite standen der Ehrenpräses L. Weiß und der Obmann-Stellvertreter PH. Weine r. Durch die im Vorjahre erfolgte Wahl des Schriftführers Arnold Fuchs und des Ausschussmitgliedes Emanuel Frankl kam ein frischer, be- -lebender Zug in die Verwaltung des Vereines, der auch bei dem Jubiläumsfeste zum Ausdruck gelangte. Sonntag Nachmittags um halb drei Uhr vereinigten sich die Vereinsmitglieder in impofanter Festverfammlung. Nach Begrüßung durch den Obmann wurde die vom Schriftsteller Ehrlich verfasste Festschrift zur Verlesung gebracht. Einen rührenden Anblick bot es hierauf, als jene Mitglieder, 22 an der Zahl, welche dem Vereine feit dessen Bestand angehören, mit silbernen Erinuerungs- Medaillen bedacht wurden. In Würdigung der hervorragenden Verdienste des Obmannes T h e u m a n n und des Schriftführers Fuchs wurde dem Ersteren eine goldene Erinnerungsmedaille, Letzteren: ein silberner Becher überreicht. Nach Absendung eines -Huldigungstelegranunes an Seine Majestät den Kaiser und Verlesung der Zahlreichen Begrüßungs- und Glückwunsch-Depeschen wurde die Festversammlung geschlossen. Um 5 Uhr Abends fand int Leopoldstädter Tempel ein feierlicher Festgottesdienst ׳statt, welchem Vertreter der Behörden, des Cultusvorstandes. fast sämmtlicher humanitärer Vereine, sowie zahlreiche Festgäste und Vereinsmitglieder beiwohnten. Nach Absingung des Sulzer'schen N3,1r towu und Hallelujah (Odeh. adonaj bech.01 lewow), bei welch' letzterem das Solo des Ober-Cantors I. Gold stein ׳von besonders schöner Wirkung war und die persönliche Leitung des Chores durch den Chormeister Joseph Sulz er sich geltend Machte, hielt Ober-Rabbiner Dr. Güdemann die Festrede. Anknüpfend an die Erzählung aus dem Talmud von dem großen Lehrer Hillel und dem Heiden, der die Glaubenssätze der jüdischen ׳Religion während der kurzen Zeit, als er auf einem Fuße stehen könne, erklärt wissen wollte, erläuterte der Redner das Wesen und den Begriff der Nächstenliebe im jüdischen Sinne und fand hierauf einen höchst wirksamen Uebergang zu der folgenden Seelengedächtnis für die verstorbenen Vereittsmitglieder. Zum Schluffe wurde ein dem Vereine zum 25-jährigen Jubiläum von Herrn Emil G o l d st e i n gewidmeter und von Ober- Cantor Gold st ein in Musik gesetzter Choral ״Das Lied, das heute hier erklingt" gesungen. — Um 8 Uhr Abends veranstaltete der Verein im Hotel Stephanie (Restauration Weiner) ein Festbankett, an welchem circa 250 Personen theilnahmeu. Nach dem ersten Gange brachte Herr Arnold Fuchs einen -Toast auf Seine Majestät den Kaiser aus, der von der ganzen Versammlung durch Absingung der Volkshymne und ein dreijaches, begeistertes ״Hoch" erwidert wurde. Hierauf toastirten Hexx Obmann I. T h e u m a n n auf die Mitglieder des Vereines, Herr Rosenzweig auf die Stadt Wien, Herr Dr. Marcus Spitzer auf die Förderer des religiösen und cultuellen Lebens, den Cultusvorstand, das Rabbinat und Cantorat und deren Vertreter, Herr Bunzl im Namen der humatiitären Vereine auf das fernere Gedeihen des Vereines ״Nächstenliebe", und Herr Prediger Dr. Ta glicht auf jene Nächstenliebe, welche sich in der Anregung des geselligen Verkehres unter den gesunden Mitgliedern und der neidlosen Theilnahme des Einen an den Freuden des Anderen manifestirt. Besonders sympathisch wurde ein Toast des Herrtt Bezirksausschusses Thyam ausgenommen, der dem Obmann die Glückwünsche der aus Bürgern des zweiten Bezirkes bestehenden Humanitären Tischgesellschaft ״Tigerhöhle" in einer kalligraphisch ausgeführten Adresse übermittelte. Unter jubelnder Zustimmung der Versammlung erklärte der Redner, dass die ״Tigerhöhle" jederzeit für die Gleichheit aller Bürger und für den -Frieden unter denselben eintreten und die gegentheiligen Bestrebungen der antisemitischen Hetzer mit allen Kräften bekämpfen werde. Als die Toaste beendigt waren, boten die hierauf folgenden Vorträge eine angenehme Abwechslung. Ein Trio> gespielt von den Herren S. Th enmann (Violine), Buxb aum (Cello), v. Zemlinsky (Clavier), die Liedervorträge des Fräulein W e i ß, Ober-Catttor Goldstein, Cantor Blatt, Ober-Cantor Bauer, Herrn Schwarz, sowie die humoristischen Vorträge der Brüder Golz fanden zahlreichen, wohlverdienten Beifall. Erst lange nach Mitternacht lichteten sich die Reihen der Gesellschaft und einmüthig kam die Anschauung zum Ausdrucke, dass die Erinnerung an das schöne und gelungene Jubiläumsfest des Vereines ״Nächstenliebe" allen Thellnehmern unvergesslich bleiben wird. Wien. Freitag, den 24. November ist hier Frau Lea Guttfeld, Gattin des allgemein geachteten emer. Cantors, nunmengen Privatiers Guttfeld, in hohem Atter gestorben. Die Verblichene war eine sehr wohlthätige und fromme Frau, die in dent engen Kreise ihrer Wirksamkeit hoch geachtet wurde. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 26. unter zahlreicher Betheiligung statt. Die Functionen versahen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Goldstein. Krernftor. Seit kurzer Zeit fungirt in hiesiger Gemeinde Herr Obercantor Grünwald, der aus Tachau hieher berufen wurde. Als Zeichen besonderer Anerkennung wurde der stipülirte Gehalt von 700 fl. auf 1000 fl. erhöht. Neustrasrtzitz, 15. November. Am vergangenen Sainstage eröffltete Sr. Ehrwürden, unser von der Hoheit k. k. Statt- Halterei bestätigter Herr Rabbiner I. B aum eilten Cyclus populärer, religionswissenschaftlicher Vorträge mit einer interessanten Ab- Handlung über das wahre Wesen und die Bedeutung des Judenthums. Der Vortrag, dem säntmtliche Mitglieder unserer altehrwürdigen Gemeiitde anwohnten, dauerte circa eine Stunde und war von jenem idealen Geiste durchdrungen, den die bekattnteit fachlitterarischen Werke des Vortragenden auszeichnett. Allseitiger Beifall lohnte die Mühe des Redners. Amiti. Fünfkirrften. Herr I. No senk aum, ehemals in Graz, ist in der Sonntag den 19. November stattgehabten General- Versammlung mit 132 gegen 56 Stimmen zum Obercantor gewählt worden. Die Minorität hat beschlossen, den Tempel zu meiden und ihre Andacht in einem Privatlocale zu verrichten. Hannover.Israelitisches Erziehungshaus. Hinter dem Dorfe Limmer, an der Landstraße nach Harenberg, dicht neben dem Limmerbrunnen, erhebt sich auf eingefriedetem Terrain ein kleiner Complex von Häusern: das neue israelitische Erziehultgshaüs. Das Ganze entstand auf Anregung und unter kräftigster Unterstützung des Consuls a. D. Simon, der vor allen Dingen den Grund und Boden, 48y2 Morgen umfassend, dem Unternehmen zur Verfügung stellte. Im October v. I. wurden die Baulichkeiten in Angriff geilontmen. Man hatte dazu die alte Strohmeyer'sche Apotheke an der Ecke der Schiller- und Steinthorstraße auf Abbruch erworben und stellte dies Gebäude nächst der Chaussee ziemlich in feiner alten Form, nur durch verandenartigen Vorbau verschönt, wieder auf. Etwas davon entfernt, wurde das ebenfalls abgebrochene Gebäude des jüdischen Seminars, früher in der Andertenschen Wiese gelegen, aufgebaut und als drittes Gebäude aus neuem Material eine' Scheune mit Dreschdiele und Pferdestall. Hinter und neben diesen Gebäuden erstreckt sich Grundbesitz der Anstalt, dessen Ausdehnung man daraus ermessen kann, dass die aus 30.000 Stämmen bestehende Obstbaumschule darin ganz verschwindet, und dass ebenso die 800 über das Terrain vertheilten Stand-Obstbäume gar nicht auffallen. Vielmehr geht man mit der Absicht um, noch weitere 600 Bäume anzupflanzen, ohne dass dadurch die Gegend den Anstrich eines Obstgartens gewinnen wird. Der Zweck der Anlage ist der Unterricht und die Erziehung jüdischer Knaben und ihre Heranbildung für den Beruf der Landwirthe und Handwerker. Die Anstalt ist vorläufig auf 60 Knaben resp. Lehrlinge eingerichtet; doch hat man die Erweiterung von vornherein vorgesehen und auch die Anlage eines Erziehungshauses für Mädchen. Seit Juni dieses Jahres ist die Anlage fertig und wurde kurz darauf auch mit einem Bestände von vorläufig 26 Zöglingen in Betrieb gesetzt. Die Knaben im Alter von 6 bis 14 Jahren erhalten täglich 5 Unterrichtsstunden bei einem für diesen Zweck engagirten Lehrer und haben sich außerdem noch 3 Stunden mit leichten Gartenarbeiten zu befassen. Die׳

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