Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 28 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Gesterreichisch-ungarrsche Lantoren-Zeitung. Seite 3. Herzen ist und somit zu den innern und nicht äußern Pflichten gehört, das kann nur das Gebet sein." Damit ist nun wohl erklärt, weshalb das Gebet, das doch dem Verstände so nahe liegt und ein inneres unabweisbares Bedürfnis des Einzelnen wie des ganzen Volkes ist, nicht durch ein specielles Gebot in der Thora festgestellt und befohlen wird. Weil eben das Gebet zu den ethischen Pflichten des jüdischen Volkes gehört, welche vom freien Willen des Herzens ausgehen sollen und welche nur die gedankliche, geisüge Thätigkeit in Anspruch nehmen, von welchen die Thora aber nur eine kleine Anzahl besonders nam- Haft macht, indem sie den übrigen, größeren Theil derselben der späteren Lehre der Religionsphilosophie zur weiteren Bearbeitung und Belehrung zurücklässt. Daraus ersehen wir mm wohl, welche Ideale und welche veredelnde Läuterkraft auf Sinn und Gemüth das Judenthum dem verständnisvollen, innigen Gebete zuschreibt und von ihm erwartet; zugleich aber auch, dass es mit allen anderen Herzenspflichten und Geboten, die das Judenthum so verschiedenfach sein eigen nennt, auf einer Stufe steht und nicht im entferntesten die Bedeutung eines ausschließlichen, das ganze Judenthum überragenden und hinwegdrängenden Gottesdienstes, welchen Rang es thatsächlich bei anderen Religionen einnimmt, besitzt. Dieses festzustellen und zu unserem Bewusstsein zu bringen, ist der Zweck dieser einleitenden Worte zur folgenden Artikelreihe. Sitten und Bräuche der Inden im Orient. Von Dr.- M^.G r ü n w a l d, Großrabbiner von Bulgarien.! Eine fernere Eigenthümlichkeit der Sephardim ist es, die Thorarolle, die vor dem Leser geöffnet und nach allen Richtungen der versammelten Gemeinde gezeigt wird, mit einem Tuche oder Leinwand zu umgeben, damit man nicht die Thorarolle ״nackt" sehe. Es ist dies vielleicht eine Art Rücksicht, die man auf das talmudische Wort kol haodiez sefer thorah. orum, nikbar orum (b’lo mizwotb): Wer die Thorarolle nackt (ohne Umhülle) anfasst, wird nackt (ohne Erfüllung religiöser Pflichten) bestattet, zurückführt. Oder soll dies eine Reminiscenz an die Ziegenfelle sein, auf welche ursprünglich die Thorarollen geschrieben wurden? (Vrgl. Dr. A. Harkavy's: Neu aufgefundene Bibelh andschriften). Die Sehnsucht nach dem Lande Paläsüna und ganz besonders nach Jerusalem ist im Orient eine außerordentlich rege und lebhafte. Die meisten Männer, die das 60. Lebensjahr überschritten haben und nur theilweise im Stande sind, ein bescheidenes Leben daselbst zu führen, gehen mit ihren Frauen nach Jerusalem, um in dieser heiligen Stadt den Rest ihrer Tage zu verleben und in gottgeweihter Erde zu ruhen. Man würde aber irren, wenn man der Ansicht wäre, dass die räumliche Nähe die Ursache ist, da beispielsweise von Sofia aus die Reise ebenso lange dauert, als von Wien via Triest. Ja selbst die Spaniolen, die in Serbien leben, befolgen diese Regel und beschließen den Rest ihrer Tage in Jerusalem. Dass es jedoch nicht genügt, in Jerusalem oder in Paläsüna überhaupt die Lebenszeit dahin zu bringen, sondern, dass es die heilige Pflicht eines jeden Israeliten ist, durch Arbeit — geistiger oder körperlicher Art — den Lebensunterhalt zu verdienen, ist dem Kenner der jüdischen Religion klar; יברכך כל אשר תעשה sagt die heilige Schrift: Segnen wird dich Gott in allem, was du th u st, wenn du selbst thätig und arbeitsam bist und mit deiner schwachen Kraft dich bestrebst, eine nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden und zu bleiben. Gang und Haltung der Sephardim find echt spanisch d. h. stolz. Friedrich von Schillers Worte: ״Stolz lieb' ich den Spanier", und H. Heine's Selbstporträt, das mit den Worten beginnt: ״Ich bin gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen", weist ganz und gar auf die Sephardim; selbst der ärmste Mann, der Chamal, ״der Lastträger", der mit einigen Kreuzern täglich sein Leben fristet, trägt den Kopf hoch erhobm, wie ein König. Und wenn man sich fragt, was diesen Stolz trotz des großen Druckes, dem sie auch in der Türkei unterworfen waren, erhalten, so ist nur die eine Antwort, dass die stolze spanische Sprache von den seit 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden von diesen heute noch als eine heiligeSprache betrachtet wird. *) Die Namen der spanischen Juden sind von nicht minderem Interesse, da man hier auf Preeiado, Graziadio und andere echt spanische Namen stößt, und sind besonders die Frauennamen echt spanisch, wie Luna ״Mond", Benüna, (Mazal) ״Glück", und von Poesie getränkt. Die Abkürzungen der Männer- Namen sind für den Fremden fast unverständlich; so ist z. B. Matchun, ein Kosename für Abraham. Es ist nämlich Sitte im Orient die Silbe atschi oder etschi dem Vornamen beizufügen, so dass z. B. aus Abraham Abrahamatschi entsteht und aus diesem Abrahamatschi entsteht mit Hin- Weglassung des wesentlichsten Theiles Adr aha, Matschi und aus diesem wiederum Mat sch um Aus Jzchak wird Chakutaho nach derselben Methode, nur dass dem Gesetze der Bocalharmonie Rechnung getragen wird. Die Vocalharmonie ist ein in sämmtlich uralo-altaischen Sprachen gilüges Gesetz, demzufolge in einem Worte ausschließlich breite oder enge Vocale Vorkommen dürfen, a, o und u sind breite, e und i Laute sind enge Selbstlaute. Dieses sprachliche Gesetz ist auch im heuügen Ungarisch in voller Kraft, weil die ungarische Sprache gleichfalls zu den ural-altaischen Sprachen gehört, ebenso wie dies mit der türüschen der Fall ist. Diese Abkürzungen sind eben türkischen Ursprungs. Dass türüsche Sitten und Anschauungen sich bei den spaniolischen Juden üef eingelebt, ist in Folge des Jahrhunderte langen Aufenthaltes natürlich; außer des Ner tamid, das sich in jeder Synagoge findet, sind mindestens fünf kleine Lämpchen, entsprechend den fünf Ecken des sogenannten Magen David, in jeder Synagoge zu finden. Wer auch nur eine Moschee im Orient gesehen, wird zum mindesten die frappante Aehnlichfeit mit den vielen Lampen und Lämpchen in den Synagogen des Orients erkennen. Die Gebetriemen (Tefillim) werden auf die Hand stets sitzend gelegt, und beim Anlegen der Tefillim schel rosch erhebt sich der spagnolische Jude mit der übliche,! Grandezza von seinem Divan. Der Bequemlichkeit wird überhaupt manches Opfer gebracht; so werden beispielsweise nicht nur die Tefillim sitzend abgelegt, sondern sämmtliche Kaddischgebete werden von der versammelten Gemeinde sitzend angehört, sondern selbst der Ruf des Vorbeters bar’chu nach jischtabbach wird sitzend aagehört und erwidert mit den auch bei den Aschkenasim üblichen *) Ueber diese jüdisch-spanische Sprache vergleiche meine Arbeit : Zur romanischen Dialektologie. Heft I ״Ueber den jüdisch-spanischen Dialekt als Beitrag zur Aufhellung der Aussprache im Altspanischen, Belovar 1883, und meinen Aufsatz in der spanisch-deutschen Revue für Litteratur, Politik und Handel vom 1&. December 1878 (Madrid) Seite öl» bis 63a,