Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 28 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. und edlen Metallen aller Art ein Geschäft betriebest und Umgang mit reichen Leuten hattest, was bewog dich zu diesem Tausche? Darauf erwiderte der Kleinhändler: Fri'cher verursachte mir der Einkauf im Auslande viel Mühe und große Sorgfalt, musste große Kapitalien auf's Spiel setzen, machte nur selten Geschäfte auf kleine Percente. Hier schaffe ich mir meine Maaren ohne Mühe an, der Verschleiß ist enorm, benötige wenig Kapital, und das trügt mir große Interessen. So sprach Gott: ״Ich habe mir diese Welt geschaffen, dieses Volk gebildet, dass es meinen Ruhm verkünde. Wohl gleicht das Himmelreich einer Großstadt und die Engelschaaren sind herrlich; aber diese haben keine Bedürfniße, keine Leidenschaften. Die kleinlichen Erdenkinder bedürfen gar so Vieles, diese erkennen meine Macht und Größe, beten zu mir in ihren Leiden, loben und preisen mich in ihren Freuden." Damit deutet auch der Verfasser mehrere Midraschstelleu. Die beiden Brüder. Blatt 389. erklärt der Verfasser die Stelle als Jesaias (58, 7—7), Gott spricht: ״Das ist vielmehr ein Fasten, das ich liebe, brich den Hungrigen das Brot", durch folgendes Mofchol: Ein Vater hatte zwei Söhne, die in fernem Lande zusammen wohnten; der Eine war reich, der Andere sehr arm. Der arme Sohn beklagte sich beim Vater, dass der reiche Bruder ihm gar keine Unterstützung zukommen lässt, er ist hartherzig und habsüchtig, hat kein Erbarmen mit feiner traurigen Lage. Auch der Vater verwendete sich brieflich für den armen Sohn, doch vergeblich, der Reiche blieb taub gegen jede Vorstellung. Nach Jahren entschloss sich der reiche Sohn, dem alten Vater einen Besuch abzustatten. Als er im Hanse des Vaters ankam, machte er geltend, wie sehr er seinen Vater liebe und verehre, da er solche Opfer gebracht an Zeit/ Mühe und Auslagen, um seinen Vater zu besuchen. Der Vater antwortete: Du hättest mir noch niehr Ehre erzeugt und einen größeren Gefallen gethan, wenn du zu Hause geblieben wärest und diese Allslagen deinem armen Bruder geschenkt hättest. Wenn wir fastell und uns kasteien und damit llnsere Liebe zu Gott darthun, darauf spricht Gott: ״Brich dem Hiulgrigen dein Brot, ulld wenn du Nackte siehst, bekleide sie, hilf deinem armen Bruder auf, solch ein Fasten, solch ein Opfer ist mir gefällig. Der einzige Sohn und die Stiefmutter. Blatt 54 erklärt der Verfasser eine Midraschstelle zu Esther ankilüpfend ail dem Bibelworte: ,.Lassauss kirzaun Isch w’Isch“, der König Achaschwerosch befahl, nach dem Willen eines Jeden Beim Gastmahle zu handeln, dazu bemerkt der Midrasch (Jalkut zur Stelle) ״Isch“ deutet auf Mordechai, das andere ״Iseh“ deutet auf Haman. Diese dunkle Stelle löst der Verfasser geistreich durch folgendes Mofchol auf. Einem Manne starb seine junge Gattin, die er sehr geliebt, und sie hinterließ ihm einen Knaben, der sein Trost war. Er heirathete eine zweite Frau, diese Süestnutter hasste den Knaben, da gab es immer Zank und Streit. Sie vernachlässigte das Kind, gab ihm schmale Kost, der Vater, um den Hausfrieden zu erhalten, ergänzte heimlich, was die Frau vernachlässigte, er ließ dem Kinde in einem Gast- Hause die mangelnde Nahrung ersetzen. Da wurde der Knabe von einer gefährlichen Krankheit ergriffen. Nach längerer Zeit gelang es dem Arzte, den Knaben zu retten, jedoch mit dem Aufträge, eine gewisse Zeit strenge Diät zu beobachten. Jetzt, wenn ihln die Sttestnutter noch weniger Nahrung reichte, als früher, war der Vater damit vollkommen einverstanden. Der hungrige Knabe fragte bestürzt den Vater, warum er jetzt mit der Süestnutter übereinsümme, was früher nicht der Fall war, ob er ihn denn nicht mehr liebe. Wenn allch unsere Handlungsweise betreff der Kost jetzt übereinsümmt, sprach der Vater, so ist doch unsere Absicht sehr verschieden. Sie gibt dir wenig Nahrung aus Gehässigkeit, ich wieder aus Liebe zu dir, damit du vollkommen genesest, so hat es der Arzt angeordnet. Haman und Mordechai waren gewiss Gegner, doch in einem Punkte stimmten sie überein. Beide wollten die Juden vom Gastmahle des Königs fern halten; Haman aus Hass, weil er den Juden diese Ehre nicht gönnte; Mordechai aus Liebe, damit die Israeliten, seine Glaubensgenossen, in religiöser Beziehung nicht ausarten sollen. Somit bin ich mit meinen Betrachtungen über das Mofchol zu Ende. Es war das eine mühevolle Arbeit, aber ich hoffe auch lohnend. Ich nehme trotz meines Alters nicht für immer Abschied. Wir werden uns im Geiste, so Gott will, bald wieder litterarisch mit den Lesern dieses geschätzten Blattes begegnen: denn ich gehe von dem Grundsätze aus: ,.Li hi Chajeeho w’aurech Jomecho“! Rabbiner Wollner. Kleine Chronik. Wien. Am 15. November veranstaltete eine Tischgesellschaft in I. M i l l e's Restauration ״Hotel zur Nordbahn" 11., Praterstraße 72, eine Winterbekleidung für 26 arme Schulkinder ohne Unterschied der Cvnfession. Paarweise, voran die Mädchen, rückwärts die Knaben, kamen die Kleinen, schon in den neuen Kleidern und schön srisirt -- dieser Mühe hatten sich in liebenswürdiger Weise Herr und Frau R e i n d l unterzogen — in den Restaurationssaal einmarschirt und nahmen an einer reichlich gedeckten Tafel Platz. Nach einer kurzen, der Gelegenheit entsprechenden Ansprache des Schriftführers der ״Tafelrunde", Herrn Dr. L ö w y, erfreuten sich die Kinder an einer opulenten Jause, die ihnen vom gutmüthigen Wirthe und dessen liebenswürdiger Gattin, in Form von Kaffee, Gugelhupf re. servirt wurde. Für jedes Kind waren außerdem auf einem Teller Aepfel, Nüsse, Backwerk, Canditen und zwei Paar Würstchen vorgelegt, die der ״Tafelrunde" von dem Conditor, Herrn Kantor, dem Canditenfabrikanten, Herrn Heller, und dem Selchwaarenfabrikanten, Herrn THeumann unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden. Nachdem zwei Knaben in schlichten Worten für die reiche Bescheerung gedankt hatten, wurden jedem einzelnen Kinde die vor ihm stehenden Leckerbissen in eine große Düte gepackt, und schwer beladen und mit Freude strahlenden Gesichtern eilten sie ihren Angehörigen entgegen, die im Vorsaale auf ihre Lieblinge harrten. Um das Zustandekommen dieses schönen Wohlthütigkeitsactes haben sich der Obmann der ״Tafelrunde", Herr Beckert, sowie der Cassier, Herr Emanuel Frankl, besonders verdient gemacht. Anerkannt muß auch werden, dass der Kleiderlieferant, Herr L. Weiß, gleichfalls ein Mitglied der ״Tafelrunde", für einen verhältnismäßig geringen Preis ebenso schöne als praküsche Winterkleider besorgt hat. Wien. Am 16. November fand unter immenser Betheilignng sämmtlicher Wiener Bevölkerungskreise das Leichenbegängnis des Freiherrn Moriz von Königswarter statt. Im Trauerhause hatten sich Vertreter des allerhöchsten Hofes, der hohen Aristokratie, die Spitzen der Behörden und Deputationen vieler Institute und Vereine eingefunden, um der Witwe des Dahingeschiedenen und den Kindern desselben ihr Beileid auszudrücken. In unabsehbaren! Zuge bewegte sich der Leichenconduct von hier auf den Centtalfriedhof, woselbst Obercantor Singer, assistirt von den Cantoren Blatt und Schiller und dem Chorpersonale in tiefempfundener und zu Herzen dringender Weise die Trauerceremonie einleitete. Hierauf hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann eine wirkungsvolle Leichenrede, in welcher er den Dahingeschiedenen als Familienvater und Menschenfreund, als Förderer der Kunst und Wissenschaft und als Politiker schilderte. Am Grabe widmete Herr Secüonsrath Ritter von Honstetten-Morenstein im Namen der Genossenschaft der bildenden Künstler einen Nachruf dem edlen Kunstmäcen.